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Der Präsident macht es vor: Joe Biden bei der Impfung. Foto: Reuters/Leah Millis
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„Wir fahren jetzt gerade vor eine Wand“ Unwillige junge US-Amerikaner bremsen Bidens Impfplan aus

Innerhalb weniger Wochen ist die Anzahl der verabreichten Impfdosen in den USA so rapide gesunken, dass Präsident Biden sein Ziel verfehlt. Wie kam es dazu?

Bislang war US-Präsident Joe Biden ein Mann in der US-Impfkampagne gegen das Coronavirus, der sein Wort halten konnte. Doch am Dienstag musste er ein Eingeständnis machen, das ihm sicher nicht leicht gefallen ist. Biden erwartet, dass das Ziel, bis zum 4. Juli mehr als 70 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner einmal zu impfen, verfehlt wird.

Als Biden das Ziel Anfang Mai verkündete, appellierte er an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Die Entscheidung sei eine zwischen „Leben und Tod“, sagte er. Vom reinen Zahlenwerk her steht die USA gut da: mit 53 Prozent geimpfter Bevölkerung, davon 45 Prozent bereits vollgeimpft.

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Zum Vergleich: Deutschland steht zwar bei rund 52 Prozent geimpfter Bevölkerung, aber nur bei 31 Prozent vollgeimpfter. Großbritannien steht sogar bei 63 Prozent geimpfter Bevölkerung, allerdings bei den vollgeimpften Menschen fast gleichauf mit den USA.

Doch schaut man sich die Entwicklung des Impftempos in den USA an, zeigt sich ein anderes Bild. Der 28. April stellt den Wendepunkt der Kampagne dar. Kurz zuvor hatte Biden bereits stolz das Erreichen eines weiteren Meilensteins in der Impfkampagne verkündet und erst später sein neues Impfziel genannt. Das Ziel, das er nun nicht erreichen wird.

Am 28. April wurden in den USA 0,8 Impfdosen pro 100.000 Einwohner verabreicht – und damit letztmals mehr als in Großbritannien (0,78) und Deutschland (0,71). Zwei Wochen zuvor war die USA mit 38 Prozent bei den Erstimpfungen doppelt so weit wie Deutschland.

Am Montag lag die Anzahl verimpfter Dosen pro 100.000 Einwohner in den USA nur noch bei 0,34. In Deutschland waren es am gleichen Tag dreimal so viele, in Großbritannien 0,55 pro 100.000 Einwohner. Beim Anteil der Erstimpfungen hat Deutschland die USA, wie zu Beginn bereits beschrieben, beinahe eingeholt.

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Bidens ausgerufenes Ziel, die 70 Prozent Grundimmunisierung gegen eine Corona-Infektion, wird lediglich für Menschen über 26 Jahre erreicht. Einer Analyse der „New York Times“ zufolge werden bis zum 4. Juli rund 67 Prozent der Erwachsenen in den USA zumindest ihre Erstimpfung erhalten haben.

Doch was ist seit dem 28. April in den USA passiert?

Die Regierung stellt die Impfkampagne zwar weiterhin als Erfolg dar, weil der 4. Juli als nächstes Ziel ambitioniert gewählt gewesen sei. Doch Gesundheitsexperten warnen davor, dass die stockende Kampagne dafür sorgen könnte, dass es im Winter neue Corona-Ausbrüche gibt.

Delta-Variante dürfte schon bald dominierend sein

„Ich rechne der Biden-Regierung hoch an, dass sie eine Impfkampagne für sehr viele Erwachsene ausgerollt hat“, sagt der Direktor eines Vaccine Education Centers am Kinderkrankenhaus in Philadelphia, Paul Offit, zur „New York Times“. „Doch wir fahren jetzt gerade vor eine Wand.“

Der führende Epidemiologe und Regierungsberater, Anthony Fauci, sagte zuletzt, dass bei einer andauernden Impfmüdigkeit in der Bevölkerung die Gefahr bestehe, dass es wieder zu lokalen Ausbrüchen kommt. Er warnte in diesem Zusammenhang auch vor der sich verbreitenden Delta-Variante. Diese sei in den USA bereits für nahezu jede fünfte Neuinfektion verantwortlich – und dürfte schon bald die dominierende Variante sein.

Daten, die die US-Regierung in dieser Woche veröffentlichte, legen nahe, dass junge Leute am unwilligsten sind, sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. Viele der 18- bis 26-Jährigen fühlten sich, „als ob Covid-19 etwas ist, dass sie nicht betrifft und sie sich deshalb nicht impfen lassen wollen“, sagte Jeffrey Zients, der Pandemiekoordinator der Biden-Regierung, zur „New York Times“.

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Einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC zufolge haben sich nur etwa ein Drittel der US-Amerikaner zwischen 18 und 39 Jahren gegen das Coronavirus impfen lassen. Die Gruppen, in denen die Impfwilligkeit am geringsten ist, sind Unter-24-Jährige und dunkelhäutige Menschen – Hispanics ausgenommen – sowie Menschen mit geringem Einkommen, geringer Bildung und ohne Krankenversicherung.

Der Bericht nennt auch die beiden Hauptgründe, die Impfunwillige in den USA angeben: Zweifel über die Sicherheit und den Nutzen der Impfungen.

Der Chef der öffentlichen US-Gesundheitsbehörden, Marcus Plescia, sieht das Problem darin, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung hartnäckig gegen die Impfung sei. Aber er hat noch eine Resthoffnung, dass die Impfkampagne nicht zum Stillstand kommt, sagt er zur „New York Times“. „Ich denke, es gibt noch ein paar Menschen da draußen, die unschlüssig sind“, sagt Plescia, „und da liegt unsere Chance.“

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