Von der Bastion zum Museum. Der Kaisertrutz von 1490 an der via regia diente einst dem Schutz der Stadt Görlitz. Jetzt ist er Hauptort der Ausstellung „via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“. Foto: Neumann

Tagesspiegel Mobil Schätze an der Neiße

Ines Anders

Vom Wandel an der via regia – die wechselvolle Geschichte der Görlitzer Museumsbauten

Nach dem Tod von Kaiser Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich III. im Jahre 1888 wurden in ganz Deutschland Denkmale zur Einigung des Deutschen Reiches eingeweiht. Die Begeisterung der patriotischen Görlitzer Bürger reichte jedoch weiter. Man beschloss, eine Gedenkhalle zu errichten, der ein Museum angeschlossen sein sollte.

Aus einem Wettbewerb der Architekten ging der Entwurf nach dem Vorbild des Berliner Reichstages eines bis dahin unbekannten Baulehrers als Sieger hervor. Es entstand ein Bau, der als Sinnbild des deutschen Kaiserreiches gelten kann. Das mit einer Kuppel gekrönte Gebäude auf einer Geländeanhöhe auf dem östlichen Neißeufer strahlt eine Überheblichkeit aus, die letztendlich die Deutschen in den Ersten Weltkrieg und die ganze Welt ins Verderben schicken sollte. Der Mittelbau der Oberlausitzer Gedenkhalle, so die korrekte Bezeichnung, sollte dem Andenken der Einigung Deutschlands gewidmet sein. Kaiser Wilhelm II. nahm im Jahre 1902 an der Einweihung des Gebäudes teil. Ein Doppelstandbild der ersten beiden Kaiser bildete den Blickfang im Treppenaufgang. Die Büsten der Herrscher der verbündeten deutschen Länder im Krieg gegen Frankreich 1870/71 schmückten das Vestibül. (mannsgroße Standbilder der führenden Militärs und Staatspersonen, Otto von Bismarck, Helmut von Moltke und Albrecht von Roon waren im Obergeschoss aufgestellt.) Die Seitenflügel sollten musealen Zwecken dienen. Es wurden kunstgewerbliche, historische und prähistorische Sammlungen vom kleinen Museum für Altertum und Kunst, Objekte aus der Städtischen Rüstkammer und Ausgrabungsfunde der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte aufgestellt. In den Oberlichtsälen fanden die Kunstsammlung und Ausstellungen des Lausitzer Kunstvereins Unterkunft. Der jüdische Kaufmann Martin Ephraim, der bereits einer der Hauptgeldgeber für den Bau der Gedenkhalle war, stiftete die Oberlausitzer volkskundliche Sammlung Fröhlich für 100 000 Reichsmark, die insbesondere das Profil des neu gegründeten Kaiser-Friedrich-Museums bestimmen sollte und noch bis heute strukturweisend ist.

Die Sammelleidenschaft des ersten Museumsdirektors Ludwig Feyerabend und das Mäzenatentum vornehmer Görlitzer Bürger ließ die Zahl der Ausstellungsstücke schnell wachsen, so dass sich schon bald der Museumbereich als viel zu klein erwies. Vor allem für die Darstellung der städtischen Geschichte und der zunehmend an politischer Bedeutung gewinnenden Ur- und Frühgeschichte wurde neuer Platz benötigt. Mit dem Kaisertrutz fand man ein geeignetes Gebäude. Der kreisrunde Bau war ab 1490 als Kanonenbastion zum Schutz an der Westseite der Stadt, wo die via regia Görlitz erreichte, errichtet worden. Aus dem Innenhof ragt ein Aussichtsturm, der als Befehlsstand für die Kanoniere diente.

Tatsächlich zum Einsatz kam die Verteidigungsanlage erst im Dreißigjährigen Krieg, als die Stadt, von den Schweden besetzt, den kaiserlichen und sächsischen Truppen trotzte. So war der Name Kaisertrutz entstanden. In Friedenszeiten diente das Gebäude zivilen Zwecken, auch als Archiv für den Görlitzer Rat. Als 1815 der östliche Teil der Oberlausitz an Preußen fiel, wurde wenig später eine Garnison in Görlitz stationiert, die mit ihrer Hauptwache in den Kaisertrutz einzog. Zuvor war die mittelalterliche Verbindung zur Stadtmauer entfernt und ein Portikus mit zwei flankierenden Türmchen angebaut worden. Der preußische König Wilhelm IV. hatte sich persönlich für die Umbauten interessiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kaisertrutz vom Militär nicht mehr benötigt und der Stadt zurückgegeben. 1932 zog das städtische Museum ein mit modernen Ausstellungsteilen zur Stadtgeschichte und einer didaktisch hervorragend aufgebauten Ur- und Frühgeschichtsabteilung.

Ab 1943 wurden die Görlitzer Museumsobjekte in den Häusern östlich und westlich der Neiße ausgelagert. Von den Schlachten und Bombardements des Zweiten Weltkrieges blieb Görlitz unberührt, doch die Grenzziehung im Sommer 1945 sollte die Stadt in zwei Teile zerreißen. Die am Ostufer stehende Gedenkhalle wurde zunächst von der polnischen Armee als Offiziersklub genutzt. Seit 1948 ist sie Kulturhaus der Stadt Zgorzelec. Am 6. Juli 1950 unterzeichneten die Ministerpräsidenten der VR Polen und der DDR hier den Görlitzer Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze. Bis heute sind verschiedene Laientheater, bildende Künstlergruppen, Musiker verschiedener Genre und eine Galerie in der ehemaligen Gedenkhalle zu Hause.

Seit der friedlichen Revolution und der Grenzöffnung hat das Görlitzer Museum, jetzt Kulturhistorisches Museum, nicht nur gute Kontakte nach Zgorzelec, sondern auch so manche gemeinsame Ausstellung für deutsches und polnisches Publikum veranstaltet, wie im Jahre 2004 „Unter der grünen Kuppel – pod zielonÿ kopuÿÿ“, die sich mit dem Schicksal des Hauses in den 100 Jahren seines Bestehens auseinandersetzte.

Das Museum im Kaisertrutz auf der deutschen Seite der Stadt war schon wenige Monate nach dem Weltkrieg wiedereröffnet worden. 1951 kamen der Reichenbacher Turm und das Barockhaus Neißstraße 30 als weitere Museumsgebäude hinzu. Doch trotz der großen und überregional bedeutenden Sammlungen wurden in den Jahren der DDR nur die allernotwendigsten Reparaturen vorgenommen.

Für die 3. Sächsische Landesausstellung „via regia“ sanierte die Stadt, unterstützt mit Fördermitteln des Landes Sachsen, nun die beiden großen Ausstellungsgebäude. Bis Ende Oktober wird die Landesausstellung viele Besucher in den Kaisertrutz locken. Das Kulturhistorische Museum nimmt das Haus 2012 wieder in Besitz. Dann werden eine Galerie der Moderne, Ausstellungen zur Oberlausitzer und Görlitzer Kulturgeschichte sowie auf 400 Quadratmetern Sonderausstellungen die Gäste erwarten.

Die Autorin ist Stadthistorikerin am Kulturhistorischen Museum Görlitz

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