Die Welt im Kleinen: Das Holländerviertel in Potsdam. Foto: Shutterstock / Andrzej Rostek
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Potsdam: Die besten Restaurants für jeden Tag Berlins Frau Nachbarin kann kochen

Uwe Lehmann

Gegen die Food-Metropole Berlin ist schwer anzukommen. Aber Brandenburgs Landeshauptstadt legt mit ganz legeren Restaurants nach.

Berlin wirft einen kolossalen kulinarischen Schatten, die Stadt ist eine der Food-Metropolen Europas. Sie hält im Städtevergleich die meisten Michelin-Sterne in Deutschland, zieht kreative Köche aus aller Welt an und setzt ständig neue gastronomische Trends. Und Potsdam?

Die kleine Landeshauptstadt nebenan hat sich in diesem Schatten scheinbar bequem eingerichtet, zumal auch Potsdamer gern mal zum Dinner nach Berlin fahren. Aber seit einiger Zeit tut sich was, und das haben sogar die gut versorgten Berliner mitbekommen. Ein paar wesentliche Akzente aber, so ist das nun einmal, kommen aus der Hauptstadt.

Tim Raue zum Beispiel, Berlins sicher prominentester Spitzenkoch, hat bekanntlich Günter Jauchs Villa Kellermann unter seine Fittiche genommen. Am 25. September will er dort ein Restaurant eröffnen mit regional inspirierter deutscher Küche, die er auf seine Art interpretiert, eher Bistro als Sterne-Restaurant.

Und der Berliner Gastro-Multi Josef Laggner, der bereits das „Augustiner“ im Holländischen Viertel betreibt, hat sich überreden lassen, die restaurierte Kaiserliche Matrosenstation Kongsnaes am Jungfernsee zu übernehmen – das läuft seit dem Start im Sommer schon ganz gut, überwiegend mit Fischgerichten.

All das schürt die Hoffnung, dass auch Potsdams Platzhirsche die Herausforderung annehmen. Alexander Dressel zeigt sich nach dem hausinternen Umzug seines besternten Restaurants „Friedrich Wilhelm“ – es heißt jetzt „Gourmet-Kabinett F. W.“ – in bester Form.

In Potsdam mischen sich preußisches Erbe und französische Einflüsse mit einer Liebe zur italienischen Lebensart. Foto: Getty Images/iStockphoto Vergrößern
In Potsdam mischen sich preußisches Erbe und französische Einflüsse mit einer Liebe zur italienischen Lebensart. © Getty Images/iStockphoto

Potsdamer Gastroszene bestens aufgestellt

Jörg Frankenhäusers „Kochzimmer“ hat sich nach dem Umzug von Beelitz an Potsdams Neuen Markt, einen der schönsten erhaltenen Barockplätze Europas, ebenfalls oben etablieren können. Und „Speckers“, „Juliette“ und „Pino“? Auf diese drei ist, ohne dass sie große Experimente wagen, nach wie vor Verlass.

Doch auch neben den üblichen Verdächtigen zeigt sich die Potsdamer Gastroszene bestens aufgestellt. Einer der erfrischendsten Newcomer ist Mike Waesche, der sein Restaurant „Mike’s Heimatküche“ im November 2018 in Groß Glienicke eröffnete – gefühlt eher Berlin als Potsdam. Der gebürtige Berliner mit Ausbildung im Restaurant „Paris-Moskau“ hat lange Jahre in der Schweiz, auf Mallorca und im Schwäbischen gekocht, bevor es ihn mit seiner Frau Natalie Lämmle, die für den Service verantwortlich ist, zurück in die Heimat zog.

Mike Waesche kocht bodenständig, aber präzise und mit Pfiff, seine Frau Natalie Lämmle leitet den Service mit gelassener Herzlichkeit. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Mike Waesche kocht bodenständig, aber präzise und mit Pfiff, seine Frau Natalie Lämmle leitet den Service mit gelassener Herzlichkeit. © Mike Wolff

Seine Küche bezeichnet Waesche als „traditionell und mediterran“. Er setzt auf eine viermal im Jahr wechselnde kleine Standardkarte mit saisonalen Klassikern und eine zusätzliche Wochenkarte nach Marktlage. Ein Klassiker, der überhaupt nicht mehr von der Karte darf, sind die geschmorten Ochsenbäckchen mit – allerdings nach Saison wechselnden – Beilagen.

Auch das „201 – Brasserie am Griebnitzsee“ mit Café, lauschigem Biergarten und Restaurant direkt im Bahnhof der Wannseebahn, kommt bei den Hauptstädtern gut an. Zumal der See für Spaziergänger, Radler und Bootsausflügler – am Bahnhof können Fahrräder und Kajaks ausgeliehen werden – ein schönes, leicht erreichbares Ausflugsziel ist.

201 – Brasserie am Griebnitzsee: Geschmackvoll eingerichtet mit schönem Biergarten, dazu eine handwerklich gutgemachte Küche von Gulasch bis Maultaschen plus Picknickkörbe für Ausflügler. Foto: Mike Wolff Vergrößern
201 – Brasserie am Griebnitzsee: Geschmackvoll eingerichtet mit schönem Biergarten, dazu eine handwerklich gutgemachte Küche von Gulasch bis Maultaschen plus Picknickkörbe für Ausflügler. © Mike Wolff

Inhaberin Susann Laboga offeriert eine modern-bürgerliche Jahreszeitenküche mit internationalen Einsprengseln, Gulasch mit selbst gemachten Semmelknödeln oder auch Wildgerichte. Die Gastronomin pflegt auch den wiederbelebten Sonntagsbraten, Essen im „Family-Style“ und die Kuchentafel.

Köchin und Betreiberin Susann Laboga macht in ihrer Brasserie einfach alles richtig. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Köchin und Betreiberin Susann Laboga macht in ihrer Brasserie einfach alles richtig. © Mike Wolff

Von „modern bürgerlich“ zu gutbürgerlicher Küche im besten Sinne, von der grünen Peripherie Potsdams in die Innenstadt, sind es nur ein paar Schritte. Wer in der gediegenen Institution „Dreimäderlhaus“ einkehren möchte, sollte zeitig reservieren – und die „Berliner Schnauze“ des Gastgebers Frank Fuchs abkönnen, der schnell zum „Du“ übergeht.

Hühnersuppe, Königsberger Klopse, Eisbein mit Sauerkraut

Wer die Lieblingsgerichte seiner Eltern nicht kennt, kann sie hier in Eins-a-Qualität probieren: Hühnersuppe, Königsberger Klopse, Eisbein mit Sauerkraut, Forelle „Müllerin“, Rinderrouladen mit Thüringer Klößen oder, ganz einfach, Kartoffeln mit Spreewälder Leinöl und Kräuterquark. Alles nichts Raffiniertes, aber beste Hausmannskost.

Berlin kann trendige Fischrestaurants wie das „Funky Fisch“ oder das „Seaside“ vorweisen, Potsdam hat den bodenständigen „Butt“. Der liegt im Hochparterre eines 370 Jahre alten Eckhauses und gibt sich ein wenig oldschool. Dennoch ist Potsdams einziges Fischrestaurant eine Empfehlung wert, denn alles ist frisch und der Mann in der Küche, Alexander Wendland, kann wirklich kochen. Seine Frau Kerstin agiert gut gelaunt und umsichtig im Service.

Aus heimischen Gewässern kommen etwa der „Havel-Aal grün“ und die „Regenbogenforelle blau“, aus dem Meer die sehr zu empfehlende „Finkenwerder Speckscholle“, außerdem ein auf den Punkt gegarter Norwegerlachs, Dorade im Ganzen, Knurrhahn und schwarzer Heilbutt. Eine kräftige Bouillabaisse wird serviert, und auf Vorbestellung darf es auch ein ganzer Hummer sein. Dazu empfiehlt die Chefin eine schöne Auswahl offener Weine.

Auch in Sachen Wein hat Potsdam einiges zu bieten

Apropos Wein: Auch da hat Potsdam das eine oder andere anzubieten, etwa das „Lewy Wein Bistro“ von Lesya Richter in einem liebevoll restaurierten barocken Stadthaus von 1739. Das steht in der historischen Innenstadt, in direkter Nachbarschaft zur Brandenburger Straße, der Flaniermeile Potsdams. Ein Besuch nach dem Shopping oder einem Stadtbummel bietet sich an. Aber Vorsicht, es ist immer rappelvoll, eine Reservierung empfehlenswert.

Inhaberin Lesya Richter hat in bester Lage einen Ort geschaffen, an dem man zu jeder Tageszeit einkehren kann. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Inhaberin Lesya Richter hat in bester Lage einen Ort geschaffen, an dem man zu jeder Tageszeit einkehren kann. © Mike Wolff

Kein Wunder, denn die deutschen, italienischen und französischen Weine (große Auswahl Offener) und das Essen wie der klassische „Coq au Riesling“ gehen in dem kleinen Lokal mit noch kleinerer Küche bestens zusammen. Es wird frisch gekocht mit guten regionalen Produkten, aber auch Speck aus Südtirol und Käse aus dem Trentino kommen auf den Tisch. Dabei vereint die Küche mediterrane mit deutschen – ein Renner: die Maultaschen – und russischen Einflüssen.

Pasta, Tapas und Brettljausen, dazu offene Weine. Leider ist das Bistro kein Geheimtipp mehr. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Pasta, Tapas und Brettljausen, dazu offene Weine. Leider ist das Bistro kein Geheimtipp mehr. © Mike Wolff

Auch die „Theaterklause“ unweit des Parks Sanssouci hat weintechnisch aufgerüstet. Lange Zeit vor allem als gute und beliebte Lunch-Adresse bekannt, wandelt sich das Lokal am ehemaligen Hans-Otto-Theater, wo heute die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ihr neues Wissenschafts- und Restaurierungszentrum betreibt, von Donnerstag bis Sonntag ab 17 Uhr zur Weinbar.

Zum Grundangebot gehören rund 20 offene Weine, die regelmäßig wechseln; sie kommen zum Beispiel von Bettina Schumann vom Kaiserstuhl, einer aus Berlin stammenden Winzerin. Zu den Weinen wird ein kleines, häufig mediterranes Speisenangebot aus Küche und Vitrine serviert, wie beispielsweise die pikanten spanischen Hackfleischbällchen „Albondigas“, Auberginen, Datteln, Kichererbsen oder gegrilltes Gemüse.

Mediterran ist natürlich auch die griechische Küche. „To Steki“ bedeutet im Griechischen Stammplatz oder Treffpunkt. Das Potenzial dazu hat die kleine Taverne auf jeden Fall. Denn hier kommen nicht nur die typische Grillküche, sondern die typischen Mezedes, verschiedene warme und kalte Kleinigkeiten, auf den Tisch.

Mittendrin in der Kategorie Lieblingsitaliener

Von Hellas nach Italien in nur zwei Minuten. Weiter ist es nicht vom griechischen Stammplatz bis ins „Piccolo Pane“, also ins „Kleine Brot“. Der Name gibt schon einen deutlichen Hinweis auf die aus der Emilia Romagna stammende Spezialität des gemütlichen, unkomplizierten Lokals mit dem unter Denkmalschutz stehenden Rokokozimmer. „Piccolo Pane“ ist ein ohne Fett gebackenes Fladenbrot mit kreativen, mediterranen Füllungen aus original italienischen Produkten, etwa die Varianten Gorgonzola mit Walnuss, Birne, Honig und Rucola oder Milano-Salami mit Frischkäse, Tomaten, Zucchini, Mozzarella, Rucola.

Zusätzlich gibt es verschiedene Käse- und Aufschnittplatten. Dazu werden ausgesuchte, freundlich kalkulierte Weine aus der Stiefelrepublik ausgeschenkt.

Mit dem „Piccolo Pane“ ist man schon mittendrin in der Kategorie Lieblingsitaliener. Ein besonderer Pasta-Tipp ist das „al dente“ – der Name passt – in Babelsberg, eine typische Mischung aus Ristorante und gemütlicher Trattoria. Mario ist ein charmanter italienischer Gastgeber, und seine Nudeln von der Tageskarte wie die Tagliolini mit Steinpilzen, die Gnocchi mit Ziegenkäse oder die Ravioli mit Pfifferlingsfüllung schmecken prima. Er serviert aber auch gute Fischgerichte.

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Der gehobenen Küche Italiens hat sich die „Villa Culinaria d’Italia“ verschrieben, untergebracht in den wunderschön restaurierten und aufwendig eingerichteten Räumen der Villa von Haake gegenüber dem Jägertor. Die Bar lädt zum Aperitivo ein, und es stehen zahlreiche Italo-Klassiker wie Vitello Tonnato, Pulposalat oder Filetto die Manzo auf der Karte. Die werden teilweise mit modernem Touch zubereitet, kommen aber immer in bester Produktqualität, etwa beim Fleisch vom florentinischen Chianina-Rind.

Patron Chris Zanotto scheint in seinem Bistro omnipräsent und besitzt eine ausgeprägte Persönlichkeit. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Patron Chris Zanotto scheint in seinem Bistro omnipräsent und besitzt eine ausgeprägte Persönlichkeit. © Mike Wolff

Der Entertainer unter Potsdams Italienern ist Chris Zanotto. Der virtuose Gastgeber aus der Po-Ebene bezeichnet sich selber als „Dramaturg und Regisseur einer frischen italo-kulinarischen Inszenierung“. Seine Bühne ist die kleine, nach ihm selbst benannte Osteria in der Dortustraße, die mit vielen liebevollen Details eingerichtet ist.

Die Speisekarte ist überschaubar, aber ambitioniert zusammengestellt, mit einigen Vorspeisen, ein paar Pasta-Gerichten, einmal Fleisch, einmal Fisch, Dolce. Eine wunderbare Vorspeise ist die Rotbarbe mit pürierten Pigna-Bohnen aus Ligurien, sehr gut schmeckt auch die weiße Lasagne aus Norditalien. Aber letzten Endes zieht der eigenwillige Regisseur Gäste vor, die ihm freie Hand geben.

Am besten fährt man, wenn man sich vertrauensvoll in Zanottos Hände begibt und seinen Empfehlungen folgt, sei es beim Wein oder der Auswahl der ausgefeilten italienischen Spezialitäten jenseits des Üblichen. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Am besten fährt man, wenn man sich vertrauensvoll in Zanottos Hände begibt und seinen Empfehlungen folgt, sei es beim Wein oder der Auswahl der ausgefeilten italienischen Spezialitäten jenseits des Üblichen. © Mike Wolff

Er bleibt präsent, schenkt einen erstklassigen Prosecco nach, holt schnell einen Südtiroler aus dem Regal, hat kurz Zeit für einen Plausch zwischendurch, bevor er zum nächsten Tisch eilt, wo die Gäste schon ungeduldig auf ihn warten. Aber Zanotto beherrscht das Spiel, sodass an den Nachbartischen kein Gastgeberneid aufkommt. Er hat seine Nische gefunden und muss ganz sicher keine Angst haben, dass ihm ein zugereister Berliner die Gäste wegnimmt.

Gute Adressen in Potsdam: Hier finden Sie eine Übersicht der besprochenen Lokale.

Villa Kellermann: Deutsche Klassiker mit asiatischem Twist à la Tim Raue. Berliner Vorstadt, Mangerstr. 34

Kongsnaes: Leicht gehobene Fischküche, Grillgerichte und Champagner in bester Lage am Jungfernsee. Berliner Vorstadt, Schwanenallee 7/2

Mike’s Heimatküche: Bodenständig-mediterrane Küche mit Pfiff in sehr guter Zubereitung. Groß Glienicke, Potsdamer Chaussee 12

201 – Brasserie am Griebnitzsee: Sympathisches Café-Restaurant mit Biergarten, das auch Picknickkörbe anbietet. Babelsberg Nord, Rudolf-Breitscheid-Str. 201

Dreimäderlhaus: Deftige Hausmannskost mild modernisiert und hemdsärmelig serviert. Nördliche Innenstadt, Hermann-Elflein-Str. 12

Butt: Sehr klassische Fischküche, aber gut. Nördliche Innenstadt, Gutenbergstr. 25

Lewy Wein Bistro: Muntere Weinbar mit kleinen, gut gemachten mediterranen Spezialitäten. Nördliche Innenstadt, Dortusstr. 17

Theaterklause: Guter Lunch und von Donnerstag bis Sonntag; Weinbar mit mediterraner Küche (ab 17 Uhr). Brandenburger Vorstadt, Zimmerstr. 10–11

To Steki: Kleine, gemütliche Taverne mit traditioneller griechischer Küche und guten Mezedes. Nördliche Innenstadt, Gutenbergstr. 33

Piccolo Pane: Gefüllte Fladenbrote und andere Spezialitäten aus der Emilia Romagna. Nördliche Innenstadt, Benkertstr. 21

Trattoria al dente: Klassisch-italienische Küche, ab mittags durchgehend geöffnet. Babelsberg Nord, Alt Nowawes 34

Villa Culinaria d’Italia: Ambitionierte italienische Küche in der ehemaligen Villa von Haake. Aperitivo! Nördliche Innenstadt, Jägerallee 1

Zanotto: Bestes italienisches Restaurant der Stadt. Nördliche Innenstadt, Dortustr. 53

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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