Unter Tränen verkündete Theresa May ihren Rücktritt. Foto: Reuters/Toby Melville
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Rücktritt von Theresa May Das willige Werkzeug

Nach drei Jahren ohne Gefühlsregung bricht Theresa May am Ende die Stimme, sie muss ihr Scheitern eingestehen. Was wird bleiben? Szenen des Absurden.

Knapp drei Jahre haben die Briten, haben die Brexiteers, hat die Welt auf eine echte Emotion der britischen Premierministerin Theresa May gewartet. Ausgerechnet ihre letzten Worte in der Ankündigung ihres Rücktritts sind es, die die Briten glauben lassen, dass dort doch ein Mensch steht, der sie in den letzten drei Jahren regiert hat. Gut sechs Minuten lang zieht sie am Freitag Bilanz ihrer Amtszeit. Sie werde es immer tief bedauern, dass es ihr nicht gelungen sei, den Brexit zu „liefern“.

Sie endet damit, jenem Land gedient zu haben, das sie liebe, „the country I love“. Sie schlägt schnell ihre Mappe zu, bevor die Tränen fließen, ihre Stimme bricht, sie dreht sich um und flüchtet hinter ihre Tür mit der Hausnummer 10 wie nach einem zehrenden Beziehungsstreit.

Man kann lange durchhalten, in diesem „Interesse des Landes“

Die verrücktesten, gegensätzlichsten Dinge kann man „in the interest of the country“ tun. Man kann eine Wahl annehmen, nach der man entgegen seinen Überzeugungen handeln muss. Man kann sehr lange durchhalten, in diesem mysteriösen „Interesse des Landes“, so wie Theresa May das unter sichtlichen Mühen gemacht hat. Am gestrigen Freitag ist es ihr gelungen, in eben diesem gleichen „Interesse des Landes“ das Gegenteil zu tun, ihren Rücktritt vom Amt der Tory-Parteichefin für den 7. Juni zu erklären – und damit auch den Weg für einen neuen Premierminister freizumachen.

Drei Jahre hat die Pfarrerstochter in extravagante Kleidung gehüllt in der Brexit-Werkstatt malocht. Doch die Meisterin in dieser Werkstatt war sie nie. Sie war das Werkzeug. Das Werkzeug, das sich bereit erklärte, Großbritannien aus der EU zu führen, obwohl sie selbst zuvor für „Remain“ gestimmt hatte. Sie war der Hammer, den jeder betätigen konnte, der regelmäßig auf das glühenden Eisen schlug. Der Hammer hielt das aus. Aber das Werkstück, der Brexit, nahm keine Form an.

Den Brexit konnte May nicht wie versprochen liefern. Foto: Frank Augstein/AP/dpa Vergrößern
Den Brexit konnte May nicht wie versprochen liefern. © Frank Augstein/AP/dpa

Es waren stattdessen drei Jahre des Ausblutens für GroßbritannienTausende Briten haben andere Staatsbürgerschaften beantragt. Tausende EU-Bürger verließen das Land und gewählte Mitglieder ihr Parlament, Minister ihre Regierung und Mitglieder ihre Parteien. Unternehmen wanderten ab. Sie verloren Geld und Leute und den Glauben an ihr Land.

Bloß: Großbritannien verließ nicht die EU. Nicht am 29. März und auch später nicht.

Es waren drei Jahre, in denen sich eine feindselige Stimmung gegen Einwanderer ausbreiten konnte. In denen es fast nie um die EU, sondern fast immer um die Probleme der Tories, der Engländer und der politischen Ambitionen der Parlamentsmitglieder ging.

Drei Jahre, während derer die konservativen Tories auseinanderfielen, die Bürger die Contenance verloren, das uralte Parteiensystem in Frage gestellt wurde. Kein anderes Land, keine Bevölkerung misstraut heute seiner Regierung mehr, hält seine eigene Regierung für so dysfunktional wie die Briten. Knapp 40 Parlamentsmitglieder sind in dieser Zeit zurückgetreten, Theresa May hat zwei Brexit-Minister verschlissen. Zum Schluss war das Kabinett der Meinung: Wenn nicht sie geht, müssen wir gehen. Schottland war der gleichen Meinung.

Bis zu ihrer Rücktrittsankündigung am Freitag galt May als beratungsresistent, zeigte aber Nehmerqualitäten. Die Tatsache, dass von Anfang an niemand in ihrer Haut stecken wollte, nicht einmal einen Tag lang, wurde die stabilste Quelle des Respekts, den man ihr entgegengebracht hat. Bewunderung erhielt sie dafür, wie sie Schläge wegsteckte, das Scheitern schulterte. Immer wieder.

Sie wurde bewundert, aber nicht für die wichtigen Dinge

Dreimal ist ihr Austrittsabkommen im Parlament durchgerasselt. Als man sich über ihre roboterhaften Tanzbewegungen lustig machte, die sie in Kenia bei einem Besuch auf einem Campus der Vereinten Nationen in Nairobi gezeigt hatte, stimmte sie mit ein und enterte 2018 ironisch tanzend ihren eigenen Parteitag.

Theresa May wurde nie für die ausschlaggebenden Dinge bewundert. Sondern für ihre Leopardenschuhe, ihren Schmuck, ihre Selbstironie. Ihr fehlte die Fähigkeit, Mehrheiten zu finden, zu vermitteln und Kompromisse zu schließen.

May tauchte im grünledrigen Unterhaus vorzugsweise mit großen Ketten auf, die sie sich jeden Morgen wieder selbst umgehängt hatte. Darunter große, mit schweren Gliedern, die zunehmend als ihr Joch interpretiert werden konnten, unter dem sie ging.

Selbstironie. Theresa May beim Versuch, ihren eigenen Tanzstil zu karikieren. Foto: Stefan Rousseau/dpa Vergrößern
Selbstironie. Theresa May beim Versuch, ihren eigenen Tanzstil zu karikieren. © Stefan Rousseau/dpa

Darunter fallen wohl die vorgezogenen Parlamentswahlen, die sie 2017 ausrief, bei denen sie ihre Mehrheit verlor und fortan auf die Stimmen der nordirisch-protestantischen DUP angewiesen war. Und sie hat ihre Daumenschrauben selbst stramm gezogen, als sie Artikel 50 auslöste und den zweijährigen Austrittsprozess aus der EU in Gang setzte, ohne auch nur eine Idee davon zu haben, wie dieser aussehen sollte.

Was wird bleiben? Szenen des Absurden. Ihre staksige Eleganz. Ihr Hustenanfall vor dem Parteitag, als hinter ihr ein Schild von der Wand fiel. Als ihr die Stimme wegblieb. Der Tag, als sich Klimaaktivisten nackt an die Scheiben der Besuchertribünen im Unterhaus klebten, und als im April im maroden Parlamentsgebäude passend zum Zustand des Kabinetts das Wasser durch die Decke kam.

Ein Zepter, dünn wie Schnittlauch

Auch die kindergartenhaften Szenen, als sie den Regierungsmitgliedern auf ihrem Landsitz Chequers endlich die Zustimmung für ihren Austrittsvertrag abpresste: Den Gästen nahm sie dort die Mobiltelefone ab, damit sie nicht twittern und im Zweifel per Taxi flüchten konnten.

 Vielleicht fehlte ihr die Überzeugungskraft auch deshalb, weil sie gegen ihre eigenen Interessen und für das vermeintliche „interest of the country“ gehandelt hat. Dieses „interest of the country“ schwenkte sie ständig wie ein Zepter, aber es bestand nur aus einer hauchdünnen Mehrheit des Referendumsergebnisses von 2016. Dieses Zepter war von der Stabilität eines Schnittlauchhalms.

Über Theresa May wurde viel gespottet, nicht nur hier beim Karneval in Düsseldorf. Foto: Ina Fassbender/dpa Vergrößern
Über Theresa May wurde viel gespottet, nicht nur hier beim Karneval in Düsseldorf. © Ina Fassbender/dpa

Was auch kam, sie antwortete mit: Stoik. Dafür lobte sie gestern zuletzt sogar Boris Johnson. Aber das Zeitalter der Stoik, in dem man Bewunderung für Ungerührtheit erhielt, dafür, wie man seine Emotionen unter Kontrolle hatte, war eigentlich 1997 schon vorbei, als die Queen von ihrem befremdeten Volk gezwungen wurde, nach dem Tod von Prinzessin Diana angemessen emotional zu reagieren.

Jetzt ist das Zeitalter der Flexibilität. Ein Kolumnist des „Guardian“ verlieh ihr den Namen „May-bot“. Jeder sah sofort, was er meinte. Was sie sagte, klang immer gleich und zunehmend blechern. May hatte sich selbst entkernt.

Am Ende schien sie auf alle anderen angewiesen

Die Lügenbolde des Referendums, an denen nichts haften blieb, egal, was man ihnen nachwies, wetterten lautstark gegen sie. Auf den Hinterbänken ihres Parlaments tobten die Clowns, die sich mit lateinischen Zitaten gegenseitig schmeichelten und die Premierministerin vor sich hertrieben. So gut wie jeder konnte sie an die Leine legen. Am Ende schien sie auf alle anderen angewiesen: auf die Stimmen der DUP, auf die Hardliner ihrer Partei, auf die Milde aus Brüssel, wenn es wieder darum ging, einen Termin zu verschieben, und sogar auf den Oppositionsführer, Labour-Chef Jeremy Corbyn, der sie drei Jahre lang zur Niete erklärt hatte und am Ende für eine parteiübergreifende Lösung sorgen sollte.

Boris Johnson lobte May zum Abschied - und könnte ihr nun als Parteichef und Premierminister folgen. Foto: Oli Scarff/AFP Vergrößern
Boris Johnson lobte May zum Abschied - und könnte ihr nun als Parteichef und Premierminister folgen. © Oli Scarff/AFP

Das entgeisterte Europa sah die Briten in Fahnen gehüllt skandierend über die Straßen laufen. Nahm die Vorbereitung für einen panischen „no deal“ zur Kenntnis, in den Häfen die Lagerhallen voll mit Medikamenten und Katzenfutter. Las von einem möglichen, kriegsähnlichen Ausnahmezustand bei einem überstürzten No-deal-Brexit, für den ein milliardenschwerer Geheimplan, genannt „Operation Yellowhammer“, entwickelt worden war. Da war er wieder, der Hammer. Milliarden gingen für die Durchführung einer ungewollten Europawahl drauf.

Sie wird bleiben, um die letzten Demütigungen hinzunehmen

Zum Ende ihrer Amtszeit ist das Volk aufgewiegelt, die viel gelobte britische Pragmatik im Parlament nicht mehr nachweisbar. Die Art, wie der Prozess eskaliert ist, war höchstens noch in seiner Exzentrik als britisch zu erkennen.

Am Freitag ist der 200. Geburtstag von Queen Victoria, der Frau, in deren Regierungszeit das diplomatische Programm der „splendid isolation“ ausgerufen wurde: Keine langfristigen Verträge mit anderen Mächten! Es ist der Tag, an dem Theresa May, die „splendid isolation“ auf ihren Politikstil bezogen zu haben scheint, ihren Rücktritt ankündigt.

Sie wird bis zum 7. Juni bleiben, um die letzten Demütigungen entgegenzunehmen: Die Verantwortung für einen vermutlich desaströsen Ausgang der Europawahl am Sonntag und die Häme eines Donald Trump bei seinem Staatsbesuch. Man kann sicher sein, Theresa May wird das mit Bravour erledigen.

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