Voll einsatzbereit. US-Soldaten beim Manöver "Saber Strike" im Osten Polens. Foto: Reuters/Ints Kalnins
© Reuters/Ints Kalnins

Westliches Militärbündnis Nato zeigt mit Manöver Stärke an Russlands Grenze

Die Nato probt die Verteidigung des Baltikums für den Fall eines Einmarsches russischer Truppen. Russlands Regierung wertet solche Manöver nahe der Landesgrenzen als Provokation.

Während in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft läuft und die Gastgeber das erste Spiel gewonnen haben, demonstrieren die Nato-Armeen vor der russischen Grenze erneut Stärke. Im ostpolnischen Bemowo Piskie simulierten 1200 beteiligte Soldaten am Freitag ein massives Gefecht. Amerikanische, polnische, britische, rumänische und kroatische Truppen übten Panzerkämpfe, die polnische Armee setzte zudem F16-Kampfjets und MI-24-Hubschrauber ein.

Die Wahl des Ortes der Übung ist von zentraler Bedeutung: Bemowo Piskie liegt vor einem 75 Kilometer breiten polnischen Korridor nach Litauen. Der wird von Norden vom russischen Kaliningrad und von Süden von dem mit Moskau verbündeten Weißrussland begrenzt. Die Gefechtssimulation selbst fand circa 50 Kilometer südlich Kaliningrads statt. „Wir haben höchste Einsatzbereitschaft unter Beweis gestellt“, sagte Timothy McGuire, stellvertretender Kommandeur der US-Truppen in Europa, am Ort. „Die Zusammenarbeit in der Nato klappt immer besser.“ Die US-Armee hatte in dieser Woche schon in Litauen Manöver durchgeführt. Dabei wurde die Überquerung eines Flusses mit Panzerfahrzeugen geübt.

In Russland werden solche Manöver als Provokation gewertet. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte Anfang Juni erklärt, man beobachte die Manöver „in der Nähe unserer Grenzen“ aufmerksam. Die russische Regierung habe „alle Maßnahmen für die Sicherheit des Landes“ ergriffen.

Das Manöver vom Freitag gehörte zur Großübung „Saber Strike“ – zu Deutsch: Säbelhieb. Diese Serie tagelanger Einsätze begann am 4. Juni und wurde an diesem Freitag beendet. Unter Führung der US-Armee hatten sich dazu 18 000 Soldaten aus 19 Ländern in Estland, Litauen, Lettland und Polen getroffen. Ähnliche Übungen unter den Namen „Noble Jump“ („Ausgezeichneter Sprung“), „Flaming Thunder“ („Flammender Donner“) und „Iron Wolf“ („Eiserner Wolf“) werden regelmäßig in Osteuropa absolviert.

Das Wiener Abkommen, das die OSZE-Staaten 1990 unterzeichnet hatten, sieht vertrauensbildende Maßnahmen vor. Besorgte Regierungen müssen über Umfang und Dauer von bestimmten Manövern informiert werden. Sie dürfen auch Inspektoren zur Beobachtung entsenden. Nach Nato-Angaben hatte ein weißrussisch-russisches Team vor einigen Tagen dazu Litauen besucht.

Manöver in Norwegen geplant

Auch wenn die Nato-Spitze das so deutlich nicht kommuniziert, wird mit den aktuellen Übungen letztlich ein klares Szenario geprobt: Schnelle Reaktionen der Nato-Truppen – und mit ihr verbündeter Armeen wie die der Schweden – auf einen russischen Einmarsch ins Baltikum. Das Nato-Hauptquartier wiederum, das auch für den Tagesspiegel die Pressereise zum „Saber Strike“-Manöver organisiert hatte, möchte vor allem signalisieren: Die großen Armeen des Militärbündnisses stünden den kleineren Verbündeten in Osteuropa bei.

Die aktuelle Übung im polnisch-litauisch-russischen Grenzgebiet, das bemühten sich auch Vertreter der beteiligten Einzelarmeen zu betonen, stelle keine Aggression gegen Russland da. Es gehe darum, Abläufe und Kommunikation zwischen den Partnerarmeen zu verbessern, sagte der deutsche Brigadegeneral Jürgen-Joachim von Sandrart zuvor bei einem Manöver in Litauen. Allerdings habe man mit Blick auf die Krim und die Ost-Ukraine ja „bittere Erfahrungen“ machen müssen, fuhr der Kommandeur der 1. Panzerdivision der Bundeswehr fort. Und zudem sei die „Tiefe der baltischen Staaten übersichtlich“. Dies bedeutet letztlich, dass die kleinen Küstenstaaten Estland, Lettland, Litauen kaum in der Lage sein dürften, ihre Gebiete allein zu verteidigen.

Für Oktober dieses Jahres plant die Nato ein Manöver, an dem sogar bis zu 40.000 Soldaten teilnehmen könnten. Einsatzort soll Norwegen sein, ebenfalls ein Staat mit einer Grenze zu Russland.

Zur Startseite