Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen Foto: AFP/John Macdougall
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Zum Umgang mit der AfD Etwas weniger Hitler, bitte!

Thüringens AfD-Chef Björn Höcke darf einem Gerichtsurteil zufolge „Faschist“ genannt werden. Aber was und wem nützt es, dies zu tun? Ein Kommentar.

In der AfD gibt es Rassisten, Antisemiten, Islamhasser und Geschichtsrevisionisten. Das lässt sich nachweisen. Wer dennoch diese Partei wählt, ist entweder selbst ein Rassist, Antisemit, Islamhasser und Geschichtsrevisionist oder hält diese vier Eigenschaften für nicht so schlimm. Allen anderen sind sie Grund genug, der AfD ihre Stimme zu verweigern und deren Repräsentanten zu bekämpfen. Diese anderen bildeten bislang bei jeder Wahl in Deutschland mindestens drei Viertel der Wählerschaft.

Woran liegt es nun, dass vielen Beobachtern der politischen Lage eine solch sachlich-nüchterne Darstellung nicht reicht? Warum müssen ständig Hitler-Vergleiche, Nazi-Analogien und Faschismus-Parallelen aufgefahren werden? Woher rührt die Lust, eine Begrifflichkeit zu verwenden, in der assoziativ Gestapo, Angriffskrieg und Vernichtungslager mitschwingen? Thüringens AfD-Chef Björn Höcke darf einem Gerichtsurteil zufolge „Faschist“ genannt werden. Aber was und wem nützt es, dies zu tun?

Eine Bagatellisierung der Vergangenheit

Höcke stammt aus dem Westen. Im Wahlkampf im Osten der Republik stellte er sich hin und rief: „Es fühlt sich schon wieder an wie in der DDR, liebe Freunde.“ Als daraufhin kein schallend-höhnisches Gelächter ausbrach, fuhr er fort: „Und dafür haben wir nicht die friedliche Revolution gemacht, liebe Freunde, das wollen wir nie wieder erleben.“ Absurder geht’s kaum. Doch statt Höcke als Gernegroß und Wichtigtuer zu demaskieren, wird er durch Nazi- und Faschist-Titulierungen auf eine Weise dämonisiert, die ihm eine Aura von Macht verleihen. Denn mächtig waren die Faschisten ja.

Vor sieben Jahren, also lange vor der AfD, erschien ein Buch des Berliner Journalisten Daniel Erk, der bei der „tageszeitung“ jahrelang den „Hitlerblog“ geschrieben hatte. Das Buch heißt „So viel Hitler war selten.“ Alle Einwände gegen die Inflationierung der NS-Vergleiche sind darin bereits enthalten: die Banalisierung des Bösen, die Adelung aller Formen eines antifaschistischen Widerstands, die Diskurs-Verweigerung gegenüber Rechten („Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“).

Erk spricht von einer „rhetorischen Mehrzweckwaffe“ und schreibt: „Wer einen Hitler-Vergleich anstellt, inszeniert sich stets als weiser Mahner, als um Land und Leute Besorgter.“ Und an anderer Stelle: „,Schaut her“, ruft der Hitler-Vergleich, „wir müssen etwas tun, ehe es wieder so weit ist, dass die Faschisten das Land beherrschen. Ich warne euch ja nur! Weil ich es gut meine!“

Für Kohl war Gorbatschow wie Goebbels

Derartige Dämonisierung geht einher mit einer Bagatellisierung der Vergangenheit. Wenn Höcke wie Goebbels ist, dann war Goebbels wie Höcke. Denn wenn A Ähnlichkeiten zu B aufweist, gilt umgekehrt, dass B auch A ähnlich ist. Es liegt außerdem auf der Hand, dass solche Analogien stark mit der Singularitätsthese kollidieren, der zufolge die NS-Verbrechen einzigartig waren. Wie soll, was einzigartig war, von einem wie Höcke wiederholt werden können? Das erinnert an den Klowandspruch: „Sprüche auf Klowänden abwischen ist wie Bücherverbrennung“. Jeder spürt, dass die Gleichsetzung überzogen ist. Fehlt nur noch, dass es demnächst heißt: „Höcke ist wie Hitler, nur schlimmer“.

Nun ist die Instrumentalisierung der deutschen Vergangenheit, um einen Knockout zu erzielen, nichts Neues. Für Kohl war Gorbatschow wie Goebbels, für Brandt war Geißler wie Goebbels, für Kalte Krieger waren die Sowjets wie die Nazis, für den Rapper Jan Delay war Heino ein Nazi, Herta Däubler-Gmelin verglich Bush mit Hitler, Joschka Fischer berief sich auf Auschwitz, um die Grünen für den Kosovokrieg zu gewinnen. Die vermeintlich „richtige“ Lehre aus den NS-Verbrechen zu ziehen, war nie ganz frei von tagespolitischen Interessen: Pazifismus, Europabekenntnis, Asylrecht, deutsche Teilung, Datenschutz, je nachdem.

Insofern steht auch die dramaturgische Aufladung der Auseinandersetzung mit der AfD in einer sehr deutschen Tradition. Ihre oberste Maxime lautet: Wer „Hitler“ sagt, um das Böse zu charakterisieren, kann leicht signalisieren, dass er selbst das Gegenteil von Hitler ist, also gut, durch und durch.

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