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Deutschland unternimmt wenig, um Whistleblower zu schützen

Zwischen Helden- und Verrätertum Das Dilemma des Whistleblowers

Die Kreise, von denen Strecker spricht, zogen sich, als er das erste Mal krank wurde. Kündige, riet ihm seine Firma. „Da könnt ihr lange warten“, sagte Strecker. Er kann sie ja verstehen, jetzt, viele Jahre später. „Jedes Unternehmen hat Leichen im Keller. Die Kunden hatten Angst, dass ich wieder etwas aufdecke.“

Seine Chefs teilten ihn künftig für die schweren Touren ein, viele Ladestopps, hoch gestapelte Paletten. Die sollte er nicht heben, hat der Arzt nach einer Schulteroperation gesagt. Seine Chefs wussten das. „Man wollte mich kaputtspielen“, sagt Strecker.

2011 kündigte seine Firma ihm, betriebsbedingt. Er kämpfte vor Gericht, erstritt eine Abfindung. Sein Haus in Calau hatte er gerade erst gekauft. „Man konnte ja nicht mit so was rechnen.“

Verpfeifer, Petze, Nestbeschmutzer

In anderen Ländern wäre ihm das nicht so leicht passiert. Deutschland, erklärt Professor Ludwig in langen Sätzen seinem Berliner Publikum, bilde das Schlusslicht beim Whistleblower-Schutz. Das bestätigen auch Studien von Transparency International, der Organisation gegen Korruption.

„Wir sind obrigkeitshörig, wer bei uns helfen will, ist ein Denunziant“, sagt Ludwig. Ein Verpfeifer, eine Petze, ein Nestbeschmutzer. Das Arbeitsrecht stamme in seinen Grundsätzen eben noch aus der Zeit des Dritten Reiches.

In den USA sind Whistleblower je nach Branche geschützt. Es sei denn, Ludwig lacht bitter, es gehe um Militär und Sicherheit. In Großbritannien sind seit einer Unglücksserie 1998 – eine Fähre war gesunken, ein Zug entgleist, eine Bankfiliale zusammengebrochen – Enthüllungen im öffentlichen Interesse gewünscht. Wer dem Prozedere folgt, kann nicht gekündigt werden und erhält Schadensersatz, sollte er gemobbt werden.

In Deutschland gab es diese Versuche auch. Eine bayerische SPD-Bundestagsabgeordnete schlug ein Modell vor, wonach Whistleblower wie Strecker nicht benachteiligt werden dürfen. Wenn doch, muss das Unternehmen ein Bußgeld zahlen.

"Wir brauchen einen Kulturwandel"

In einigen Bundesländern existiert bei den Landeskriminalämtern ein anonymes elektronisches „Hinweisgebersystem“. Beamte dürfen sich  – aber nur bei Korruption – an eine spezielle Stelle wenden. Es gibt ein Maßregelungsverbot im Bürgerlichen Gesetzbuch, aber bislang keine Urteile dazu. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im Fall der Altenpflegerin Brigitte Heinisch, die im Berliner Vivantes-Klinikum Missstände aufgedeckt hatte, das Recht auf freie Meinungsäußerung zwar über die Loyalitätspflicht zum Arbeitgeber gestellt. Die deutschen Richter folgen der Entscheidung aber bislang nicht.

„Zarte Ansätze“, nennt Professor Ludwig das alles. „Die derzeitige Regierung hält nichts vom Whistleblowing.“

Er wünscht sich ein Gesetz, bei dem der Glockenläuter selbst entscheiden kann, ob er sich intern äußert oder extern. „Er, und nur er, kann die Situation einschätzen“, sagt Ludwig.

„Wir brauchen einen Kulturwandel.“ Ludwig holt Luft und erzählt nun von deutschen Firmen, die intern zum Whistleblowing ermutigen. „Die haben verstanden, dass es besser ist, wenn dem Mechaniker vorm Einschlafen einfällt, dass die Schrauben des Flugzeugs nicht fest sitzen, und man die Maschine noch stoppen kann.“ Ein Risikomanagement, das weit weniger kostet als der Image- und finanzielle Schaden nach einer Katastrophe.

Strecker überbrückte die Zeit als Arbeitsloser mit dem Preisgeld von vier Couragepreisen. „Für einen habe ich 10 000 Euro bekommen. Das kann man doch sagen. Für den Auftritt bei Jauch 500.“ Die Leute im Ort denken, er sei reich geworden, müsse nie wieder arbeiten. Der bayerische Gammelfleischhändler wurde 2011 verurteilt.

Nach einem Aufruf von Antenne Bayern stellte ein mittelständischer Betrieb Strecker als Fahrer ein. „Um für sich zu werben! Wie sozial er doch sei. Sobald es ging, hat er mich wieder gekündigt.“

Wenn Strecker als kleiner Junge krank war, nannten ihn die Eltern Stehaufmännchen. Er braucht keine psychologische Behandlung wie die meisten in seiner Situation. Die sich verfolgt fühlen, in ihrem Fall leben, riesige Aktenstapel anschleppen, wenn Sie Professor Ludwig treffen.

Strecker fährt jetzt Reisebus, Sieben-Flüsse-Tour und so. Er verdient 35 Prozent weniger als früher, seine Frau hat zwei Jobs, als Sachbearbeiterin und in einer Spielhalle. Er vermisst die Ruhe in seinem Lkw. Dafür fährt er jetzt viel durch Innenstädte. Den weißen Mittelstreifen auf der Autobahn konnte er ohnehin nicht mehr sehen.

Erschienen auf der Dritten-Seite.

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