Das Altwerden berührt ihn

Wolfgang Becker. Foto: David Heerde
Regisseur von „Good bye, Lenin!“ Wolfgang Becker: Aus der Welle aufgetaucht

Danach haben sie in der Garderobe geredet, und der noch junge Autor schenkte dem Regisseur leicht fortgeschrittenen Alters „Ich und Kaminski“. Becker las und begann spätestens auf Seite 45 zu zweifeln, ob der Autor dieses Buches tatsächlich der Autor dieses Buches war: „Was der über das Alter wusste! Ein so junger Mann?“ Diese unbarmherzig-präzisen Schilderungen.

„Und schreiben Sie auch, dass wir es nicht wussten“, sagt die Jugendliebe des blinden Malers im Buch zu dessen Biografen mit dem spezifischen Karma. „Was?“, fragt der nach. „Dass man so alt werden kann!“, antwortet die Frau. Oder die Schilderung von Kaminskis Förderer: „Sein Hals zitterte beim Schlucken.“

Also doch! Das Altwerden, das Keine-Zeit-mehr-Haben berührt ihn. Es ist diesem Regisseur also nicht gleichgültig, dass er bei seinem ersten großen Film noch gerade restjung war und beim dritten, nun ja, schon kurz vor der Rente, aber ein Filmregisseur bekommt wohl ohnehin keine.

Damals, als Wolfgang Becker „Ich und Kaminski“ las, dachte er zum ersten Mal: Könnte das nicht ein Film werden? Die Antwort lautete: Vielleicht, ganz bestimmt, aber nicht seiner, denn die Filmrechte waren schon weg. Becker las „Ich und Kaminski“ auch nicht mehr zu Ende, denn plötzlich ergriff ihn die „Good Bye, Lenin!“-Riesenwelle, hob ihn ganz weit empor und trug ihn rund um die Welt. Das dauerte ein Jahr und länger, in mehr als siebzig Länder wurde der Film verkauft.

Ja, es war großartig. Allein die Erfahrung, beim Austreten zwischen Elton John und Al Pacino stehen zu dürfen! Das ergab sich, weil „Good Bye, Lenin!“ für einen „Golden Globe“ nominiert war. Leider ist Becker, der Handwerker, bei der Gala auch einer berühmten Schauspielerin, einer der erotischsten Frauen der Welt, aufs Kleid getreten. „Ich habe kein Talent für solche Veranstaltungen“, sagt er. Auf den Partys, die er besuchte, war er der Einzige, der auffiel, denn er war der Einzige, den kein Mensch kannte.

Auf dem Tisch stehen geschälte Apfelstücke und eine große Weinrebe, wie sie die alten Niederländer auf ihren Bildern bevorzugten, und wie sie der blinde Maler Manuel Kaminski, letzter Vertreter der klassischen Moderne, Schüler von Matisse, nie gemalt hätte, weder in seiner frühen noch in seiner mittleren noch in seiner späten Periode.

Als die „Good Bye, Lenin!“-Welle den Regisseur schließlich wieder absetzte, machte Becker die irritierende Erfahrung, dass die anderen inzwischen einfach weitergelebt und weitergearbeitet hatten, ohne ihn. Tom Tykwer und Dani Levy, mit denen er einst die Firma „X-Filme“ gegründet hatte, waren gänzlich verstrickt in sich selbst. „Die schreiben ihre Filme allein“, sagt Becker, und es liegen Bewunderung und eine kleine Resignation in seinen Worten.

Er weiß, dass ihm das versagt ist. „Ich bin auf eine gute Vorlage angewiesen“, erklärt er. Da war keine. Und da kam keine. Das Drehbuch zu „Good Bye, Lenin!“ hatte er mit Tykwer zusammen entworfen, und nun? Nun gab es viel Wichtigeres als Kino: Senator Film war pleitegegangen; die glücklose Gesellschaft besaß Anteile an „X-Filme“ und die Gläubigerheuschrecken streckten ihre Fühler aus. Er habe doch gerade nichts zu tun, könnte er sich da nicht einmal um die Heuschrecken kümmern?, fragten die Künstler.

Ein wenig kränkend war das Ansinnen schon, aber Becker fand keinen Grund, Nein zu sagen. Also machte er statt eines neuen Films einen Crashkurs in Insolvenzrecht. Das war nicht umsonst, das war wirklich nicht umsonst, sagt er und sieht irgendwie unglücklich aus. Natürlich, er hat den Heuschrecken auf die Finger gehauen, und wer weiß, wozu man eine solche Spezialisierung noch brauchen kann. Aber es kostete Zeit, verdammt viel Zeit. Die Kuckucksuhr schweigt.

Immerhin waren plötzlich die Filmrechte an „Ich und Kaminski“ wieder frei und Becker entschloss sich, das als Zeichen zu verstehen. Was auch viel Zeit kostet, manchmal Jahre: Drehbuch mitschreiben, Drehbuch nicht gut finden, merken, dass das Drehbuch wirklich nicht funktioniert, Drehbuch wegschmeißen, neues Drehbuch schreiben, Drehbuch kürzen.

„Kürzen ist besonders schlimm“, erklärt Becker, „denn da ist immer die Gefahr, dass man genau an der falschen Stelle kürzt. Und ich habe eine falsche Stelle gekürzt, das weiß ich genau, schon im Drehbuch!“ Es war nur eine ganz kleine, aber die falsche. Die Präsenz des Fehlenden geht ihm noch immer sehr nah.

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