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Manche Werte sind wichtiger als andere

Zwischen Helden- und Verrätertum Das Dilemma des Whistleblowers

„Es ist mir egal, wenn ein Dieb den anderen betrügt“, sagt Strecker. Aber der Chef auf dem Hof spielte mit der Gesundheit anderer Menschen.

„Whistleblower sind sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, einen Skandal publik zu machen“, sagt Professor Ludwig. „Aber sie alle hadern mit sich.“

Strecker fährt den Lkw vom Hof. In seinem Vertrag steht, dass er über die Fracht und den Kunden nicht sprechen darf, Betriebsgeheimnis, er hat Loyalitätspflicht.

In der Antike wurden Verräter von einem Felsen in die Unterwelt gestürzt, die Bibel schlägt Steinigung vor, Judas, der Jesus für 30 Silberlinge auslieferte, wurde vom Abendmahltisch und aus der Gesellschaft verstoßen.

Strecker könnte gekündigt werden, vielleicht bestraft. „Ich hätte sagen können, das ist mir egal, was die Bayern essen.“ Aber manche Werte sind eben wichtiger als andere.

„Verräter“, sagt Professor Ludwig, „wollen jemandem Schaden, sich selbst Vorteile verschaffen. Whistleblower wollen andere schützen und gehen dabei ein Risiko ein.“

Des einen Helden ist oft des anderen Verräter. Ludwig spricht von Bradley Manning. „Er hat auf Kriegsverbrechen aufmerksam gemacht und der Öffentlichkeit klargemacht, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.“ Bei Kriegsverbrechen gilt vieles nicht mehr, was immer galt, Immunität von Staatsoberhäuptern beispielsweise. Dem Enthüller Snowden hätte Ludwig sofort bei sich daheim Asyl gewährt.

„Was ist nur los mit Barack Obama?“ 2008 habe der noch angekündigt, Whistleblower schützen zu wollen. Nun würden sie so hart bestraft wie nie zuvor.

Strecker denkt nicht an Kriegsverbrechen, hoch oben auf seinem Fahrersitz. Er weiß nur einfach nicht, an wen er sich wenden soll mit seiner Information. Er ruft die Polizei an, 110, solange er noch in Bayern ist. „Wir sind nicht zuständig.“ Auch die Industrie- und Handelskammer, desinteressiert. Er ruft die Gewerbeaufsicht an, die hört zu und deckt in der Folge einen riesigen Skandal auf: Eine italienische Firma hatte mit einer eingespielten Lieferkette deutsches Recht umgangen, Fleisch scheinbar aus- und eingefahren und schließlich hunderte Tonnen Gammelfleisch an Berliner Dönerbuden verkauft.

Seiner Frau sagt Strecker erst Bescheid, als die Nachricht schon auf allen Kanälen läuft. „Du, ich hab da so ’nen Knaben angeschissen.“

Dann beginnen die Zeitungen, Miro Strecker aus Brandenburg, geboren in Polen, die Mutter Verkäuferin, der Vater Lkw-Fahrer, einen Helden zu nennen. Weil er sich in den Dienst einer Sache gestellt hat, die ihn nicht direkt betroffen hat.

Strecker mag das Wort nicht. Feuerwehrmänner, Gefallene im Krieg, Leute, die Leid ertragen, Übermenschliches leisten, Prüfungen bestehen, das sind Helden.

„Snowden und Manning sind Helden, weil sie wussten, was auf sie zukommt und es trotzdem taten. Ich konnte doch nicht ahnen, was das für Kreise zieht.“

Strecker lacht. In der Schule hat er mal geschummelt, als kleiner Junge hat er sich gerauft, den Müll bringt nicht er, sondern seine Frau raus, die kocht auch jedes Abendessen. Er ist schnell genervt vom Smalltalk bei den Schwiegereltern oder von Krankengeschichten alter Leute, er liest nicht gern Zeitung, geht nicht wählen, nicht in die Kirche, er raucht zu viel. Seine größte Rebellion waren ein paar Tätowierungen, selbst gemacht mit Tusche, und, dass er das Tuch der Pioniere am Arm statt am Hals getragen hat. Er hat einen Teil der Kindheit seiner Söhne verpasst, weil er immer Lkw gefahren ist, einer sagte mal, als der Vater ungewohnt lange daheim war: „Schön, dass du jetzt wieder fährst.“ Und ja, er hat sogar schon falsch etikettiertes Fleisch transportiert, ohne etwas zu sagen.

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