Carola Javid-Kistel Foto: pa/dpa
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Sie verweigerte die Quarantäne und praktizierte stattdessen Impfgegner-Ärztin flüchtet vor der Polizei

Carola Javid-Kistel stellte reihenweise Maskenatteste und „Impfunfähigkeitsbescheinigungen“ aus. Jetzt tauchte sie unter.

Die umstrittene Ärztin und Impfgegnerin Carola Javid-Kistel, die wiederholt durch das Verbreiten von Verschwörungsmythen und Holocaustrelativierung auffiel, befindet sich nach eigenen Angaben auf der Flucht vor der Polizei. Grund für ihr Untertauchen ist, dass sie sich weigerte, nach ihrer Einreise aus einem Hochrisikogebiet in Quarantäne zu gehen. Stattdessen besuchte sie mehrere Versammlungen von Impfgegnern und behandelte zwei Tage lang Patienten.

Carola Javid-Kistel hat eine Naturheilpraxis mit Schwerpunkt Homöopathie im niedersächsischen Duderstadt. Auf Telegram verbreitet sie Nachrichten von Rechtsextremen, ruft zum Sturz der Regierung auf, hält die Impfstoffe gegen Corona für „biologische Waffen der fünften Generation“, die gezielt eingesetzt würden, um „den größten Völkermord aller Zeiten umzusetzen“.

Im vergangenen Jahr ist ihre Praxis zwei Mal von der Polizei durchsucht worden, dabei wurden Patientenakten sichergestellt. Gegen Javid-Kistel läuft inzwischen ein Verfahren wegen Verstoßes gegen Paragraf 278 des Strafgesetzbuchs: Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse.

Laut Anklageschrift, die ihr bereits zugestellt wurde, wird ihr zunächst wegen 16 Maskenbefreiungsattesten der Prozess gemacht. In Wirklichkeit, sagt sie selbst, habe sie „natürlich viel viel mehr“ Atteste ausgestellt, dazu etliche „Impfunfähigkeitsbescheinigungen“. Javid-Kistel sagt, ihr würden „noch einige Gerichtsprozesse ins Haus“ stehen.

Unter Impfgegnern und Querdenkern hat Carola Javid-Kistel eine riesige Fangemeinde. Ihre kruden Falschbehauptungen werden in der Szene auch deshalb ernst genommen, da sie aus dem Mund einer praktizierenden Ärztin stammen. Javid-Kistel behauptet etwa, bei den Impfungen gehe es „nur darum, die Menschen so schnell wie möglich krank- und totzuimpfen“. Die Pandemie gebe es nicht. Abstandsregeln seien „völliger Schwachsinn“, stattdessen sollten die Menschen zum Schutz vor Ansteckung „Nähe und Zärtlichkeit“ zulassen. Die Ungeimpften stellten kein Risiko dar, im Gegenteil: In Wahrheit seien die Geimpften „Gefährder für die Ungeimpften“. Schnelltests hält die Ärztin für „hochgefährlich“, da die Stäbchen schädliche Chemikalien enthielten und „schwerste Lungenerkrankungen“ verursachen könnten.

Wie lange darf sie noch Patienten behandeln?

Die zuständige Behörde in Niedersachsen prüft aktuell, ob Javid-Kistels Approbation stillgelegt wird. Es heißt, sie habe ihrem Berufsstand geschadet und dazu beigetragen, dass die Pandemie verlängert wird und Patienten zu Schaden kommen. Javid-Kistel bestreitet dies. Sollte ihre Approbation tatsächlich stillgelegt werden, könnte die Ärztin gegen die Entscheidung allerdings gerichtlich vorgehen, was aufschiebende Wirkung hätte. Carola Javid-Kistel wird also in jedem Fall noch einige Zeit praktizieren können.

Dass sie nun die Quarantänepflicht nach ihrer Einreise aus einem Hochrisikogebiet bewusst ignorierte, hat Javid-Kistel in einer Videobotschaft an ihre Anhänger zugegeben. Sie habe von ihrer Pflicht gewusst, diese aber für unsinnig gehalten, da sie weder Fieber noch Husten habe. Wörtlich sagte sie: „Warum sollte ich mich in Quarantäne begeben? Ich bin fit.“

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Javid-Kistel sagt, die Polizei habe sie am Dienstag in ihrer Praxis aufgesucht, sie habe sich jedoch versteckt und sei anschließend unbemerkt geflüchtet. Sie sei ihren „Häschern“ gerade noch entkommen. Wo sie sich aktuell vor der Polizei versteckt, verrät Javid-Kistel nicht. Allerdings riet sie ihren Anhängern bereits, über eine Auswanderung nachzudenken. Da die Regierung einen Massenmord plane, müsse man „aufpassen, dass wir und unsere Kinder da heil rauskommen, notfalls das Land verlassen“. Die Juden, die im „Dritten Reich“ rechtzeitig geflohen seien, hätten schließlich auch überlebt. Es sei nun wichtig, sich „notfalls rechtzeitig zu retten, bevor die Grenzen alle dicht sind“.

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Anders als ihre Fans auf Telegram ist Javid-Kistels eigener Nachwuchs nicht von ihren Verschwörungsmärchen überzeugt. In einem Interview verriet die Ärztin, dass sich ihr erwachsener Sohn gegen Corona impfen ließ, ihr jedoch nichts davon erzählte. Carola Javid-Kistel sagt, die heimliche Impfung habe sie „erschüttert“.

Sie verstehe nicht, weshalb ihr Sohn dies getan habe, sie habe ihm doch schließlich viele Informationen gegeben und ihn extra „darauf hingewiesen, dass es gar keine Impfung, sondern Völkermord“ sei. Als sie von seiner Impfung erfuhr, habe er seinen Fehler nichtmal eingesehen: „Er wollte nicht mit mir darüber reden.“

Mitte Dezember war bereits einer ihrer Patienten vom Amtsgericht Hannover verurteilt worden - wegen eines Maskenattests, das Javid-Kistel ihm ausgestellt hatte: Der Thüringer Aktivist Thomas Brauner wurde wegen Verwendens falscher Gesundheitszeugnisse zu einer Strafe von zwei Monaten auf Bewährung sowie 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, hat jedoch Berufung eingelegt. In der Szene ist Brauner bekannt als „Thomas, der Busfahrer“, weil er Kinder während einer Busfahrt dazu aufgefordert hatte, ihre Masken abzusetzen.

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