Die anstrengende Arbeit der Geldbeschaffung

Wolfgang Becker. Foto: David Heerde
Regisseur von „Good bye, Lenin!“ Wolfgang Becker: Aus der Welle aufgetaucht

Ja, wenn er noch einmal von vorn anfangen könnte!

„Gott sei Dank muss ich das nicht, Gott sei Dank kann ich das auch nicht!“ Das Gesicht des Perfektionisten sagt etwas anderes. Angenommen also, er dürfte noch einmal von vorn anfangen, dann würde er den letzten Maler der klassischen Moderne mit der Makuladegeneration und seinen Biografen mit der fehlgeleiteten Selbstwahrnehmung noch viel fieser machen, und zwar der Fallhöhe wegen.

Nichts kostet so viel Zeit wie die streng außerkünstlerische Arbeit der Geldbeschaffung. Merkwürdigerweise hielten die potenziellen Förderer vor dem 60-Millionen-im-ersten-Jahr-Erfolgsregisseur ihre Geldsäcke zu. Und selbst die schon Ja gesagt hatten, überlegten es sich noch einmal anders.

Canal + zum Beispiel. Mit seiner ganzen beeindruckenden physischen Präsenz und doch wie ein Bittsteller stand Becker vor einem jungen Redakteur, der ihm erklärte, die schon fast zugesagte Förderung doch nicht gewähren zu können, denn wer wolle schon einen Film mit einer derart unsympathischen Hauptfigur sehen, und nun gar zwei! Der letzte Vertreter der klassischen Moderne und einzige Maler, der nicht von Picasso beeinflusst wurde, ist auch nicht viel besser als sein Biograf. Der Däne Jesper Christensen spielt ihn wie einen lebenden Leichnam, den vor allem sein Argwohn im Dasein hält. Das übrige Personal ist kaum hoffnungsvoller. Ein Panoptikum von greisen Künstlern, die den unverzeihlichen Fehler begangen haben, ihr Werk und ihren Ruhm zu überleben.

„Alles Wichtige erreicht man im Springen“, sagt Kaminski. Aber wie sollte Becker springen ohne Geld? „Ich und Kaminski“ ist der teuerste Film, den er gemacht hat. Allein die Eröffnungssequenz, die Kaminski seinen Platz in der Kunstgeschichte zwischen Impressionismus, Expressionismus, Dadaismus, Symbolismus und Popart anweist, kostete ein Vermögen.

Am Freitag eröffnete in der Budapester Straße, direkt gegenüber der Gedächtniskirche, die große Kaminski-Werkschau, die noch bis zum 24. September zu sehen sein wird. Denn darf man die Bilder eines großen Malers verstecken, nur weil es ihn gar nicht gibt? Soll Becker jetzt etwa alle Bilder, die für diesen Film gemalt wurden, die der frühen, mittleren und späten Periode, mit dem Gesicht zur Wand in sein Büro stellen, neben die kleine „Good Bye, Lenin!“-Rakete vielleicht oder unter die Kuckucksuhr?

Becker hat während der letzten Jahre viel Zeit auf Vernissagen verbracht. Auf Vernissagen, weiß Becker, stehen die meisten Menschen mit dem Rücken zur Kunst, trinken schlechten Wein, und wenn sie doch mal zur Kunst gucken, dann lesen sie meist die Schilder neben den Bildern. Er hat recht! Die Gemälde der großen Kaminski-Retrospektive tragen Titel wie „Selbstporträt im Streichholzlicht“ oder „Der Tod am fahlen Meer“ und sehen auch so aus. Unvorbereitete Gäste versuchen ihre Fassungslosigkeit zu verbergen: Ein blinder Maler, Schüler von Matisse, Freund von Andy Warhol und laut Picasso der Einzige, der nicht von ihm beeinflusst wurde – und sie kennen den nicht? In die würdige Ansprache des Vorsitzenden der latent inexistenten amerikanischen Kaminski-Foundation dringen Korkenknallen, Hundegebell und Kunstgewisper.

Der Regisseur mit dem ungewöhnlichen Zeitbegriff steht inmitten des Publikums wie ein Befreiter, wie einer, von dem gerade eine ungeheure Last abgefallen ist, so als wolle er sagen: Das Erstaunliche ist nicht, dass es zwölf Jahre gedauert hat, diesen Film zu machen. Das Erstaunliche ist, dass es ihn überhaupt gibt!

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