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Während der Weltklimakonferenz in Glasgow gab es zahlreiche Demonstrationen. Auch sie haben ihre Berechtigung. Foto: Christoph Soeder/dpa
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Wirkung ist nicht sofort sichtbar Vier Gründe, warum Weltklimakonferenzen unterschätzt werden

Jochen Flasbarth

Wäre es besser gewesen, das „Blablabla“ abzusagen? Nein, sagt Staatssekretär Jochen Flasbarth, der bei 20 von 26 Weltklimagipfeln dabei war. Ein Gastbeitrag.

Jochen Flasbarth ist Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Oskar, der Elefant, tobt. „Diese Aktenfabrikanten! Diese Tintenkleckser! Diese Leitzordner! Diese zweibeinigen Büroschemel!“, schimpft er über die internationalen Staatenvertreter, deren Konferenz schon wieder zu scheitern droht bei der Rettung der Welt. Eine Szene aus Erich Kästners „Konferenz der Tiere“ von 1949.

Der Frust über die globale Konferenzdiplomatie ist fast so alt wie sie selbst. Seine Fortführung findet er jährlich anlässlich der Weltklimakonferenzen. So auch dieses Jahr zur 26. „Conference of the Parties“, kurz COP26, im schottischen Glasgow.

Wäre es besser gewesen, das ganze „Blablabla“, wie Greta Thunberg es nennt, einfach abzusagen? Mein Fazit nach Teilnahme an rund 20 der 26 Weltklimakonferenzen: So nervtötend und frustbehaftet sie auch manchmal sein mögen, die Weltklimakonferenzen sind unverzichtbar, ihre Wirkung wird oft unterschätzt. Diese wird selten sofort sichtbar.

Deutlich wird sie auf der Strecke: Noch vor wenigen Jahren prognostizierten Wissenschaftler eine ungebremste Erderhitzung von fünf bis sechs Grad Celsius. Heute steuern wir auf 2,7 Grad zu, Optimisten sprechen sogar von unter zwei Grad nach den Klimaschutzzusagen der letzten Wochen. Da würde ich die umfassenden Analysen lieber noch abwarten, bis wir wirklich valide Aussagen machen können.

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Aber: Weltweit arbeiten Staaten daran, im Klimaschutz immer besser zu werden. Verantwortlich dafür ist der beharrliche Druck, den Weltklimakonferenzen erzeugen – vorher, während und dann im Nachgang zu den jährlichen Veranstaltungen. Vier Faktoren sind dafür entscheidend:

Erstens: Klimakonferenzen sind Fixpunkte im weltweiten Klimakalender. Das löst schon im Vorfeld eine erhebliche Dynamik aus. So wie wir kurz vor Weihnachten losrennen, um Geschenke zu besorgen, so lösen auch die COPs weltweit den Drang aus, nicht mit leeren Händen anzureisen. Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt müssen in den ersten Tagen der Konferenz darlegen, was ihr Land zum Klimaschutz beiträgt.

Mit Saudi-Arabien, Russland, Australien und Indien haben sich dieses Jahr vier Länder zur Klimaneutralität bekannt, deren Lebenselixier bisher fossile Brennstoffe waren. Ohne die disziplinierende Wirkung und die globale Aufmerksamkeit, die eine COP erzeugt, wäre das undenkbar gewesen. Deutschland und die EU und in der Folge viele weitere haben ihre Klimaziele bereits im Vorfeld mit Blick auf die COP erheblich angehoben. Ziele, die übrigens nur aufgrund der Beschlüsse einer Klimakonferenz international rechtsverbindlich sind.

Es werden Messlatten gesetzt, wie 2015 in Paris

Zweitens: Weltklimakonferenzen setzen Maßstäbe und Regeln fest, die global akzeptiert und handlungsleitend werden. Das Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Versprechen von 100 Milliarden US-Dollar für den Klimaschutz in Entwicklungsländern, das Streben nach globaler Klimaneutralität – das sind weltweit die Messlatten dafür, ob wir auf Erfolgskurs liegen oder nicht.

Festgelegt hat sie eine Weltklimakonferenz – die erfolgreichste bisher, 2015 in Paris. Die Konferenzen seither haben die Regeln definiert, die Details, in denen bekanntlich der Teufel steckt: Werden Berichte über die Emissionsentwicklung jährlich, alle zwei oder nur alle fünf Jahre an die UN übermittelt? Wird dabei nur Kohlendioxid berücksichtigt oder auch Lachgas, Schwefelhexafluorid oder Stickstofftrifluorid? Wie entwickeln sich Kredite beim 100-Milliarden-Ziel im Vergleich zu Zuschüssen? Auf all diese Fragen und Tausende mehr haben die Weltklimakonferenzen der letzten Jahre global verbindliche Antworten gegeben. Dieses Regelbuch soll in Glasgow abgeschlossen werden.

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Drittens: Weltklimakonferenzen sind längst viel mehr als Verhandlungen unter Regierungen. Sie werden zunehmend zu globalen Klimamessen. Wenn sich ThyssenKrupp mit Tata Steel über grünen Stahl austauscht, die Afrikanische Entwicklungsbank mit HSBC über die Finanzierung von Solarparks oder die indigene Aktivistin mit dem internationalen Gewerkschaftsbund, dann bereitet das den Boden für Vorreiterallianzen.

Und diese spielen eine immer größere Rolle auf den COPs, auch unter Regierungen: In Glasgow haben sich neue Allianzen gegründet zum Waldschutz, zur nachhaltigen Finanzierung, zum Kohleausstieg und zur Methanreduktion – und noch ist die Konferenz nicht zu Ende. Genau diese Art von Allianzen oder Klimaclubs zur beschleunigten Umsetzung werden künftig immer wichtiger. Denn auf den Weltklimakonferenzen muss es jetzt verstärkt um die Umsetzung gehen und da können genau solche Allianzen für Dynamik sorgen.

Kleine und große Länder sitzen gleichberechtigt zusammen

Viertens und letztens: Die Weltklimakonferenzen bringen die Mächtigen zusammen mit denen, die sich ohnmächtig fühlen – und es angesichts der Folgen des Klimawandels faktisch meist auch sind. Die 38 kleinen Inselstaaten und die 46 am wenigsten entwickelten Länder sitzen gleichberechtigt mit den Großmächten am Tisch. Das erzeugt moralischen Druck.

Und wenn es wie in Paris gelingt, Allianzen zu schmieden mit ihnen und Vorreitern wie Deutschland und der EU, dann mündet das in politischen Druck. Eine Einigung auf das 1,5-Grad-Ziel oder die Mobilisierung von 100 Milliarden US Dollar für den Klimaschutz wären allein im Kreis der Mächtigen der G7 oder G20 niemals möglich gewesen. Erst recht nicht in bi- oder trilateralen Gesprächen, ohne den Druck der Weltöffentlichkeit und der besonders Betroffenen.

Ohne Weltklimakonferenzen geht es nicht

Weltklimakonferenzen sorgen für mehr Mut, mehr Verbindlichkeit, mehr Solidarität, mehr Austausch im Klimaschutz. Sie bereichern die nationalen Debatten, die manchmal zur Nabelschau neigen, mit einem Blick über den Tellerrand. Das 1,5-Grad-Ziel ist nur im globalen Miteinander zu schaffen. Das macht die Weltklimakonferenzen unverzichtbar.

Eines werden sie niemals leisten können: auf einen Schlag die Welt retten. Konferenzen, bei denen zum Abschluss der Weltfrieden beschlossen wird oder der Planet gerettet – das gibt es weiterhin nur in Kinderbüchern wie der „Konferenz der Tiere“. Aber Beschlüsse und Allianzen, die uns Schritt für Schritt dem gemeinsamen Ziel näherbringen, verbindliche Zusagen, die zu mehr Windrädern und zum Aus für Kohlekraftwerke, mehr Bussen und Bahnen und weniger Spritschluckern führen, die gibt es auf diesen Konferenzen in Hülle und Fülle. Und das ist sehr viel mehr als „Blablabla“.

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