Mit rudimentären Informationen zu seinem Vater wandte sich Anatoly Rothe an das Militärarchiv in Moskau – und bekam Post. Foto: Andreas Austilat
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Russenkinder Die Suche nach den verlorenen Vätern

Anatoly Nikolai Rothe ist Sohn eines Rotarmisten und einer Deutschen. Er gründete den Verein „Russenkinder“ – eine Gemeinschaft der Suchenden.

Zuallererst möchte er den Friedhof in der Schönholzer Heide ansteuern. Ist gleich bei ihm um die Ecke. Schon hält Herr Rothe vor der parkähnlichen Anlage. Im Hintergrund ragt ein Obelisk empor, vor Mütterchen Russland in Bronze, um die Statue herum sind in Reih und Glied Gräber für 13.200 tote Sowjetsoldaten angeordnet. Gefallen in der Schlacht um Berlin, während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Jenes Krieges, den Deutschland vor 80 Jahren begann. Vor der Statue steht ein Korb mit frischen Blumen.

Die Soldaten liegen dort für immer. So wurde es vertraglich geregelt, in den Verhandlungen vor dem 1. September 1994. An diesem Tag vor 25 Jahren wurden die ehemals sowjetischen Truppen aus Deutschland verabschiedet. Zurück blieben nicht nur die Toten. Sondern auch ein höchst lebendiges Erbe: Menschen wie Anatoly Nikolai Rothe, der sich selbst ein Russenkind nennt.

Anatoly Rothe, randlose Brille, sauber gestutzter, grauer Bart und eine bunte Fliege, die ihm in der Hitze des späten Sommertages ziemlich eng um den Hals sitzt, wurde vor 73 Jahren geboren, in Dippoldiswalde, Osterzgebirge. Jetzt bleibt er an einem Grabstein stehen. „Oberleutnant“, liest er die kyrillischen Buchstaben vor, „schauen Sie, ein kasachischer Name“, ein Name, wie ihn sein Vater trug. Der Vater, den er nie kennenlernte. Und dem er sich doch nahe fühlt.

Wie viele Kinder wie Anatoly Rothe es gibt, ist unklar. Manche Studien sprechen von 100.000, andere gar von 300.000 allein bis Mitte der 50er Jahre – Kinder aus Beziehungen zwischen hier lebenden Frauen und in Deutschland stationierten Soldaten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Später dürften noch eine Menge dazugekommen sein, der jüngste Kandidat, von dem Anatoly Rothe weiß, kam 1990 zur Welt. Doch es sind in der Regel die Älteren wie er, die nicht wissen, wer ihr Vater war, sich irgendwann auf die Suche machen.

"Russenkinder ist ein Propagandawort"

Russenkinder, der Ausdruck weckt bei vielen keine guten Assoziationen. In ihm hallen Gräuelbilder nach, Geschichten von Vergewaltigungen durch siegreiche Rotarmisten in den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen. „Die gab es“, sagt Anatoly Rothe. Doch nach dem Abzug der Kampftruppen endeten die furchtbaren Exzesse, begann ein mehr oder weniger normales Nebeneinander, aus dem manchmal ein Miteinander wurde.

„Russenkinder“, sagt er auch, „ist ein Propagandawort“, eine Propaganda, die gelegentlich bis heute nachwirke. Doch weil es ein prägnanter Ausdruck ist, hat er den Verein, den er 2015 gründete, genauso getauft. Dabei klingt Trotz aus seiner Stimme. Eine Eigenschaft, die ihn auch hartnäckig macht, wenn es sich etwa um die verschlungenen Wege durch russische Militärarchive handelt. Denn ihn treibt vor allem eines um: die Suche nach den unbekannten Vätern.

Rothes Großvater war Mitbegründer der KPD in Dippoldiswalde. Als im Mai 1945 die ersten Rotarmisten in die Kleinstadt einzogen, ging er ihnen mit einer Roten Fahne entgegen, die er gut versteckt durch die Jahre der Nazidiktatur gebracht hatte. Die Fahne hing später im Stadtmuseum Dresden. Als sie nach der Wende verschwand, hat er sich auch nach ihr auf die Suche gemacht, bis er sie bei der Bundeswehr aufspürte. Wie gesagt, Rothe lässt nicht so schnell locker.

Die Befreiung 1945: Zehn der fremden Soldaten richteten sich in Dippoldiswalde ein. Ihre Aufgabe war es, schnell das Alltagsleben wieder in Gang zu bringen und eine Ordnung im sowjetischen Sinne einzuführen. Einer von ihnen war ein Oberleutnant mit Vornamen Amentai. „Ein wunderbarer Mensch“, sagt Anatoly Rothe über den ihm Unbekannten. Ein großes Wort, dabei neigt er sonst nicht zu überschwänglichen Emotionen, nicht auf dem sowjetischen Friedhof, nicht danach in seinem Haus, wenn es um die Familiengeschichte geht.

Liebe in Zeiten der Not

Verbindungen zwischen sowjetischen Offizieren und deutschen Frauen wurden von der Militärführung ungern gesehen. Anatoly Rothes Geschichte geht so: Der Oberleutnant und seine Mutter hätten sich geliebt. Ein Vorgesetzter habe Wind von der Sache bekommen, seinen Vater versetzt, ihn schließlich nach Hause geschickt, wo er eine kasachische Frau heiraten sollte. Was Amentai auch tat. Einmal noch sei er in Dippoldiswalde aufgetaucht, auf der Entbindungsstation, in der der kleine Anatoly zur Welt kam.

Liebe kann viele Gesichter haben. Gerade in Zeiten der Not. Da sind die fremden Soldaten, wohlgenährt und ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein der Sieger. Da sind Frauen, deren Männer weg oder an Leib und Seele gebrochen sind, Frauen, die hungern in der schweren Nachkriegszeit. Rothe kennt eine Menge solcher Geschichten. Zum Beispiel die von Renate Wittl, 72 Jahre alt, die ihn heute auf den Schönholzer Friedhof begleitet hat und nun auch hier sitzt. Auch sie hat ihren Vater nie kennengelernt.

Renate Wittls Mutter erlebte das Kriegsende in Berlin-Wedding. Betrunkene Rotarmisten warfen sie in einen Kanal, rausgezogen wurde sie von Kostian, einem russischen Offizier, der fortan ihr Beschützer wurde. „Der Mann hat uns das Leben gerettet“, so habe es ihre Großmutter erzählt. Kostian brachte Kohlen, Kartoffeln, Brot und auch mal einen Schinken. Noch nach Jahrzehnten ist er fester Bestandteil von Renate Wittls Familiengeschichte. Es gab auch noch einen Beschützer, William, einen US-Soldaten, der brachte Zigaretten, Perlonstrümpfe und Kakao, freundete sich mit der Schwester von Renate Wittls Mutter an.

Es war keineswegs so, dass nur sowjetische Soldaten Kinder zeugten. So kam es, dass Renate Wittl einen russischen Vater hat, der eines Tages verschwand. Und eine Kusine von einem amerikanischen Vater, die allerdings noch als Kleinkind starb. Es waren schwere Zeiten, selbst wenn man zwei Beschützer hatte.

Er will die Väter finden

Renate Wittl hat gemischte Erinnerungen an ihre Kindheit. Der engere Familienkreis machte ihrer Mutter nie Vorwürfe, sich mit einem Russen eingelassen zu haben. Die Nachbarn auch nicht, hatten sie doch alle von Kostians Lebensmittellieferungen profitiert. Doch als er weg war, kam es vor, dass Renate Russenbalg genannt wurde, von der Familie des späteren deutschen Stiefvaters.

2015 wurde an der Leipziger Universität eine Studie vorgestellt, in der eine Häufung psychischer Auffälligkeiten unter Russenkindern festgestellt wurde, offenkundig infolge unbewältigter Traumata. Eine Studie, der Rothe energisch widerspricht. Absurd gering sei die Datenbasis gewesen. Die Studie gründet auf der Befragung von 146 Russenkindern, wobei auch die Autoren von mindestens 200.000 ausgehen. Aus Rothes Sicht setzt sich in solchen Aussagen die Dämonisierung der sowjetischen Befreier fort.

Gewissermaßen ihm gegenüber steht Winfried Behlau, Sprecher der „Distelblüten“, keinem Verein, sondern eher einer Art Schicksalsgemeinschaft sogenannter Russenkinder, die mit ihrer Homepage und regelmäßigen Treffen zum Austausch einlädt. Behlau wuchs in Westdeutschland auf. Erst mit 13 erfuhr er, dass seine Mutter auf der Flucht aus Ostpreußen von Rotarmisten vergewaltigt wurde. Die Offenbarung war ein Schock für ihn. Im Kalten-Kriegs-Klima der 50er und frühen 60er Jahre fürchtete er, als Russenkind enttarnt zu werden und kapselte sich ab.

Es scheint so, als ob bei den Russenkindern der Ost-West-Gegensatz fortlebt, gespeist aus unterschiedlichem Erleben. In der alten Bundesrepublik kannte man kein normales Nebeneinander mit sowjetischen Soldaten. Man kannte vor allem die Erzählungen, die der Flucht in den Westen vorangingen. Anatoly Rothe hingegen wuchs ganz anders auf. Vielleicht erklärt das ein wenig, warum er heute keinen Erfahrungsaustausch anstrebt, keine Traumabewältigung, er will die Väter finden. Nein, er wird nicht für andere tätig, aber er zeigt auf seiner Homepage, wie es gehen kann. Und wie er sich auf die Suche nach einem Oberleutnant mit dem Vornamen Amentai gemacht hat.

Als er 50 wurde, wollte er es wieder wissen

Rothes Großvater war als altes Gründungsmitglied der KPD in Dippoldiswalde unter den neuen Verhältnissen eine Respektsperson. Die halb sowjetische Herkunft des kleinen Anatoly in der jungen DDR kein Karrierehindernis, eher im Gegenteil. Aber woher wussten denn die Leute um seine Herkunft? Rothe lächelt. „Ich bitte Sie, bei meinem Namen!“ Für den kleinen Anatoly Nikolai öffneten sich die Tore zu Schulen, die den Kindern verdienter Kader vorbehalten waren. Er wurde Kadett im einzigen Offiziersinternat, das je in der DDR existierte.

Rothe weiß, dass Zoll, Polizei, Stasi, Militär, dass die Ordnungsmächte des neuen Staates gern Russenkinder rekrutierten. War doch bei ihnen sichergestellt, dass zumindest ein Elternteil kaum im Verdacht stehen konnte, über Westverwandtschaft zu verfügen. Doch in der DDR gab es zwei Wahrheiten, die offizielle und jene hinter vorgehaltener Hand. Er weiß auch, dass gerade in der Provinz ein Rotarmisten-Vater nicht zwingend das Ansehen steigerte.

Rothe wurde kein Offizier, sondern ein IT-Experte, wie man heute sagt, ein in der DDR-Ökonomie gesuchter, früher Computer-Fachmann. Doch eines gelang ihm nicht: den Vater ausfindig machen, der ihm trotz allem fehlte.

Es sei ihm nie um Unterhalt oder irgendwelche Erbansprüche gegangen, „die sind sowieso alle längst verjährt“. Doch als er 50 wurde, wollte er es wieder wissen. Die Mauer war inzwischen gefallen, der Ostblock begann sich aufzulösen und Rothes berufliche Laufbahn im Nachwendedeutschland ging auf Schlingerkurs. Im Herbst 1996 schrieb er über die deutsche Botschaft in Moskau das russische Militärarchiv in Podolsk an. Er hatte nicht mehr als den Vornamen Amentai, den mutmaßlichen Rang und den Stationierungsort Dippoldiswalde.

Rothe holt eine Mappe aus seinem Arbeitszimmer. Darin ein paar Dokumente und Fotos. Eines zeigt einen Mann in Rotarmisten-Uniform. „Mein Vater“, er sagt das ohne hörbaren Triumph, schüttelt dafür ein paar Orden aus einem Plastikumschlag, verliehen vor über 70 Jahren im Kampf gegen Nazideutschland.

Zwei Halbschwestern besuchten ihn in Deutschland

Im März 1997 erhielt Rothe die Antwort aus Podolsk. Detailliert enthält sie die militärische Laufbahn von Amentai, einschließlich des Stationierungsortes Dippoldiswalde – im fraglichen Zeitraum gab es nur einen Soldaten dieses Namens dort. Oberleutnant Amentai Nuralijew, geboren 1918 im Dorf Kolagikol in Kasachstan. Nun schrieb er nach Almaty, damals die Hauptstadt des inzwischen unabhängigen Kasachstan. Er erfuhr, dass er dort neun Schwestern hat, Amentai Nurajilew allerdings ist seit 1990 tot.

Zwei der Halbschwestern besuchten ihn in Deutschland. Es war ein herzliches Treffen. Rothe fuhr mit ihnen nach Dippoldiswalde und sie erzählten, dass der Vater gelegentlich von seinem Sohn gesprochen habe, der in Deutschland lebe. Ob er, Anatoly Rothe, sich nicht daran gestört habe, dass der Vater nie mehr versuchte, mit ihm Kontakt aufzunehmen? Rothe antwortet nicht, berichtet stattdessen, wie er nach Kasachstan flog, zu den unbekannten Verwandten.

Renate Wittl hatte kein Glück. Ihre Anfrage an das Militärarchiv blieb ergebnislos. Rothe räumt ein, dass das Thema schwierig ist, vor allem, wenn man nur so wenig weiß wie Renate Wittl. Doch er lässt nicht locker.

Rothe zitiert aus einen Zeitungsartikel von 2014, indem behauptet wird, russische Archive blieben, anders etwa als amerikanische, für derartige Anfragen taub und stumm. Auch ein westliches Vorurteil. Anatoly Rothe kann wütend werden, wenn er so etwas hört. Nicht nur sein Fall beweise doch das Gegenteil. Er kann andere Beispiele zeigen, die er auf seiner Homepage „Russenkinder.de“ dokumentiert hat. Mitunter hätten sich die Militärarchivare sogar die Mühe gemacht, die ihnen übersandten Namen auf andere Schreibweisen zu prüfen.

Fotos von der kasachischen Familie

Renate Wittl ist sich indes gar nicht sicher, ob sie die Suche überhaupt fortsetzen will. Das sei doch alles zu lange her und Kostian lebe bestimmt nicht mehr.

Doch Rothe versucht sie auf eine neue Spur zu setzen. Wahrscheinlich habe Kostian damals im Geheimdienst gearbeitet, immerhin sprach er fließend Englisch, konnte sich auch mit William, dem US-Soldaten, verständigen. In solch einem Fall müsse sie sich an das RGVA wenden, das Archiv des russischen Geheimdienstes. Rothe erzählt, dass er bei einer Festveranstaltung im Museum Karlshorst den Direktor des RGVA kennengelernt habe, netter Mann, sprach sogar Deutsch. Und natürlich kann Rothe auch Beispiele nennen, in denen Anfragen an die Geheimdienstler zum Erfolg führten.

Anatoly Rothe lässt noch einmal seine Fotos von der kasachischen Familie kreisen. Es ist eine sehr große Familie. Er selbst heiratete schließlich eine Kasachin. Die Beziehung scheiterte allerdings. Sie wurde in Deutschland nicht glücklich, ihm gelang es nicht, seine beruflichen Pläne in Kasachstan zu verwirklichen. Keiner fand seinen Platz in der jeweils anderen Gesellschaft.

Daraus hat er noch eine Erkenntnis gewonnen: Die Beziehung zwischen seiner Mutter Herta und Oberleutnant Amentai, wenn sie denn über das Jahr 1947 hinaus Bestand gehabt hätte, sie wäre wohl hier wie dort eine schwierige geworden.

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