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Applaus fürs Team Laschet. Foto: AFP
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Zwischen Aufbruch und Verzweiflung Das „Zukunftsteam“ löst Laschets Problem nicht

Der Kanzlerkandidat der Union kann nicht überzeugen. Das ändert auch ein Team nicht. Er muss enttäuschte Wähler mobilisieren. Ein Kommentar.

Die Lage ist unschön, um es einmal dezent auszudrücken. Was die Union und ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet gerade erleben, ist ein eklatanter Absturz in der Zustimmung bei denen, die sich wohl mehr oder weniger entschieden haben, für wen sie am 26. September stimmen wollen. Auch im aktuellen Politbarometer vom Freitag zieht die SPD mit Olaf Scholz an der Spitze der Kampagne an der Union vorbei – es steht 22 zu 25 Prozent.

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Laschets Lokomotive ist keineswegs der Dampf ausgegangen. Sie hat immer schon zu wenig Dampf entwickelt. Und nun reicht es nicht einmal mehr, den alles andere als glänzenden Wahlkampf von Scholz zu überbieten. Dem hilft nun der übliche Trittbrettfahrereffekt - manche wollen eben gern bei den Siegern sein, auch wenn man mittlerweile schon mit einem Viertel der Stimmen ganz oben aufs Treppchen darf.

CDU und CSU erleben das Unschöne dieses Wahlkampfes übrigens in selten trauter Verbundenheit. Denn auch in Bayern sind die Zahlen schlecht. Die Christsozialen mit ihrem Vormann Markus Söder liegen in der bundesweiten Rechnung nun um die Fünfprozentmarke, und allein die Regel, dass auch drei Direktmandate ausreichen, um als Gesamtpartei in den Bundestag einzuziehen, verhindert ein blau-weißes Desaster. Die Lage der Union nähert sich so nun der Katastrophe. Wie will Laschet sich retten?

Dass er am Freitag im Konrad-Adenauer-Haus ein Team vorgestellt hat, das für seinen Kurs stehen soll, gehört zum Wahlkampf-Usus. Wie er es vorgestellt hat, zeigte aber die beklemmende Situation, in der sich die Union nun wiederfindet. Da traten Frauen und Männer auf und schnell wieder ab, die Bühne füllte sich nicht, immer wieder war es Laschet allein, der im Bild war. Will heißen: einsam. Es wirkte alles etwas zu improvisiert, um wirklich überzeugen zu können.

Dabei hatte die Aktion durchaus Wirkungspotenzial, und vielleicht gelingt es Laschet ja auch, in den verbleibenden drei Wochen das noch stärker auszuspielen. Denn er präsentierte nicht etwa allein potenzielle Kandidaten für mögliche Posten in einem Kabinett oder in der Fraktion – auch wenn sich welche darunter befinden wie Friedrich Merz, Silvia Breher, Andreas Jung. Es war keine Schattenkabinettspräsentation. Wie auch. Es gibt amtierende Bundesminister der Union. Aber mit denen will Laschet nicht für sich werben. Das Signal sollte sein, dass mit ihm im Kanzleramt doch so etwas wie ein neuer Schwung in die seit 2005 regierende Union kommen soll. Und dass die Union durchaus noch ein breites Angebot machen kann.

Laschets Union ist Merkels Union

Laschet präsentiert die Union, wie sie unter Angela Merkel geworden ist: etwas liberaler, etwas diverser, etwas weltoffener. Gleichzeitig aber will und muss Laschet für einen neuen Aufbruch stehen. Er will und kann nicht damit werben, allein die Merkel-Ära zu verlängern. Aber er kann und will sich auch nicht davon distanzieren. Das Team als repräsentatives Ensemble soll dafür stehen.

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Ein Teil der Wählerschaft nimmt ihm seinen Aufbruchsversuch aber entweder nicht ab oder erkennt ihn als Kandidaten nicht als gleichwertig an im Vergleich mit der abgehenden Kanzlerin. Es ist ein merkwürdiges Merkmal dieses Wahlkampfes, dass in dieser Situation das bekannte Gesicht von Scholz der SPD hilft, ohne dass die Sozialdemokraten auch nur einen Hauch von eigenständiger inhaltlicher Profilierung über die Groko-Jahre hinaus erkennen ließen.

Das „Weiter-So“ als Wahlentscheidungsmoment, das Laschet nicht inszenieren will, wird von zukunftsmüden Wählern nun sozusagen der SPD angeklebt.

Kann er enttäuschte Anhänger mobilisieren?

Für einen Teil der Unions-Anhänger, die eine Abkehr vom Merkel-Stil in eine ganz andere, wieder deutlich konservativere Richtung wünschen, ist Laschets Wahlkampflinie eine Enttäuschung. Aber es ist noch nicht entschieden, wer am Ende die stärkere Kraft sein wird mit der Möglichkeit, eine Koalitionsbildung führend angehen zu können. Über dem Team-Termin Laschets an diesem Freitagmorgen lag zwar spürbar eine schon etwas verzagte, ja verzweifelte Stimmung. Das kann so bleiben, dann war es das für die Union. Aber daraus kann auch Trotz erwachsen. Und viele Wähler und Wählerinnen sind noch unentschieden.

Die SPD hat aus diesem Potenzial schon geschöpft. Die Union kann das noch tun. Was ihr bleibt, ist die Hoffnung, wenig überzeugte Anhänger doch noch in Bewegung zu bringen. Allerdings umwirbt Laschet diese so wenig wie Merkel es getan hat. Ob und wie ihm der Ruck noch gelingt, wieder vor Scholz und der SPD zu landen, ist die spannende Frage bis zum Wahltag.

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