Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Foto: imago images/Reiner Zensen
© imago images/Reiner Zensen

Update „Zu früh festgelegt und verrannt“ Lauterbach sieht Stiko bei Kinderimpfungen in „Außenseiterposition“

Jugendliche sollen mehr Möglichkeiten zur Corona-Impfung erhalten – entgegen der Empfehlung der Stiko. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach findet das richtig.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut mit ihrer Position zu Corona-Schutzimpfungen für Kinder in einer „Außenseiterposition“. Möglicherweise habe sich die Impfkommission in der Frage „ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt“, sagte der Bundestagsabgeordnete am Montag im Deutschlandfunk. Zugleich verteidigte er die Stiko im Grundsatz. Sie habe in der Vergangenheit „ganz hervorragende Arbeit geleistet“. Für Deutschland empfiehlt die Stiko die Impfung bisher nur Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Studien aus England und den USA hätten ergeben, dass eine Durchseuchung mit der Delta-Variante viel gefährlicher sei als die Impfung von Kindern, sagte Lauterbach am Sonntag dem Tagesspiegel. Eltern würden die Delta-Variante fälschlicherweise unterschätzen. „Wenn wir Kinder nicht impfen, wird sich der größte Teil mit Corona infizieren. Die Delta-Variante ist so ansteckend wie Windpocken“, warnte Lauterbach.

Jugendliche sollen nach einem Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums in allen Bundesländern Corona-Impfangebote bekommen. Das geht aus einem Entwurf für einen Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz an diesem Montag hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt. „Eine entsprechende ärztliche Aufklärung sowie eine ggf. notwendige Zustimmung der Sorgeberechtigten werden dabei sichergestellt“, heißt es in dem Entwurf.

„Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige in den Impfzentren anbieten", schreibt das Ministerium in dem an die Länder versendeten Beschlussvorschlag. Auch niedergelassene Ärzte und Betriebsärzte, die Angehörige impften, könnten eingebunden werden.

In einigen Ländern sind bereits Impfaktionen etwa an Schulen geplant. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern beginnt der Unterricht nach den Sommerferien an diesem Montag wieder, in Hamburg am Donnerstag.

Das Impftempo bei Erwachsenen hatte sich zuletzt verlangsamt. 61,6 Prozent (51,2 Millionen Menschen) in Deutschland sind inzwischen mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft, wie Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) am Samstag twitterte. 52 Prozent (43,2 Millionen) sind demnach vollständig geimpft. Unter den Jugendlichen hat jeder Fünfte inzwischen eine erste Impfung bekommen. In absoluten Zahlen sind es 900.000.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Nach Ansicht von Experten sind die Impfzahlen viel zu niedrig, um angesichts der grassierenden hochansteckenden Delta-Virusvariante die anrollende vierte Welle flach zu halten.

Michael Müller wirbt für Impfungen ab zwölf Jahren

Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), warb für Impfungen für Kinder und Jugendliche. Die Impfung sei „überhaupt nicht so risikoreich, wie viele befürchten“, sagte Müller am Montag im ARD-„Morgenmagazin“. Dass die Gesundheitsminister von Bund und Ländern die Impfungen für diese Altersgruppe nun vorantreiben wollen, halte er für „sehr sachgerecht“.

Müller wandte sich dagegen, Kinder und Jugendliche ungeschützt zu lassen und so eine Ansteckung zu riskieren. Es könne auch für Kinder Langzeitfolgen durch eine Corona-Infektion geben, sagte der SPD-Politiker.

FDP und Grüne fordern Sondersitzung

Kritik kam von der Opposition im Bundestag: „Wenn die Gesundheitsminister die Impf-Empfehlung an der Stiko vorbei ändern, kommt das einer Entmachtung gleich“, sagte Andrew Ullmann, der für die FDP im Gesundheitsausschuss des Bundestags sitzt.

Ullmann, der auch Universitätsprofessor für Infektiologie ist und sich für Impfungen von Jugendlichen ausspricht, forderte eine stärkere Einbindung des Parlaments. „Wir sollten jetzt zu einer Bundestag Sondersitzung zusammenkommen, um über Maßnahmen zu diskutieren, um die vierte Welle einzudämmen.“

Den Ruf nach einer Sondersitzung unterstützen auch die Grünen. „Es kann nicht sein, dass wir uns mit Wahlkampf aufhalten, während die vierte Welle anrollt“, sagte Janosch Dahmen dem Tagesspiegel. Es räche sich nun, dass es in Deutschland keine Public Health Institution gebe, die auch die epidemiologischen Folgen einer Empfehlung in den Blick nehme.

Dahmen forderte die Stiko auf, angesichts der steigenden Datenmenge, ihre Empfehlung für die Impfung von Kindern nochmal zu überprüfen. „Es wäre töricht, wenn man damit nochmal acht Wochen wartet.“

Impfung eines Jungen in Nordrhein-Westfalen (Archivbild) Foto: dpa/David Young Vergrößern
Impfung eines Jungen in Nordrhein-Westfalen (Archivbild) © dpa/David Young

Der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Bayerns Ressortchef Klaus Holetschek (CSU), sieht keinen Angriff auf die Stiko durch die Empfehlung der Gesundheitsminister. Diese habe ja gerade die Möglichkeit eröffnet, dass nach individueller Abschätzung eine Impfung für Kinder ab zwölf Jahren möglich sei. In anderen Ländern werde in dieser Altersgruppe bereits breit geimpft, sagte Holetschek im „Morgenmagazin“.

Dem CSU-Gesundheitsminister zufolge sei wichtig, dass jetzt keine Zeit verloren werde in der Impfkampagne. Eltern, die unsicher seien, empfahl er eine Rücksprache mit dem eigenen Arzt. „Wer verunsichert ist, soll sich mit seinem Arzt beraten. Es soll ja niemand gezwungen werden.“ Es gehe um ein Angebot für eine Gruppe, die noch nicht geschützt sei.

Stiko empfiehlt Impfung nur bei Vorerkrankungen

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Mai den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen, vor wenigen Tagen folgte auch die Freigabe für Moderna. Für Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung trotz heftigen politischen Drucks bisher jedoch nur vor allem Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben.

„Unsere Aufgabe ist, auf der Grundlage aller verfügbaren Erkenntnisse die beste Impfempfehlung für die Bürger dieses Landes und auch für die Kinder dieses Landes zu geben“, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens der „Welt“. „Und das werden wir tun, daran arbeiten wir ständig außerordentlich intensiv.“ Zum Zeitraum sagte Mertens, es handele sich um „Wochen“.

Am Mittwochabend hatte Stiko-Mitglied Fred Zepp im ZDF gesagt, er erwarte Daten aus den USA zur Impfung von Jugendlichen „in den nächsten zwei bis drei Wochen“. Man habe dort dreistellige Zahlen von Herzmuskelerkrankungen gesehen, „die auch alle zum Teil so verlaufen sind, dass die Jugendlichen ins Krankenhaus mussten“.

Generell betonte Mertens, entscheidend für den weiteren Verlauf der Pandemie sei nicht eine Impfung von 4,5 Millionen Kindern, sondern eine hohe Impfquote in der Altersgruppe von 18 bis 59 Jahren

Für bestimmte Gruppen schlägt das Bundesgesundheitsministerium zudem Auffrischimpfungen gegen das Coronavirus ab September vor. Insbesondere bei immungeschwächten, sehr alten und pflegebedürftigen Menschen wiesen Studienergebnisse auf einen verminderten oder schnell nachlassenden Schutz nach einer Impfung hin.

Die Länder sollen deshalb laut Entwurf mobile Impfteams unter anderem in Pflegeeinrichtungen schicken. Menschen mit einer Immunschwäche oder in häuslicher Pflege sollen demnach von ihren Ärzten eine Auffrischimpfung angeboten bekommen. Diese Impfungen sollen mit einem der beiden mRNA-Impfstoffe erfolgen, also mit den Mitteln von Biontech/Pfizer und Moderna.

Wer mit einem Vektor-Impfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft wurde, dem soll zudem eine weitere Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer angeboten werden.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sprach sich für eine Auffrischimpfung aus. Es brauche aber „klare und unbürokratische Vorgaben“ dazu, welche Gruppe als erstes dran sei. Dazu brauche es belastbare Aussagen des Bundes und der Ständigen Impfkommission, sagte er der dpa. (mit dpa)

Zur Startseite