Kultur be-greifen: zum Beispiel in der Kinderausstellung "Nimm Platz!" oder in den Werkräumen. Fotos: Stiftung Humboldt Forum / Alexander Schippel, Frank Sperling
© Fotos: Stiftung Humboldt Forum / Alexander Schippel, Frank Sperling

Serie Humboldt Forum, Teil IV Bildung für alle

Wie sitzt die mexikanische Maisgöttin? Wie erzeugt man ein Hologramm? Das Humboldt Forum macht vielfältige Vermittlungsangebote

Von der Kinderausstellung "Nimm Platz!" über die Werkräume bis hin zu Workshops, Projekttagen und Tastführungen: Das Humboldt Forum macht vielfältige Vermittlungsangebote für alle Altersgruppen. Was es zu erleben gibt, davon erzählen hier die Akademieleiterin, eine Vermittlerin, eine junge Besucherin und eine Gruppe von Lehrer:innen.

Kathrin Kollmeier leitet die Akademie der Stiftung Humboldt Forum. Foto: David von Becker. Vergrößern
Kathrin Kollmeier leitet die Akademie der Stiftung Humboldt Forum. © David von Becker.

Kulturelle Bildung spielt im Humboldt Forum eine ganz große Rolle – und das sieht man auch! Nicht nur an der Kinderausstellung „Nimm Platz“, programmatisch im Herzen des Forums platziert. Vermittlung richtet sich an alle Altersgruppen, mit Angeboten aller Akteure, vom Schlosskeller bis unter die Kuppel: Täglich bieten wir öffentliche Führungen und regelmäßig inklusive Rundgänge, etwa Hör- und Tastführungen.

Besonders am Humboldt Forum ist die Fülle, an Themen, Ausstellungen, Kontroversen. Hier treffen Publikumsgruppen aufeinander, die sich in anderen Häusern nicht begegnen – Architekturfans bis dekolonial Interessierte. Das fordert die personale Vermittlung stark, ist aber auch eine Chance, Menschen in Austausch zu bringen.

Auch das radikal spartenübergreifende Arbeiten ist ungewöhnlich. Meine Abteilung verknüpft kulturelle Bildung für alle mit öffentlich zugänglichen Angeboten für Fachpublika. Um die wechselnden Ausstellungen besucherorientiert zu gestalten, arbeiten Kurator:innen für Bildung und Vermittlung von Beginn an konzeptionell mit. Und mit Dramaturg:innen und Kolleg:innen aus der Theaterwelt erarbeiten wir künstlerische Projekte – in der Intensität ist das für uns alle neu. Ich lerne jeden Tag! Aus Vermittlungssicht großartig.

Ein Glücksfall sind unsere Werkräume, im 1. Stock mitten drin: Rolltreppe hoch, gleich rechts! Hochwertig ausgestattete Räume für die Arbeit ganz unterschiedlicher Nutzergruppen zu gestalten, war ein Privileg. Sie bieten uns eine tolle Grundlage, um als Impuls- und Gastgeber einzuladen, Neues kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen.

Kathrin Kollmeier (47) ist Historikerin. Sie leitet seit 2017 die Akademie, die Programmabteilung für Bildung, Vermittlung und Wissenschaft der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss.

Jainem Jeong ist Künstlerin und arbeitet als Vermittlerin in der Ausstellung "Nimm Platz!" Foto: privat Vergrößern
Jainem Jeong ist Künstlerin und arbeitet als Vermittlerin in der Ausstellung "Nimm Platz!" © privat

Nimm Platz! Der Titel dieser Ausstellung hat mich gleich angesprochen. Sie richtet sich an Kinder ab drei Jahren, aber oft kommen ganze Familien, mit Geschwistern und Großeltern, und alle haben etwas davon. Wir Vermittler sind ein internationales Team und begleiten die Besucher durch die Ausstellung, erklären historische Sitzobjekte aus verschiedenen Kulturen oder den Lotussitz. Aber die Kinder können auch alles frei erkunden, es gibt viel auszuprobieren: Wie sitzt der Buddha, die mexikanische Maisgöttin oder der ägyptische Schreiber?

Nimm Platz! Für mich heißt das: Komm runter, komm an, in dieser Situation und bei dir selbst. Das ist so wichtig, gerade heute. Eine koreanische Anekdote erzählt, wie eine aufgebrachte Menge zum König kommt, die einen beschweren sich lautstark über die anderen. Der König befragt einen Mönch und sagt: Zuerst setzt ihr euch hin und trinkt Tee. Nach der Teezeremonie hatten sie vergessen, worüber sie streiten wollten …

Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland, habe in Düsseldorf und an der Universität der Künste Berlin studiert. Anfangs war es gar nicht meine Leidenschaft, mit Kindern zu arbeiten. Damit habe ich erst begonnen, als meine Tochter wegen ihrer schwarzen Haarfarbe von ihren blonden Freundinnen geneckt wurde. Da dachte ich: Ich möchte den Kindern hier fremde Kultur nahebringen. So bot ich Kindergärten und Schulen Kunstprojekte an, habe Papier gefaltet, Kalligraphie- und Meditationsstunden gegeben. Kinder brauchen diesen Input! Und sie brauchen Ruhe, gemeinsame Ruhe. Das möchte ich vermitteln.

Jainem Jeong ist Künstlerin. Seit Dezember 2020 ist sie neben ihrer künstlerischen Arbeit auch als Vermittlerin in der Ausstellung für Kinder "Nimm Platz!" tätig.

Clara H. Marx ist zehn Jahre alt und wohnt in Treptow. Foto: privat Vergrößern
Clara H. Marx ist zehn Jahre alt und wohnt in Treptow. © privat

Ich war mit meinem Vater in der Ausstellung „Nimm Platz!“ und fand es super da. Man kann alle möglichen Stühle und Sitzgelegenheiten angucken und teilweise ausprobieren. Da waren zum Beispiel ganz alte Stühle aus Afrika und Stühle, auf denen die Leute in der DDR in den Siebzigern ihre Konferenzen abgehalten haben, auch Sättel und ein Friseurstuhl oder ein Schlitten. Es gibt auch – kein Scherz! – ein Toilettenhäuschen, da kann man durch einen Spalt Bildergeschichten angucken. Und eine Chillecke mit Polstern, ein Klettergerüst mit Sitzkissen drin und eine Höhle. Am besten hat mir das Teehaus gefallen. Das ist ein Nachbau aus Japan mit einem niedrigen Eingang, da muss man durchkriechen – auf diese Weise zeigen die Gäste ihren Respekt. Sie dürfen keine Schuhe anhaben, und sie sitzen im Schneidersitz oder in der Hocke. Ganz wichtig: Die Unterseiten ihrer Füße dürfen nicht nach vorne zeigen, das wäre eine Beleidigung!

Ich selbst sitze am liebsten im Schneidersitz. In der Schule sollen wir stillsitzen, es würde mir aber besser gefallen, wenn wir uns mehr bewegen könnten.

Wir haben uns im Humboldt Forum auch den Keller angeguckt und den Skulpturensaal. Ich finde es gut, dass es eine Ausstellung für Kinder im Humboldt Forum gibt und dass sie so groß und leicht zu erreichen ist. Das sollte unbedingt so bleiben! Dann kommen Familien viel lieber dorthin, wenn sie wissen, dass sich auch die Kleinen ab drei Jahren nicht langweilen werden. Bald soll auch eine Ausstellung mit Booten aus der Südsee eröffnen. Da werden wir auf jeden Fall hingehen.

Clara H. Marx ist zehn Jahre alt und wohnt in Treptow. Sie besucht die Sophie-Brahe-Schule.

An unserer Schule legen wir viel Wert auf fächerübergreifendes Lernen. Deswegen arbeiten wir als Lehrer:innen für Musik, Kunst, Darstellendes Spiel und Geschichte eng zusammen, und daher haben wir uns die neuen Werkräume im Humboldt Forum auch gemeinsam angeguckt. Uns verbindet die Kreativität und der Wunsch nach Freiräumen. René Faber zum Beispiel ist Kunstlehrer und arbeitet plastisch mit Bronze, da sind natürlich die Benin-Bronzen besonders interessant – und das lässt sich im Geschichtsunterricht mit der Kolonialgeschichte verbinden. Chus López Vidal ist Kunstlehrerin und Klassenleiterin von Willkommensklassen, sie interessiert sich besonders für die Anti-Rassismus-Workshops, die hier angeboten werden. Wie stellen Ausstellungen Wirklichkeit dar? Wie setzen wir uns mit der Geschichte auseinander? Diese Fragen beschäftigen uns alle und sind relevant für Mittel- und Oberstufe.

Bestimmt werden wir mit unseren Klassen hierherkommen, denn es ist wichtig, dass Schüler:innen auch außerhalb des Schulgebäudes Orte finden, in denen sie lernen können. Wir erhoffen uns, dass wir hier im Humboldt Forum räumliche und technische Möglichkeiten haben werden, die wir an unserer Schule nur teilweise anbieten können. Im „Makerspace“ zum Beispiel können Schüler:innen ausprobieren, wie man Hologramme erzeugt, eine Augmented Reality programmiert und mit einem 3-D-Drucker umgeht. Umgekehrt sind die Schüler:innen fürs Humboldt Forum wichtig: Dieses Haus muss sich füllen – mit Schülern!

Beate Duderstadt, Friederike Aurich, Judith Gaida, Chus López Vidal, René Faber sind Lehrer:innen am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow.

Alle Texte wurden aufgezeichnet von Dorothee Nolte - außer der von Kathrin Kollmeier.

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