Wilhelm von Humboldt, Ausschnitt aus dem großflächigen Wandbild „Weltdenken“ vom Urban Artists Duo How & Nosm in der Ausstellung BERLIN GLOBAL, und Alexander von Humboldt, in Öl gemalt. (c) David von Becker; How & Nosm, Kulturprojekte Berlin und Stiftung Stadtmuseum Berlin; Gemälde von Joseph Karl Stieler, public domain
© (c) David von Becker; How & Nosm, Kulturprojekte Berlin und Stiftung Stadtmuseum Berlin; Gemälde von Joseph Karl Stieler, public domain

Serie Humboldt Forum, Teil III Warum Humboldt?

Sie wurden vor über 250 Jahren geboren und haben doch modern gedacht: Wilhelm und Alexander von Humboldt. Warum ist das Humboldt Forum nach ihnen benannt?

Sie wurden vor über 250 Jahren als preußische Adlige geboren und haben doch in vieler Hinsicht modern gedacht: Wilhelm und Alexander von Humboldt. Was haben die berühmten Brüder mit dem nach ihnen benannten Forum zu tun? Haben sie uns heute noch Wesentliches zu sagen? Vier Perspektiven.

David Blankenstein, Kurator der Ausstellung "Einblicke. Die Brüder Humboldt". Foto: privat Vergrößern
David Blankenstein, Kurator der Ausstellung "Einblicke. Die Brüder Humboldt". © privat

Geschichten und Biografien über die Brüder Humboldt gibt es viele, über die Namensgeber des Humboldt Forums aber noch nicht. Was hat eine der neuesten Kulturinstitutionen des 21. Jahrhunderts mit zwei vor über 250 Jahren in Preußen geborenen Männern zu tun?

Zum Beispiel das: die Beschäftigung mit Yoga; Kritik an Tierversuchen; Gedanken zum ‚nation building'; die „Entdeckung“ eines Baums, dessen Säfte zu veganem Käse verarbeitet werden; oder eine Cherokee-Schrift, die von einem Analphabeten entwickelt wurde. Klingt nach unserer Zeit, gab es aber alles schon vor 200 Jahren. In der Ausstellung „Einblicke. Die Brüder Humboldt“, die in den Fenstern von Passage und Treppenhalle des Humboldt Forums zu sehen ist, geht es unter anderem darum. Nicht aus dem Bemühen, die Brüder Humboldt zwanghaft in unsere Zeit zu holen, sondern weil sich dadurch Prozesse offenbaren, die für Wilhelm wie Alexander grundlegend waren – und es für das Humboldt Forum heute sind: Fragen nach dem Verständnis anderer Kulturen, wie beim von Wilhelm studierten Yoga, nach der Ethik in der Wissenschaft, nach dem Verhältnis von indigenem Wissen zu europäischem oder nach der politischen Bedeutung von Sprache.

Die Namensgeber lassen sich nicht nur über ihre großen Ideen, sondern über viele kleine Geschichten und Begegnungen mit dem Humboldt Forum in Verbindung bringen. Sie sind als Namensgeber keine Fassade, nicht in Stein gemeißelt, sondern regen an zum Nachdenken über die Vergangenheit, die sich mit der Gegenwart des Humboldt Forums verbindet.

David Blankenstein (42) ist Kunsthistoriker. Er hat die Ausstellung "Einblicke. Die Brüder Humboldt" im Humboldt Forum und die Humboldt-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (2019) kuratiert.

Mandana Seyfeddinipur, Leiterin des Zentrums für bedrohte Sprachen an der BBAW. Foto: privat Vergrößern
Mandana Seyfeddinipur, Leiterin des Zentrums für bedrohte Sprachen an der BBAW. © privat

Wilhelm von Humboldt hat rund 70 Sprachen erforscht – und er hat zu Recht betont, dass sich in jeder Sprache eine eigene Weltsicht ausdrückt, dass jede Sprache einzigartig und wertvoll ist. Daran knüpfen wir heute an: Das neue Berliner Zentrum zur Dokumentation bedrohter Sprachen ermöglicht die Dokumentation und Bewahrung von indigenen Sprachen, die verloren zu gehen drohen, weil ihre Sprecher:innen sie, zumeist gezwungenermaßen wegen veränderter Lebensumstände, aufgeben. Weltweit gibt es rund 7000 Sprachen und davon sind mindestens die Hälfte akut bedroht – sie sollten zumindest aufgenommen und digital bewahrt und zugänglich gemacht werden. Sprecher:innen zusammen mit Linguisten arbeiten mit Sprachgemeinschaften, um ihre Sprache und ihr Wissen zu dokumentieren bevor es zu spät ist. Insofern setzen wir Wilhelm von Humboldts Arbeit fort, der nicht die Möglichkeit hatte, Sprechern aus fernen Ländern zuzuhören, sondern sich auf das Studium der Grammatiken beschränken musste.

Diese Sprecher:innen leben in Ländern, aus denen viele der Objekte stammen, die im Humboldt Forum zu sehen sein werden. Für uns ist entscheidend, dass ihre Stimmen gehört werden, dass sie ihre Sichtweise darstellen, wir ihnen zuhören und nicht über ihre Köpfe hinweg sprechen. Genau darum geht es auch im Humboldt Forum, es verhandelt diese Themen und macht unsere wissenschaftliche Arbeit sichtbar: Das ist eine große Chance für uns alle.

– Protokoll: Dorothee Nolte

Mandana Seyfeddinipur (54) ist Linguistin und leitet das Zentrum für bedrohte Sprachen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (zuvor in London).

Fabiano Kueva, Künstler und Kurator aus Ecuador. Foto: Archivo Humboldt Ecuador Vergrößern
Fabiano Kueva, Künstler und Kurator aus Ecuador. © Archivo Humboldt Ecuador

Seit 2012 verfolge ich mit großem Interesse die Debatten rund um das Humboldt Forum. Heute, in Zeiten der globalen Pandemie, der Denkmalstürze und des Protests gegen soziale Ungleichheit in der Welt, frage ich mich: Welche Rolle kann das Berliner Schloss als kulturelle Einrichtung spielen?

Von der anderen Seite des Atlantiks aus erscheint das Humboldt Forum sehr weit weg. Alexander von Humboldt wird in unseren Breiten zwar als eine Art Gesandter betrachtet, der Deutschland und Lateinamerika verbindet, und man beruft sich dabei gern auf den Universalismus der westlichen Wissenschaft und Ästhetik. Es fehlt allerdings eine tiefere Reflektion darüber, welche ausbeuterischen Auswirkungen ebendiese westliche Wissenschaft und Ästhetik auf unsere Regionen gehabt haben.

Museen sind heute, als Erbe ihrer kolonialen Vergangenheit, mit großen Widersprüchen konfrontiert. Einerseits werden die Forderungen nach Rückgabe geraubter Objekte immer lauter; andererseits wachsen die Erwartungen an sie, fast so, als könnte die Lösung der globalen Krisen im Museum zu finden sein. Gerade hat der deutsche Botschafter in Ecuador die Gründung eines „Humboldt Museums zum Klimawandel“ angekündigt, am Fuße des Vulkans Antisana, den Alexander von Humboldt bestieg. Jeden Tag, so scheint es, wird irgendwo ein Denkmal demoliert und ein anderes errichtet. Kann das Humboldt Forum eine Schnittstelle, eine Art Kontaktzone für die Gegenwart bilden? Die Frage bleibt für mich offen.

– Aus dem Spanischen von Dorothee Nolte

Fabiano Kueva (48) ist Künstler und Kurator. Mit seinem Kunstprojekt "Archivo Humboldt" war er am Festjahr zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts beteiligt. Er lebt und arbeitet in Quito, Ecuador.

Christine von Heinz, Soziologin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins der Freunde des Ethnologischen Museums. Foto: privat Vergrößern
Christine von Heinz, Soziologin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins der Freunde des Ethnologischen Museums. © privat

Als Beobachterin, die sich seit langem mit den Forschungen beider Humboldt Brüder befasst hat, frage ich mich: Macht das Humboldt Forum deren moderne Ansätze, Methoden und Erkenntnisse fruchtbar? Sind Wilhelm und Alexander mit ihren ganzheitlichen, weltumspannenden Forschungsweisen in der Verbindung von Wissenschaften und Künsten, in ihren Vermittlungsmöglichkeiten der Leitstern? Ja – und nein!

Nein, weil erstens schon das Kreuz auf der Kuppel das Christentum als die alleinige Wahrheit suggeriert. Aber es gibt verschiedene Kulturen mit eigenen Weltsichten, die aber – so der anthropologische Ansatz Wilhelms – nicht unterschiedlich zu bewerten sind. Zweitens fehlt dem Humboldt Forum ein integrativer Ansatz; die Ausstellungsbereiche wirken nicht zusammen, es ist insofern kein „Forum“.

Trotzdem: Hier und da werden die Brüder Humboldt als Ideengeber verstanden. Die Idee, im Zentrum der Hauptstadt die außereuropäischen Sammlungen mit den europäischen Künsten zusammenzuführen, ist genial. Die Durchlässigkeit der Passage und die Öffnung des Schlüterhofes schaffen einen öffentlichen Raum vielfältiger Begegnungen. Der Zugang ist kostenfrei! Das sollte so bleiben. Die Beteiligung der Herkunftsgesellschaften ist eine vielversprechende Grundlage.

Die zentralen Zukunftsfragen der Globalisierung wie Klima, Migration, Gesundheit sollen unter dem Namen „Humboldt“ und „Forum“ verhandelt werden. Das bedeutet: Integration, Innovation und sozialer Wandel. Und verpflichtet.

Christine von Heinz (74) ist Soziologin. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des "Vereins der Freunde des Ethnologischen Museums" und gehört zu den Nachfahren Wilhelm von Humboldts in Tegel.

Zur Startseite