Alte Mauern, schöne Männer: Die Spuren der Geschichte sind im Humboldt Forum allgegenwärtig. Fotos: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Vor-und Frühgeschichte: Alexander Schippel, Cordia Schlegelmilch
© Fotos: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Vor-und Frühgeschichte: Alexander Schippel, Cordia Schlegelmilch

Serie Humboldt Forum, Teil 7 So viel Historie

Dorothee Nolte

Unten Mauern aus dem Mittelalter, oben ein Videopanorama: Vier Perspektiven auf die "Geschichte des Ortes" im Humboldt Forum.

Unten Mauern aus dem Mittelalter, oben ein Videopanorama. Die "Geschichte des Ortes" wird im Humboldt Forum auch im Skulpturensaal und in 35 "Spuren" deutlich, die übers Gebäude verteilt sind. Achthundert Jahre Geschichte sind zu besichtigen, vom Dominikanerkloster bis zum neuen Stadtschloss. Was sagt uns das alles? Ein Archäologe, eine Projektleiterin und ein Videokünstler erzählen. Und einer, der früher im Palast der Republik gearbeitet hat.

Katja Gimpel, Referentin im Bereich "Geschichte des Ortes". Foto: privat Vergrößern
Katja Gimpel, Referentin im Bereich "Geschichte des Ortes". © privat

Hier auf dem Schlossplatz war ein Dominikanerkloster, das mittelalterliche, kurfürstliche, königliche, kaiserliche Schloss, hier war Aufmarschplatz, Palast der Republik, Wiese – und jetzt das Humboldt Forum. Diese Geschichte des Ortes machen wir in vier Dauerausstellungen sichtbar: Im Schlosskeller zeigen wir originale Mauern und Fundstücke vom Mittelalter bis heute, im Skulpturensaal historische Skulpturen und wie ihre Kopien entstanden. Das Videopanorama gibt einen Überblick, und 35 „Spuren“ zur Geschichte des Ortes zeigen übers Gebäude verteilt einzelne Aspekte, etwa Piktogramme aus dem Palast der Republik.

Uns ist wichtig, dass die Geschichte des Ortes für alle zugänglich ist. Speziell für Blinde und Menschen mit Sehbehinderungen haben wir ein inklusives Tastbuch entwickelt: „Vom Kloster zum Humboldt Forum“. Darin zeigen wir die Bauphasen vom Mittelalter bis heute. Die Fassaden kann man ertasten, die Texte sind in Großdruck und in Braille-Schrift, und ein QR-Code führt zu passenden Hörstücken auf der Webseite. Wir haben das Buch gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Berater:innen entwickelt. Dabei habe ich viel gelernt, zum Beispiel: Wenn man ein Gebäude abbildet, soll man die Fassade direkt von vorn zeigen, also nicht aus einer Perspektive von oben, unten oder schräg. Die Tastbilder dürfen auch nicht zu kleinteilig sein, damit sie gut erfasst werden können. Und der Text soll beim Ertasten helfen, wir beschreiben die Gebäude etwa immer von unten nach oben. Dieser Perspektivwechsel war für mich, die ich nicht aus der Inklusionsarbeit komme, sehr spannend. Und darum geht es hier im ganzen Haus: immer wieder die Perspektiven zu wechseln.

Katja Gimpel (38) ist Referentin im Bereich "Geschichte des Ortes" der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Die studierte Kulturwissenschaftlerin arbeitet seit Ende 2017 für das Humboldt Forum.

Michael Malliaris, Stadtkernarchäologe. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Michael Malliaris, Stadtkernarchäologe. © Kitty Kleist-Heinrich

An diesem Ort graben zu dürfen - das war für mich ein Höhepunkt in meiner beruflichen Laufbahn. Denn hier ist über 800 Jahre immer wieder Neues entstanden und abgerissen worden. Das Gelände zwischen dem ehemaligen Staatsratsgebäude und dem Lustgarten ist seit dem Mittelalter ein zentraler Ort der Repräsentation und hochinteressant für Archäolog:innen.

Nachdem das Pflaster des DDR-Aufmarschplatzes abgeräumt war, fanden wir unter dem Pflaster des Eosanderhofes – heute ist dort das überdachte Eingangsfoyer – vier Meter starke Schichtenpakete von der Gründungszeit der Stadt im 12./13. Jahrhundert an. Aus den schuttverfüllten Schlosskellern des Eosanderflügels bargen wir Reste vom Bauschmuck des Schlosses. In einem mittelalterlichen Klosterkeller lagen noch Zapfhähne von Bierfässern. Oder das Fragment eines Sarges in einer Gruft der alten Domkirche, die eine Grabstätte adliger Familien gewesen war. Und eine Reliefplatte mit einem Pelikan, die aus dem Kunstgewerbemuseum stammt – sie wurde vor dem Zweiten Weltkrieg in den Schlosskeller ausgelagert und dann dort vergessen.

Archäolog:innen sind ja gewöhnt, nur dann graben zu können, wenn Baumaßnahmen folgen. Wenn dann der Neubau steht, ist in der Regel alles Alte zerstört. Dass unsere Funde am originalen Ort so präsentiert werden wie jetzt im Schlosskeller des Humboldt Forums, ist eine große Ausnahme und freut mich wirklich sehr. Leider konnten wir nicht mehr dort graben, wo der Palast der Republik gestanden hat: Denn für dessen Bau wurden die kostbaren Relikte im Boden einfach weggebaggert. Sehr schade! Denn genau dort stand der älteste Schlossbau von 1443.

Michael Malliaris (57) ist Stadtkernarchäologe und war Leiter der Ausgrabungen am Schlossplatz. Mit Matthias Wemhoff hat er das Buch "Das Berliner Schloss. Geschichte und Archäologie" geschrieben.

Roland Pröh, ehemals Barchef der Bowlingbar im Palast der Republik. Foto: Andreas Bergmann Vergrößern
Roland Pröh, ehemals Barchef der Bowlingbar im Palast der Republik. © Andreas Bergmann

Als ich im Tagesspiegel gelesen habe, dass die Servicegesellschaft des Humboldt Forums Mitarbeiter sucht, dachte ich sofort: das mache ich! Denn für mich schließt sich dadurch ein Kreis. Mit 18 war ich dabei, als der Palast der Republik eröffnet wurde; und jetzt, 45 Jahre später, arbeite ich im Humboldt Forum. Ich finde das klasse.

Wie es dazu kam? In meinem ersten Beruf bin ich Koch, und ich wurde vom Café Prag in Dresden an den Palast der Republik ausgeliehen, um die Eröffnung im April 1976 mit vorzubereiten. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich zehn Jahre lang geblieben bin und auch noch die Qualifizierungen zum Kellner, Barkeeper und „Gaststättenleiter“ gemacht habe. Ich war der Barchef der Bowlingbar, habe aber auch im Jugendtreff und den Spree-Gaststätten ausgeholfen. Später habe ich im Grand Hotel an der Friedrichstraße gearbeitet, nach der Wende im Regent Hotel, im Ritz Carlton und auf Kreuzfahrtschiffen. Jetzt bin ich Rentner, möchte aber nicht zu Hause sitzen. Ich liebe es, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, und das tue ich jetzt im Humboldt Forum, mal im Infobereich, an den Drehtüren oder auch auf den Ausstellungsflächen. Wenn ich in der Nähe des Teehauses von Ai Weiwei bin, erzähle ich Besuchern gerne etwas zum Tee; ich habe nämlich auch eine Weiterbildung zum Tea-Master Gold gemacht.

Manchmal wenn ich durchs Haus laufe, denke ich: Genau hier war die Treppe im Palast der Republik, oder: An dieser Stelle waren die Spree-Gaststätten. Ich habe dann eine Art déjà-vu-Erlebnis. Ich trauere dem Palast nicht nach, aber ich fände es gut, wenn er im Haus stärker präsent wäre. 2022 soll es eine Ausstellung zum Palast geben, da werde ich einen Beitrag liefern.

Roland Pröh (64), ehemals Barchef der Bowlingbahn im Palast der Republik, ist seit dem 1. Juli 2021 Mitarbeiter der Humboldt Forum Service GmbH.

Dominique Müller, Videokünstler. Foto: privat Vergrößern
Dominique Müller, Videokünstler. © privat

Achthundert Jahre Geschichte auf 27 Metern in 14 Video-Minuten darstellen: Das war die Aufgabe. Wie macht man das? Zusammen mit dem Szenografen Detlef Weitz und seinem Büro für museale Szenografie „chezweitz“ habe ich schon mehrere ortsbezogene Großrauminstallationen entwickelt, etwa für das Jüdische Museum Berlin, die Pinakothek der Moderne in München oder den Schunck Glaspaleis in Heerlen. Aber das Videopanorama im Humboldt Forum war für uns etwas Besonderes.

Wir wollten deutlich machen, dass Geschichte immer von jemandem erzählt wird, dass sie aus konstruierten Bildern besteht. Deswegen zeigen wir einen riesigen Leuchttisch, auf dem die Hände von Kurator:innen immer wieder neue Geschichtsbilder aus zeitgenössischen Objekten und Bildern zusammensetzen. Zu Beginn sieht man nur die Sumpfinsel, dann erste Fundstücke aus dem frühen Mittelalter, Stiche, Gemälde, dann kommen Schwarzweiß- und Farbfotos hinzu, dann Filmausschnitte – und nie kann man alles, was sich auf dem 27 Meter breiten Bildschirm abspielt, gleichzeitig sehen. Der Raum fordert die Besucher:innen dazu auf, sich zu bewegen, mal dies, mal das anzugucken. Das macht deutlich: Was man wahrnimmt von der Geschichte, hängt mit der eigenen Perspektive, dem eigenen Vorwissen zusammen.

Uns ging es nicht darum, irgendetwas zu bewerten – als Schweizer habe ich sowieso einen eher neutralen Blick auf die deutsche Geschichte. Aber schon über die Auswahl der Objekte und Bilder haben wir mit dem Team aus Kurator:innen viel diskutiert: Was ist die Bedeutung von diesem Ort und was stand schon alles an dieser Stelle? Es war immer ein Ort der Transformation, und das wird er auch bleiben.

Dominique Müller (41) ist Videokünstler und leitet das Studio "Video Noir" in Zürich.

Dieser Artikel ist Teil einer Themenspezial-Serie zum Humboldt Forum. Alle Texte wurden aufgezeichnet von Dorothee Nolte.

Teil I: Hallo Nachbar! Der Schlüterhof und die Passage sind endlich offen. Vier Perspektiven auf die neue Nachbarschaft.

Teil II: Offene Türen: Ab dem 20. Juli können Touristen und Berliner:innen das Innere des Humboldt Forums entdecken. Vier Perspektiven auf Türen - und die Magie des Durchschreitens.

Teil III: Warum Humboldt? Zwei Brüder aus Preußen und ihre Impulse für die Debatten von heute

Teil IV: Bildung für alle. Wie im Humboldt Forum Kultur vermittelt wird

Teil V: Wundert euch! Die Ausstellung der Humboldt Universität im Berliner Schloss

Teil VI: Der Weltkiez. Berlin Global - Die Ausstellung des Stadtmuseums.

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