Ricardo Lange und Katrin Göring-Eckardt. Foto: Muhamad Abdi
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Ricardo Lange trifft Katrin Göring-Eckardt „Wertschätzungsmäßig ist das unterste Schublade“

Zur Nachtschicht radeln? Eine Idee der Verkehrsverwaltung ärgert Ricardo Lange. Katrin Göring-Eckardt sagt, wieso sie trotz Maskendeals mit der CDU koalieren will.

Das Raumbuchungssystem des Bundestags hat den Intensivpfleger Ricardo Lange hier in den sechsten Stock des Paul-Löbe-Hauses geschickt, wo die AfD-Fraktion ihre Büros hat. Das kam so: Seit Corona müssen Abgeordnete geplante Treffen mitsamt der Zahl der Teilnehmer anmelden, und das System weist ihnen einen Konferenzraum zu, in dem die Mindestabstände eingehalten werden können.

Für das Interview von Lange mit Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, an dem noch ein Kameramann und eine Pressesprecherin teilnehmen, hat der Raum, in dem die AfD normalerweise tagt, die ideale Größe.

Katrin Göring-Eckardt, die kurz darauf eintrifft, wirkt belustigt darüber, in welchem Konferenzraum sie gelandet sind. In der Wende ist sie über das Bündnis 90 in die Politik gekommen und 1998 mit der ersten rot-grünen Regierung in den Bundestag. Dort war sie vier Jahre lang gesundheitspolitische Sprecherin.

Seitdem hatte sie viele herausgehobene Positionen: Vize-Präsidentin des Bundestags, Parteichefin der Grünen, Spitzenkandidatin für die Bundestagswahlen 2013 und 2017, jetzt Fraktionschefin. „2007 habe ich ein Buch über Sterbehilfe gemacht. Nur damit Sie wissen, dass mich die Situation auf den Intensivstationen nicht erst seit Corona interessiert“, sagt sie lachend zu Lange.

Die nächste Stunde hat sie sich für das Interview freigehalten. „Ich kriege nämlich nachher einen Orden. Deswegen hab’ ich nicht unendlich Zeit“, erklärt sie mit ironischem Unterton.

„Die allein erziehende Mutter kann das doch gar nicht“

Lange: Die Grünen sind mir persönlich immer nur aufgefallen, wenn es um Klima geht. Jetzt sprechen wir heute über sozialpolitische, speziell über gesundheitspolitische Themen. Ist die Sozialpolitik eine ernst gemeinte Sache, die Sie angehen wollen?
Göring-Eckardt: Dass Sie uns mit Klima in Verbindung bringen, ist schon mal gut, denn es ist das große Thema. Aber die soziale Frage, die Spaltung der Gesellschaft, bleibt für uns total zentral. Übrigens auch im Zusammenhang mit dem Klima. Wenn man den CO2-Preis erhöht, brauchen die Leute mit kleinem Portemonnaie eine Kompensation. Da kann man nicht sagen: Zahlt halt ein bisschen mehr dafür, dass ihr eure Wohnung heizt.
Lange: Wie soll das funktionieren?
Göring-Eckardt: Wir stellen uns das so vor: Alles, was wir durch den CO2-Preis einnehmen, teilen wir durch die Bevölkerungszahl, und jeder bekommt den gleichen Anteil zurück. Jemand wie Sie, der wahrscheinlich nicht auf 300 Quadratmetern lebt und vielleicht auch nicht dreimal im Jahr in den Urlaub fliegt, hat einen kleineren ökologischen Fußabdruck und wird am Ende des Jahres mehr im Portemonnaie haben.
Lange: Ich wohne am Stadtrand, bin auf mein Auto angewiesen, um zur Arbeit zu fahren. Jetzt soll ich die Summe einmal im Jahr kriegen. Sollen Leute wie ich das Geld bis dahin zurücklegen? Die allein erziehende Mutter kann das doch gar nicht.
Göring-Eckardt: Das Geld kommt vorher! Am liebsten hätte ich ja, dass Leute, die am Stadtrand wohnen, auch so viel öffentlichen Nahverkehr haben, dass sie kein Auto brauchen. Aber bei Leuten, die im Schichtdienst arbeiten, wird das schwierig. Deswegen sollen die bitte erst mal ihre alten Autos fertig fahren. Alles andere wäre ökologisch nicht nachhaltig. Dann möchte ich gern, dass Sie und die Krankenschwester oder wer auch immer sich ein E-Auto leisten kann, weil man es so fördert, dass es sich auch für Sie lohnt.
Lange: Jetzt nehmen wir mal einen Tesla, der kostet ja ...
Göring-Eckardt: … nee, keinen Tesla … Jetzt haben Sie ja auch keinen vergleichbaren Wagen, einen Weiß-ich-nicht … Ich kenne mich bei Autos nicht so aus.
Lange: Ich habe einen kleinen SUV, diesen wahrscheinlich bei den Grünen nicht so geliebten Wagen. Aber wenn man Hunde hat oder eine große Familie, dann braucht man ein etwas größeres Auto.
Göring-Eckardt: Die passen auch in einen Tesla nicht rein.
Lange: Nee, aber was wäre denn die elektrische Alternative? Bezahlbar ...
Göring-Eckardt: … also ich hab jetzt so einen Golf ID3. Ich weiß nicht, was Sie für Hunde haben, ob die da reinpassen?
Lange: Die sind groß.

An der Belastungsgrenze: Ein Intensivpfleger bei der Arbeit. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
An der Belastungsgrenze: Ein Intensivpfleger bei der Arbeit. © picture alliance/dpa

Schnell wird klar: Allein der Wohnort sorgt für Differenzen zwischen Lange und Göring-Eckardt. Lange zählt zu den Berufspendlern vom Land, die für die Verkehrswende den höchsten Preis zahlen. Als Frankreichs Präsident Macron aus umweltpolitischen Erwägungen fossile Brennstoffe höher besteuerte, ist aus diesem Milieu die Gelbwesten-Bewegung entstanden. Auch Ricardo Lange wirkt, als sei er unsicher, ob diese grüne Politikerin seine Interessen vertritt, die ihm ein E-Auto aussuchen will, obwohl sie, wie sie sagt, keine Ahnung von Autos hat.

„Das war nicht besonders freundlich“

Lange: Würden Sie sagen, Pflegekräfte benötigen mehr Anerkennung, auch, was das Handeln der Politik angeht…
Göring-Eckardt: Sowieso!
Lange: Letzten November hat die Charité einen Antrag gestellt, dass die Pflegekräfte während der zweiten Welle kostenfrei vor den Kliniken parken dürfen, auch, um Infektionsketten in Bussen und Bahnen zu verhindern. Das Ganze wurde von der Verkehrsverwaltung, die ja von ihrer Parteikollegin Regine Günther geleitet wird, mit der Begründung abgelehnt: Die Pflegekräfte könnten ja auch mit dem Fahrrad fahren. Finde ich jetzt wertschätzungsmäßig unterste Schublade.
Göring-Eckardt: Da haben Sie Recht. Wenn das so war, dann ist das nicht besonders freundlich. Weil viele kommen natürlich von außerhalb.
Lange: Es ging vermutlich wieder um Geld: Man hätte mit den Parkuhren, die da stehen, nichts eingenommen, weil die Parkplätze ja belegt gewesen wären.
Göring-Eckardt: Ich weiß nicht, ob es ums Geld ging oder darum: Was machen wir für eine Verkehrspolitik? Ich müsste Regine Günther anrufen und fragen, was die Motivation war.
Lange: So eine Antwort wäre mal ganz nett. Können Sie gerne nachreichen.
Göring-Eckardt: Mache ich. Ich kriege das raus!

Das ganze Gespräch, ungeschnitten, können Sie hier sehen:

Katrin Göring-Eckardt wirkt fast ein bisschen bestürzt über die Instinktlosigkeit der von ihrer Partei geführten Senatsverkehrsverwaltung. Sonst ist sie heute sehr gut gelaunt, was vielleicht am Orden liegt, den sie gleich bekommt, aber vielleicht auch daran, dass sie diesmal nicht die Last trägt, als Spitzenkandidatin für den Wahlausgang verantwortlich gemacht zu werden.

Bei den gesundheitspolitischen Zielen, zu denen Lange Göring- Eckardt jetzt befragt, hat sie seine Interessen im Blick: Ihre Pläne, Pflegekräfte besser zu stellen, reichen von mehr Geld über eine 35-Stunden-Woche bis zu digitalen Hilfsmitteln zur Dokumentation der Arbeit oder Pflegerobotern in den Kliniken.

„Pflegeroboter? So ein Quatsch“

Lange: Auf Stationen ist so ein Roboter, ja, Quatsch. Was soll er da bringen?
Göring-Eckardt: Ist ja nur eine Überlegung. Ich finde, da soll man mal drüber nachdenken. Wo kann man den gebrauchen und wo nicht? Aber das ist ein bisschen Zukunftsmusik.
Lange: Genau. Es gibt jetzt schon auf Intensivstationen Pflegelifte: ein Minikran, mit dem man Patienten hochheben kann. Man muss wissen, dass man Zeit und mehr Personal braucht, wenn man diesen Kran benutzt. Wir machen es nur, wenn die Patienten so schwer sind, dass man die gar nicht so unbedingt gedreht kriegt.
Göring-Eckardt: Das heißt: Alle gehen eigentlich in die Muckibude oder was?
Lange: Nee. Also nicht so wie ich jetzt.

Ricardo Lange und Katrin Göring-Eckardt bei ihrem Treffen in einem Konferenzraum des Bundestages. Muhamad Abdi Vergrößern
Ricardo Lange und Katrin Göring-Eckardt bei ihrem Treffen in einem Konferenzraum des Bundestages. © Muhamad Abdi

Beide lachen. Der Ton wird immer freundlicher, was auch an Göring-Eckardts Gesprächsführung liegt, die ungewöhnlich ist für eine Profipolitikerin kurz vor der Wahl: Sie scherzt, erkundigt sich, gesteht Fehler ein.

Doch in manchen Positionen unterscheiden sich beide noch immer. Lange hätte gerne, dass er und andere aus sozialen Berufen früher in Rente gehen – als Kompensation für die verschleißende Arbeit. Göring-Eckardt will lieber umschulen: „Ich fände es total klug, wenn jemand, der einen Pflegeberuf ergreifen will, bei Ihnen lernen könnte.“

Hier gibt es die anderen Folgen der Reihe „Ricardo Lange trifft ...“:
FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki
SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz
Linke-Spitzenkandidatin Janine Wissler.

Begeistert schildert sie die Idee einer Agentur für Weiterbildung, mit der die Grünen zwei Probleme auf einmal lösen wollen: die Rentenkassen schonen und den Fachkräftemangel beheben. Jedem Arbeitnehmer soll einmal im Jahr ein passendes Weiterbildungsangebot vorgeschlagen werden. „Allein für die ökologisch-soziale Transformation brauchen wir 100 000 neue Fachkräfte. Und die sind nicht einfach alle da, weil sie in der Autoindustrie übrig werden“, sagt sie.

„Wie viele Schulden muss man aufnehmen, um das umzusetzen?“

Lange: Ihre Politik scheint ja sehr geldfordernd zu sein. Wie viele Schulden muss man denn aufnehmen, um solche Sachen alle umsetzen zu können?
Göring-Eckardt: Die Grünen sind ja so ein bisschen Streber. Wir rechnen immer alles aus, was so was bedeutet. Wir wissen, wenn wir Fachkräfte weiterbilden, die werden ja tatsächlich gebraucht. Dann zahlen sie anschließend mitunter sogar mehr Steuern als vorher, weil sie mehr verdienen.

In einem Punkt sind sich beide schließlich einig: Dass es eines der großen Versäumnisse der Politik in der Pandemie ist, dass Kinder die Hauptleidtragenden sind.

„Kinder und Pflegekräfte haben keine Lobby“

Lange: Das Problem ist einfach, dass Kinder keine Lobby haben, dass Pflegekräfte keine Lobby haben und dass in der Politik leider Menschen sitzen, die andere Interessen verfolgen wie zum Beispiel sich an Maskendeals zu bereichern und so. Das ist ein großes Problem. Das muss ich knallhart sagen.
Göring-Eckardt: Da muss ich jetzt wirklich widersprechen, weil ich finde: „die Politik“, das stimmt nicht. Ich nehme es jetzt einfach mal für uns als Grüne insgesamt in Anspruch, von Anfang an gesagt zu haben: Passt auf die Kinder auf! Und die Maskendeals, das waren alles Leute aus der Unions-Fraktion.
Lange: Würden Sie mit der CDU eine Koalition eingehen? Würden Sie mit einer Partei zusammenarbeiten, von der Sie genau wissen, dass sie solche Dinge macht?
Göring-Eckardt: Ja. Weil ich hoffe, dass wir nach der Wahl stärker sind als die CDU, dass sie dann mit uns koalieren muss und von vornherein klar ist: Das darf nicht passieren. Die Frage ist ja: Sagt man, man macht lieber weiter Opposition und lässt die weitermachen. Finde ich nicht sinnvoll. Es braucht jetzt eine echte Veränderung. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre mir die SPD lieber. Aber wenn ich mir angucke, wie die Umfragewerte für die SPD sind, dann sind die Chancen gering.

Katrin Göring-Eckardt muss weiter zur französischen Botschaft, wo ihr der Orden für ihr Engagement für Europa verliehen wird. Während Fotos gemacht werden, lästert Ricardo Lange noch ein bisschen über die Union, deren Wahlkampf allein daraus bestünde, sich an der Kanzlerkandidatin der Grünen abzuarbeiten.

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Doch Göring-Eckardt steigt auf die Vorlage nicht ein, den politischen Gegner zu kritisieren. Ähnlich wie Robert Habeck spricht sie stattdessen von Fehlern, die passiert sind. Ob sie damit Annalena Baerbocks unlautere Arbeitsmethoden meint, oder dass die grüne Partei sich eine Spitzenkandidatin ausgewählt hat, die mitunter unlauter arbeitet, bleibt offen. Zum Abschied verspricht sie noch, mit Verkehrssenatorin Günther wegen der Parkplätze vor der Charité zu telefonieren.

Es kommt keine Rückmeldung von Göring-Eckardt, dafür ein Statement der Pressestelle. Es bleibt vage: „Unserer Kenntnis nach“ sei Günther auf den zuständigen Bezirksbürgermeister – ebenfalls ein Grüner – zugegangen, um im Gespräch eine einvernehmliche Lösung zu suchen. „Unserer Kenntnis nach“ sei der Klinikleitung angeboten worden, die Personen(gruppen) zu benennen, damit für diese eine temporäre Ausnahmeregelung geschaffen werden konnte.“

Dies war die letzte Folge unserer Serie. Alle Gespräche als Video finden Sie unter youtube.com/DerTagesspiegel. Für die Union haben Jens Spahn, Armin Laschet, Markus Söder, Friedrich Merz und Paul Ziemiak die Teilnahme abgelehnt, bei der AfD hat Alice Weidel abgesagt.

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