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Applaus fürs Team Laschet. Foto: AFP
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Zukunftsteam im Wahlkampf-Endspurt Bei Armin Laschet sitzen sie in der zweiten Reihe

Nach langem Zögern stellt CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet doch ein Team vor. Bei der Präsentation werden die Probleme seiner Kandidatur offensichtlich.

Im Gänsemarsch läuft Armin Laschets Zukunft auf der Empore des Konrad-Adenauer-Hauses ein. Vorneweg in Richtung Fahrstuhl der Kanzlerkandidat der Union, dahinter ein Kameramann, der acht Personen filmt. Sie sollen an diesem Freitag im Mittelpunkt stehen und sind sorgfältig gecastet. Aus allen Teilen der Republik, geschlechterparitätisch besetzt, Vertreter verschiedener Flügel, erfahrene Landesminister und Newcomer. Nur eines verbindet die acht: zur ersten Reihe ihrer Partei gehören sie alle nicht.

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Trotzdem sollen sie als sogenanntes "Zukunftsteam" der schwächelnden Kampagne der Union neuen Schwung geben. Lange hatte Laschet ein solches Team abgelehnt, doch mit dem Absturz seiner Umfragewerte, war auch diese Position Stück für Stück zusammengebrochen. Nach dem TV-Triell rang sich der CDU-Chef durch, "Köpfe" zu präsentieren, die für ein Thema stehen. So kam es am Montag zu einer Präsentation zu den Köpfen in der Klimapolitik. Nun also ein richtiges Zukunftsteam.

Zuerst gehört aber dem Kanzlerkandidaten die Bühne. "Für mich war immer wichtig, auch in meinem Amt als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat, dass die CDU als Team sichtbar wird." Die SPD verstecke ja ihre Funktionäre hinter Scholz, stichelt Laschet. Zu seiner Partei gehöre dagegen ausdrücklich der christlich-soziale, der liberale und der konservative Flügel. Sein Team bestehe aus Experten, die nicht für Experimente ideologischer Art stünden. Dann werden die nacheinander vorgestellt.

Als erster darf - natürlich - Laschets früherer Widersacher um den Parteivorsitz auf die Bühne. Friedrich Merz verspricht solide Staatsfinanzen, einen ausgeglichenen Haushalt und eine stabile Währung. Nach 70 Sekunden hat er sein Statement bereits abgespult und verlässt die Bühne wieder.

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Musik an, Auftritt Kandidat, kurze Ansprache, Musik an, Abgang Kandidat. So geht das die nächsten 35 Minuten, dazwischen wirkt Laschet immer ein bisschen allein auf der großen Bühne. Klimaexperte Andreas Jung, der bereits am Montag im Klima-Team vorgestellt wurde, sagt: "Wir brauchen mehr Tempo beim Klimaschutz." Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) sagt: "Wir müssen einen digitalen Turbo zünden." Die Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein, Karin Prien, sagt: "Wir müssen bei der frühkindlichen Bildung arbeiten."

Nicht mehr allein. Armin Laschet setzt im Wahlkampf jetzt doch auf ein Team. Foto: Christoph Soeder/dpa Vergrößern
Nicht mehr allein. Armin Laschet setzt im Wahlkampf jetzt doch auf ein Team. © Christoph Soeder/dpa

In den Statements wird klar, warum Laschet hier maximal die zweite Reihe seiner Partei präsentiert. Der inhaltliche Wahlkampf gegen die eigene Bundesregierung ist ein Balanceakt. Nach 16 Jahren an der Regierung kann man nicht jegliche Verantwortung von sich weisen.

Bär: "Ich habe täglich aus Stroh Gold gemacht"

Dorothee Bär versucht es nach der Vorstellung im Pressegespräch trotzdem. Bei ihr habe alles geklappt. "Ich habe täglich aus Stroh Gold gemacht", sagt sie selbstbewusst. Dass Deutschland in vielen Bereichen bei der Digitalisierung hinterherlaufe, sei der Tatsache geschuldet, dass sich die große Koalition nicht auf ein Ministerium für Digitalisierung einigen konnte. Ein solches würde Bär wohl gerne in der kommenden Wahlperiode führen. "Ich bin immer bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich würde nie weglaufen", sagt Bär.

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Auch hier zeigt sich eine Schwierigkeit beim Zukunftsteam von Laschet. Welche Rolle spielen die acht Personen nach dem 26. September? Auch deshalb ist offenbar kein Bundesminister der Union im Team. Bloß nicht so wirken, als verteile man bei Umfragen von 22 Prozent das Fell des Bären.

Ein Musikmanager soll Laschet helfen

Überall Fallklappen für Laschet, der zuletzt ja wenige Fettnäpfchen ausließ. Daher also der Kompromiss der zweiten und dritten Reihe, der niemand weh tut. Barbara Klepsch, die 14 Jahre Bürgermeisterin im Erzgebirge war, siezt Laschet sogar. Dass von diesem Zukunftsteam eine Mehrheit einer möglichen Bundesregierung angehören werden, glauben noch nicht einmal die Beteiligten selbst.

"Ich bin nicht postengeil", sagt Joe Chialo nach der Vorstellung in einer kleinen Presserunde. Der 51-jährige Musikmanager soll der Kulturbeauftragte im Zukunftsteam von Laschet sein. Nach einem Ausflug zu den Grünen in den 90er Jahren ist der Sohn einer tansanischen Diplomatenfamilie 2016 in die CDU eingetreten und kandidiert nun in Berlin-Spandau für den Bundestag. Seine Chancen gegen den langjährigen Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) überhaupt das Direktmandat zu holen, dürften jedoch überschaubar sein.

Ein Professor für Laschet - das weckt Erinnerungen an 2005

Trotzdem ist er jetzt im Team des Kanzlerkandidaten. Chialo habe Ideen, sei kreativ und bewege Menschen, hatte ihn Laschet bei seiner Vorstellung gelobt. "Vor zwei Tagen" habe ihn Laschet angerufen, sagt Chialo, den dieser Anruf "überrascht" habe.

Joe Chialo soll Laschet neuen Schwung bringen. Foto: AFP Vergrößern
Joe Chialo soll Laschet neuen Schwung bringen. © AFP

Eine kleine Überraschung gelingt Laschet immerhin mit der Vorstellung seines Sicherheits-Experten. Mit Peter R. Neumann hat er einen renommierten Politikwissenschaftler und versierten Terrorismus-Fachmann gewinnen können, der ihn bereits 2017 im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen unterstützt hat und aktuell als Professor am Londoner Kings College lehrt.

Ein Professor für den Wahlkampf? Das weckt Erinnerung an 2005, als Angela Merkel den Steuerexperten Paul Kirchhof in ihr Kompetenzteam holte. Doch der Heidelberger Professor wurde schnell zu ihrer schwersten Belastung, weil er immer wieder seine ganz eigenen Vorschläge für eine Steuerreform präsentierte. Die letzten Tage vor der Wahl wurde er regelrecht vor den Medien versteckt.

Neumann: "Eigentlich habe ich überhaupt keine Erwartungen"

Bei Professor Neumann hat Laschet offenbar keine ähnlichen Befürchtungen. "Er ist einer der Wissenschaftler, die Wissenschaft auch in praktische Politik übersetzen kann", sagt Laschet. In einer Presserunde später sagt Neumann, er habe sich schon vor eineinhalb Jahren generell bereit erklärt. Am Wahlprogramm der Union habe er formal aber keinen Input gegeben.

Ob er denn nun auch Minister werden wolle, will eine Journalistin wissen. "Ich bin auch bereit, Verantwortung zu übernehmen", sagt er. Er "schwöre" aber, dass ihm niemand einen Posten angeboten habe. Dann sagt Neumann noch einen etwas doppeldeutigen Satz: "Eigentlich habe ich überhaupt keine Erwartungen."

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