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Muslime sind Teil der deutschen Gesellschaft. Foto: Discover Football
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Zehn Jahre nach Christian Wulffs Rede Der Islam in Deutschland ist bunter geworden

Bekim Agai

Muslime sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen vertreten. Und den einen Islam gibt es immer weniger. Ein Gastbeitrag.

- Bekim Agai ist Direktor der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) in Frankfurt.

Vor zehn Jahren stieß der damalige Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung eine Debatte an, die uns bis heute begleitet: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Diese Debatte lebt seitdem von ihrer Unbestimmtheit. 

Welcher Islam?, will man fragen. Der volkstümliche, der mystisch-spirituelle, der salafistische, der bosnisch, türkisch, arabisch, afrikanisch geprägte, der sunnitische, der schiitische? Welches Deutschland – das städtische, das ländliche, das traditionelle, das weltoffene, das xenophobe? Was heißt dazugehören? Gehört der Islam dazu, wenn Muslime in Verantwortung genommen werden, wenn sie ihre Religion kritisch hinterfragen lassen, wenn sie sich aktiv zu gesellschaftlichen Themen äußern? 

Wulff sprach vor allem von Menschen, die die Gesellschaft ausmachen, die das Zusammenleben prägen. Sie rückte er in den Mittelpunkt. Sein Angebot war: „Dieses Land ist unser aller Land, ob aus Ost oder West, Nord oder Süd und egal mit welcher Herkunft.“ Insofern war diese Rede zum einen eine Beschreibung, schließlich kann mittlerweile jeder Vierte in Deutschland die eigene Zuwanderungsgeschichte oder die der Eltern erzählen. Zum anderen war sie ein Plädoyer für eine plurale Gesellschaft, für ein Deutschland, das sich als Einwanderungsland akzeptiert. Ein Aufruf, diese gesellschaftliche Realität in ihrer Vielfalt – und trotz ihrer Probleme – wertzuschätzen. 

"Der Islam" stand gar nicht im Mittelpunkt von Wulffs Rede

‚Der Islam‘ stand gar nicht im Zentrum der Rede, er wird überhaupt nur einmal erwähnt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“  Seitdem ist viel passiert: Der Satz ist wiederholt, er ist geschwächt, ihm ist widersprochen worden.

Laut mehreren Forsa-Umfragen stimmen ihm etwa die Hälfte der Deutschen zu, darunter vor allem Menschen unter 29 und Westdeutsche, die andere Hälfte lehnt ihn ab, darunter vor allem Menschen über 60 und Ostdeutsche. Andere Umfragen stellen eine mehrheitliche Ablehnung fest. Wie Muslime selbst zu diesem Satz und seinen möglichen Implikationen stehen, wird meist nicht gefragt. Gesprochen zum Tag der deutschen Einheit, gehört der Satz zu den konstanten Uneinigkeiten der Deutschen.  

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Daran, dass er eine Realität beschreibt, ändert dies nichts: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schätzt die Zahl der Menschen muslimischen Glaubens auf etwa 4,4 bis 4,7 Millionen. Das ist etwa jeder zwanzigste Einwohner Deutschlands und viel weniger, als die meisten Deutschen bei Umfragen schätzen. 

Seit 2015 ist der ohnehin multiethnische, -kulturelle und -sprachliche Islam in Deutschland noch einmal deutlich vielfältiger geworden: Laut BAMF ist jede vierte als muslimisch gezählte Person in den letzten fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Türkischstämmige Menschen machen nur noch etwa die Hälfte der Muslime aus. Wenn wir von Muslimen in Deutschland sprechen, reden wir also von Menschen, die erst seit Kurzem hier sind, ebenso wie von denen, die seit vier Generationen in Deutschland leben oder gar keine Migrationsbiografie haben. Menschen mit ganz unterschiedlichen Biographien, die die Gegenwart und Zukunft Deutschlands auf die eine oder andere Art gestalten. 

Die islamfeindliche AfD sendet eine eindeutige Botschaft

Auf politischer Ebene ist mit der AfD eine offen islamfeindliche Partei in den deutschen Bundestag und viele Landtage eingezogen. Und diskriminierende Äußerungen und Taten, islamfeindliche Übergriffe bis hin zu terroristischen Anschlägen auf Menschen muslimischen Glaubens oder ihre religiösen Einrichtungen senden eine klare Botschaft: "Muslime gehören nicht dazu."  

Gleichzeitig steht hinter von islamischen Wendungen triefenden Reden von Radikalen und ihren Anschlägen in Deutschland und der Rekrutierung junger Menschen für den IS die Botschaft, dass Islam, Demokratie und Menschenrechte unvereinbar seien und Muslime nicht Teil einer demokratisch verfassten Gesellschaft sein könnten.  

Dabei stimulieren auch muslimische Intellektuelle Debatten, die Grenzen zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischen Communities überschreiten. Und abseits des medialen und politischen Interesses entsteht eine Reihe von neuen, sich selbstverständlich als deutsch und muslimisch verstehenden Initiativen und Vereinen, die sich gesellschaftlich engagieren, sei es in der Jugendarbeit, der Flüchtlingshilfe oder der Antirassismusarbeit 

Die Ausbildung von Imamen und Theologen geht mittlerweile auf theologische und kulturelle Unterschiede ein

Mittlerweile bilden mehrere Universitäten junge Menschen – in der Mehrheit Frauen – zu islamischen Theolog_innen, zu Lehrkräften für den islamischen Religionsunterricht aus. Wissenschaftler_innen des Faches sitzen im Deutschen Ethikrat, ihre Bücher werden im Feuilleton besprochen, sie bringen sich in muslimische und nichtmuslimische Organisationen und Institutionen ein.

 In Niedersachsen startet eine deutsche Imamausbildung, und der Islamverband Ditib hat jüngst in der Eifel ein Ausbildungszentrum für Imame und Gemeindemitarbeiterinnen ins Leben gerufen. Dies beruht auf der – zum Teil späten – Erkenntnis, dass organisierter Islam in Deutschland auch die unterschiedlichen Realitäten der Muslime in Deutschland sprachlich, kulturell und theologisch adressieren muss. 

Viele Menschen muslimischen Glaubens empfanden Christian Wulffs Aussage als eine seltene Anerkennung ihrer religiösen, vielleicht auch nur entfernt kulturellen Identität oder der ihrer Eltern, und gleichzeitig ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland. Sie sind Muslime, doch sie sind viel mehr: Sie sind, mit Wulff gesprochen, „die Ärztin, der Deutschlehrer, der Taxifahrer, die Fernsehmoderatorin, der Gemüsehändler, der Fußballspieler, der Filmemacher, die Ministerin“ – und damit gehören sie zu Deutschland. Vor allem sind sie keine Objekte von Zuschreibungen. Sie sind Individuen. Auch wenn die Islamdebatten dies anders suggerieren. 

Wer die Zugehörigkeitsdebatte produktiv führen möchte, sollte nicht alle in eine Islamschublade stecken, sondern mit den Menschen sprechen. Darüber, wie sie sich die Zukunft in Deutschland vorstellen und welche Rolle für sie der Islam spielen kann  oder auch nicht. Das kann man zur Kenntnis nehmen, hier und da zustimmen oder dem widersprechen, aber all dies gehört zur Normalität religiöser und politischer Pluralität in Deutschland und fügt den Islam in genau diese Normalität ein.

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