Moderne Interpretation: Das japanische Teehaus und das Kunstwerk "Indignation" im Kamerun-Saal. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel
© Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel

Serie Humboldt Forum, Teil VIII In neuem Licht

Dorothee Nolte

Neu kuratiert: Vier Perspektiven auf die Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum.

Sie sind das Herzstück des Humboldt Forums: die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Zuvor waren sie in Dahlem beheimatet – wie werden sie jetzt in der Mitte der Stadt präsentiert? Eine Künstlerin aus Namibia, die Museumschefs, der verantwortliche Gestalter und eine Teemeisterin berichten.

Cynthia Schimming, Modeschöpferin aus Namibia. Foto: privat Vergrößern
Cynthia Schimming, Modeschöpferin aus Namibia. © privat

Wissen Sie, was ein Ekori ist? Das ist ein Kopfschmuck aus Leder, den Frauen in Namibia in vorkolonialer Zeit getragen haben. In Namibia gibt es heute noch genau drei Ekoris, in den Sammlungen des Ethnologischen Museums in Berlin dagegen 14. Diese Objekte und tausende mehr sind während der deutschen Kolonialherrschaft, auch im Zuge des Genozids an den OvaHerero und Nama 1904-1908, nach Berlin gekommen. Als ich 2019 einige Monate lang in der Sammlung gearbeitet habe, war ich froh zu sehen, dass es sie noch gibt. Andererseits war es hart: Ich wollte mit ihnen, mit ihrer Seele in Kontakt treten. Das geht aber nicht, denn alle Objekte hier sind mit giftigen Pestiziden behandelt; wir mussten mit Schutzanzügen arbeiten. Traurig. Diese Objekte sollten nach Namibia zurückkehren!

Gemeinsam mit den Kurator:innen haben wir entschieden, dass im Humboldt Forum keine Originalobjekte aus Namibia zu sehen sein sollen, sondern Fotos und Nachbildungen – und ein Film, der die Hintergründe erklärt. Als man mich fragte, ob ich eine Installation zu der Ausstellung beitragen möchte, wollte ich erst nicht. Es steckt so viel Gewalt und Hass in der kolonialen Vergangenheit, auch in meiner eigenen Familiengeschichte. Wie kann man diese Geschichten erzählen, ohne neuen Hass zu wecken? Aber dann habe ich ein Werk ohne Titel geschaffen: das viktorianische Kleid einer Herero-Frau mit einer langen Schleppe, die mit historischen Fotos aus der Kolonialzeit bedruckt ist. Ich glaube, dass viele Deutsche nur wenig über den Genozid wissen. Hoffentlich ändert sich das durch die Ausstellung.

Cynthia Schimming ist Modeschöpferin und Textilkünstlerin aus Namibia. Sie hat die Ausstellung zum Kooperationsprojekt über die Sammlungen aus Namibia mitgestaltet.

Lars-Christian Koch (rechts) ist Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, Alexis von Poser ist sein Stellvertreter. Foto: SPK/Stefan Müchler Vergrößern
Lars-Christian Koch (rechts) ist Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, Alexis von Poser ist sein Stellvertreter. © SPK/Stefan Müchler

Hier im Humboldt Forum haben wir ganz andere Möglichkeiten, unsere Sammlungen zu präsentieren, als in Dahlem. Bisher ist ja nur der „Westflügel“ eröffnet, der „Ostflügel“ folgt im Spätsommer. Aber auch in den Räumen, die jetzt schon zu sehen sind, wird deutlich, worauf es uns ankommt. Wir arbeiten intensiv mit Expert:innen aus den Herkunftsregionen zusammen, und wir geben zeitgenössischen Künstler:innen viel Raum: Zum Beispiel haben wir die „township wall“ des angolanischen Künstlers António Ole vor dem sogenannten Schaumagazin Afrika oder die Installation „Indignation“ (deutsch: „Empörung“) der Künstlerin Justine Gaga im Kamerun-Saal prominent platziert, und der Architekt Wang Shu hat den chinesischen Thronsaal sehr virtuos neu interpretiert.

Uns ist wichtig, die Herkunft der Objekte zu erklären – mit „Provenienz-Aufstellern“, die jeweils vor wechselnden Objekten präsentiert werden. Ohnehin werden sich die Ausstellungen stets verändern. Mit den Schaumagazinen Afrika und Ozeanien machen wir sichtbar, wie vielfältig unsere Sammlungen sind – aber auch, wie selektiv gesammelt wurde. Fast alle Objekte wurden von Männern gesammelt, zeigen also nur bestimmte Aspekte der jeweiligen Kulturen. Der größte Teil der Sammlungen bleibt übrigens in Dahlem, dort werden sie zusammen mit Gastwissenschaftler:innen aus den Herkunftsgebieten beforscht. Dahlem ist dabei weit mehr als ein Depot. Unsere zentrale Präsentationsplattform jedoch ist jetzt das Humboldt Forum.

Lars-Christian Koch ist Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, Alexis von Poser ist sein Stellvertreter.

Tim Ventimiglia, Architekt und Ausstellungsdesigner. Foto: privat Vergrößern
Tim Ventimiglia, Architekt und Ausstellungsdesigner. © privat

Vor mehr als zehn Jahren haben wir den Wettbewerb für die Gestaltung der zweiten und dritten Etage des Humboldt Forums gewonnen – und erst seit einigen Monaten können wir einen Teil der Räume zeigen. Diese jahrelange Mammutaufgabe hat uns viel Flexibilität abverlangt. 20 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche waren zu bespielen, 40 Mitarbeiter:innen haben über 15 000 Exponate besichtigt, mit Kuratoren sowie Restauratoren abgestimmt und in 1000 Pläne eingezeichnet. Und zwischendurch haben nicht nur Verantwortliche in den Museen und der Stiftung gewechselt, sondern man stellt heute auch ganz andere Anforderungen, was etwa die Beteiligung von Expert:innen aus den Herkunftsregionen betrifft.

Die Klima- und Lichttechnik im Schloss-Neubau ist hochmodern, die konservatorischen Bedürfnisse der Objekte können viel besser erfüllt werden als in Dahlem. Andererseits ist es eine Herausforderung, diese geraden, linearen Räume ansprechend zu gestalten. Drei Räume gefallen mir besonders gut: Der Kuppelsaal des Museums für Asiatische Kunst, in dem die Geschichte der Seidenstraße präsentiert wird. Er wird im Februar noch ergänzt werden durch die zweistöckige gläserne Schausammlung Asien. Höhepunkte sind für mich auch der Raum zum Buddhismus und der ellipsenförmige Musikraum des Ethnologischen Museums. Schade finde ich, dass aus konservatorischen Gründen nur wenige Fenster einen freien Blick nach draußen erlauben. Solche Blickbezüge wären wichtig, denn sie stellen die Frage: Wie kamen diese Objekte in die Mitte Berlins?

Tim Ventimiglia ist Architekt und Ausstellungsdesigner. Er leitet das Berliner Büro von Ralph Appelbaum Associates und war verantwortlich für die Gestaltung der beiden Ausstellungen.

Nobuko Socho Sugai, Künstlerin und Teemeisterin. Foto: privat Vergrößern
Nobuko Socho Sugai, Künstlerin und Teemeisterin. © privat

In der Ausstellung des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem gab es auch ein Teehaus, und wir haben dort regelmäßig Teevorführungen gemacht. Der häufig gebrauchte Begriff „Teezeremonie“ ist eigentlich falsch, es ist kein Ritual oder eine Zen-Übung, sondern einfach ein Zusammentreffen nach bestimmten Regeln. Die Hauptsache ist es, für den Gast den besten Tee zuzubereiten. Dieser trinkt dankbar den Tee. Wenn dies gelingt, erfährt man ein harmonisches, glückliches Zusammensein, einen unvergesslichen Moment.

Das Haus in Dahlem war ein sehr traditionelles Teehaus. Das neue Haus im Humboldt Forum dagegen ist zeitgenössisch. Der Architekt Jun Ura aus Kanazawa hat es unter der Anleitung des bekannten Teemeisters Sokyu Nara entworfen und dafür mit Keramik-, Metall- und Lackkünstlern zusammengearbeitet, die alle auch Teeutensilien herstellen. Das Haus hat auch einen Bezug zu Berlin: Die Rost-Patina des oktagonförmigen Dachs spielt auf die Spitze des zerstörten Turms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche an und damit auf die Erfahrung des Krieges und seiner Folgen, die Deutschland und Japan teilen.

Wenn man in diesem Teeraum sitzt, spürt man Ruhe und Harmonie, das empfinde ich hier stärker als in Dahlem. Außerdem ist das neue Teehaus geräumiger: Die Menschen hier sind ja größer … Wegen Corona können wir im Moment keine Teevorführungen anbieten. Aber demnächst möchten wir vom „Teeweg Verein“ gerne kleine Gruppen von Besucher:innen daran teilhaben lassen – sie sollen nicht nur zugucken, sondern auch mitmachen können.

Nobuko Socho Sugai stammt aus Kyoto und lebt seit 16 Jahren in Berlin. Sie hat als Künstlerin gearbeitet und ist Präsidentin des Chado Urasenke Teeweg-Vereins Berlin.

Dieser Artikel ist Teil einer Themenspezial-Serie zum Humboldt Forum. Alle Texte wurden aufgezeichnet von Dorothee Nolte.

Teil I: Hallo Nachbar! Der Schlüterhof und die Passage sind endlich offen. Vier Perspektiven auf die neue Nachbarschaft.

Teil II: Offene Türen: Ab dem 20. Juli können Touristen und Berliner:innen das Innere des Humboldt Forums entdecken. Vier Perspektiven auf Türen - und die Magie des Durchschreitens.

Teil III: Warum Humboldt? Zwei Brüder aus Preußen und ihre Impulse für die Debatten von heute

Teil IV: Bildung für alle. Wie im Humboldt Forum Kultur vermittelt wird

Teil V: Wundert euch! Die Ausstellung der Humboldt Universität im Berliner Schloss

Teil VI: Der Weltkiez. Berlin Global - Die Ausstellung des Stadtmuseums.

Teil VII: So viel Historie. Die Geschichte des Ortes im Humboldt Forum

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