Blumen vor dem Döner-Imbiss, in dem ein Mann erschossen wurde. Foto: Hendrik Schmidt / dpa / AFP
© Hendrik Schmidt / dpa / AFP

Rechter Terror Ist die AfD tatsächlich mitschuldig an den Morden von Halle?

Es ist unanständig, aus dem Blut von Mordopfern sein tagespolitisches Süppchen zu kochen. Wir sollten den Blick auf die wahren Ursachen lenken. Ein Kommentar.

Ist die AfD mitschuldig an den Morden von Halle? Falls ja, dann sind viele aus dem heutigen Establishment, mich eingeschlossen, natürlich auch mitschuldig an den Morden der RAF-Terroristen.

Damals, 70er Jahre, wurde im linken Milieu ja relativ offen darüber diskutiert, ob man diesen „Genossen“ gegenüber nicht zur Solidarität verpflichtet sei. Kämpften die nicht irgendwie für die gleiche Sache, die sozialistische Revolution? Und im Programm der diversen linksextremen Parteien, aus denen später so mancher Spitzenpolitiker hervorging, war die Absage an „revolutionäre Gewalt“ wachsweich formuliert, falls es sie überhaupt gab.

Am Grab eines Terroristen rief Rudi Dutschke, selbst Opfer eines rechten Anschlags, mit geballter Faust: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Viel Raum für Interpretationen bietet dieser Satz nicht.

Es ist und bleibt unanständig, aus dem Blut von Mordopfern sein tagespolitisches Süppchen zu kochen. Und es ist und bleibt legitim, in einer Demokratie friedlich für eine politische Wende zu kämpfen, egal in welche Richtung.

Zerfall jeglicher Bindungen

Hallo? Gibt es da draußen noch Demokraten?

Gibt es noch eine politische Mitte, die keinen Unterschied macht zwischen islamistischen-, kommunistischen- und Nazi-killern?

Oder soll es allgemeiner Brauch werden, entweder sofort die Relativierungs- und Beschwichtigungsmaschine anzuwerfen (falls der Mörder „zu uns“ gehört) oder aber, andernfalls, den Mord der politischen Konkurrenz ans Bein zu binden?

Und wenn als Nächstes ein hasserfüllter Linksextremer einen AfD-Politiker niederschießt? Wer hat dann Schuld?

Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier. Zeichnung: Tsp Vergrößern
Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier. © Zeichnung: Tsp

Die rechtsextremen Killer sind fast immer junge Männer ohne Perspektive und ohne Bindungen, Gescheiterte. Wer versucht, Ursachenforschung zu betreiben, dürfte deshalb wohl kaum am Zustand unseres Bildungssystems vorbeikommen, an den deklassierten Milieus ohne Aufstiegschancen, am Zerfall jeglicher Bindungen, am Niedergang alter Strukturen und Institutionen – Kirchen, Familien, Klubs und Vereinen zum Beispiel –, die solche Männer früher aufgefangen haben.

Heute sitzen sie einsam am Computer. Das entschuldigt natürlich gar nichts.

Die Sicherheit der deutschen Juden wird aus zwei wachsenden Milieus bedroht, dem rechtsextremen und dem islamistischen. Seit Jahren wurde die Polizei ausgedünnt. Daran jedenfalls ist nicht die AfD schuld, sondern diejenigen, die regiert haben. Manche von ihnen halten die Polizei womöglich immer noch, wie die Linke von 1975, für ein bürgerliches Repressionsinstrument. Ein monströser Irrtum.

Ohne Polizei gibt es keine Sicherheit, folglich auch keine Freiheit. Die Polizei löst nicht gesellschaftliche Probleme, aber manchmal kann sie Morde verhindern.

Zur Startseite