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Täve Schur ist seit dem 23. Februar 2021 90 Jahre alt. Foto: dpa
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90. Geburtstag von Täve Schur Der Klassenkampf hört nie auf

DDR-Sportheld und politisch von gestern: Täve Schur polarisiert noch zu seinem 90. Geburtstag. Was das mit ost- und westdeutschen Befindlichkeiten zu tun hat.

Wenn es um die Befindlichkeiten von Ostdeutschen geht, reicht der Name Gustav Adolf „Täve“ Schur. In der früheren DDR war der Radsportler ein Held. Die Machthaber liebten ihn, weil es aus ihrer Sicht einen besseren Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus gar nicht geben konnte. Die Menschen in der DDR mochten Schur aber mindestens genauso sehr, er gab ihnen ein bisschen Freude in einer Zeit, in der der Alltag davon nicht viel zu bieten hatte.

Schur ist am Dienstag 90 Jahre alt geworden, bis heute hat er viele Fans von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen. Gerade in der Generation, die mit ihm in gewisser Weise gemeinsam 1958 und 1959 Weltmeister wurde und zweimal die Friedensfahrt gewann. Weil Schur auch nach der Wende Ossi blieb, geografisch genauso wie politisch. Seine Aussagen zu den Mauertoten oder zum Doping, sie erscheinen geradezu bizarr.

Der „Jungen Welt“ hat Schur anlässlich seines Ehrentags ein Interview gegeben. Man könnte auch sagen, die „Junge Welt“ gab ihm ein paar Stichworte. Es fallen Sätze wie: „Mein Sport, meine Ausbildung, meine Erfolge sind untrennbar mit dem Gesellschaftssystem, mit dem sozialistischen Aufbau in der DDR verbunden.“ Oder: „Mein Anspruch war stets, kollektiv zu handeln, den Sozialismus mit aufzubauen. Auch durch meine Tätigkeit in der Volkskammer.“

Schur hat nie anders geredet, von manchen wird er deswegen gefeiert. Für viele andere gilt er als unverbesserlich. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ heißt es in einem Kommentar zu Schurs vermeintlicher Gradlinigkeit: „Stimmt. Immer schön im Sinne der Partei an den verderbenden Verlockungen des Lebens vorbeigestrampelt. So einer wie Täve hätte damals mit einer Absetzungbewegung zum Profitum der Klassenfeinde ein prächtiges Auskommen gefunden.“

Schur wurde zweimal Weltmeister im Straßenradsport. Foto: dpa Vergrößern
Schur wurde zweimal Weltmeister im Straßenradsport. © dpa

Auch in der „taz“ bekommt die Sportlegende des Ostens ein paar hübsche Geburtstagsgrüße übermittelt: „Schur gehörte zu den wohl größten Verklärern und Schönrednern eines staatlichen Leistungssportsystems… Von den betagten Damen und Herren der ehemaligen Nomenklatura in Berlin-Lichtenberg bekam er dafür viel Beifall; endlich ist da jemand, der sich seine DDR nicht schlecht reden lässt von Wessis und Defätisten.“

Schur polarisiert, auch weil er selbst nie Interesse daran hatte, besonders ausgleichend zu sein. Dem Tagesspiegel sagte er vor fünf Jahren, er sei stolz ein Mensch zu sein, der nicht „nach dem Wind“ redet. Dass er es nicht in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports geschafft hat, konnte er nie verstehen, aber große Gedanken will er sich darüber heute nicht mehr machen. Zumal das für seine Popularität im Osten ohnehin keine Rolle spielt.

Täve Schur ist gleichzeitig Legende und Hassobjekt

Wie sehr Ost und West in manchen Dingen anders ticken, dafür ist Täve Schur der lebende Beweis. „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ widmen ihm einen persönlichen gefärbten Glückwünsch: „Neun Jahrzehnte ist dieser Held nun alt, dieses Idol ganzer Sportlergenerationen im Osten Deutschlands“, heißt es in dem Text und außerdem: „Unzählige Rennen gewann er und noch viel mehr Sympathien für seine sportliche Extraklasse und für seine nahezu heldenhafte Fairness.“

Kann ein Mensch gleichzeitig gut und schlecht sein? Bei Täve Schur ist alles Ansichtssache. Mit jedem positiven Artikel wird die Verehrung für ihn bei seinen Fans noch ein besser größer. Gleiches gilt allerdings auch dann, wenn Täve von den „Westmedien“ mal wieder eine übergebraten bekommen hat.

Schur steht für manche im Osten, die sich von der Bundesrepublik bevormundet fühlen und den Anschluss an die Gegenwart verloren haben. Aber es ist möglich, seine sportlichen Erfolge zu würdigen und die DDR trotzdem nicht zurückhaben zu wollen.

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Wobei Täve Schur natürlich mehr ist als nur ein überzeugter Kommunist, der in seiner Jugend schnell Rad fahren konnten. Diese Schattierungen in der Wahrnehmung scheint es allerdings für ihn in der Öffentlichkeit nicht zu geben. In der „Jungen Welt“ lobt Schur zum Beispiel junge Menschen für ihr Engagement in der Klimabewegung „Fridays for Future“ mit den Worten: „Damit sind sie oft gedanklich und in ihrem Tun viel weiter als viele der älteren Generationen, die unseren Planeten zerstören.“

Doch Sätze wie diese werden nicht hängen bleiben. Auch nicht in zehn Jahren, wenn er tatsächlich sein Ziel erreicht und 100 wird. Täve Schur wird immer Klassenkämpfer bleiben und für eine DDR stehen, die es nun schon über 30 Jahre nicht mehr gibt. Und damit ein Held oder ein ewig Gestriger sein. Dass er damit längst nicht bei allen gut ankommt, dürfte ihm sogar gefallen. Denn Täve Schur steht durchaus gern für die ostdeutschen Befindlichkeiten. Die nicht nur auszuhalten, sondern auch anzuerkennen sollte bei aller berechtigen Kritik an Schurs Biografie allerdings möglich sein.

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