Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Eine Monteurin arbeitet in einem Werk des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen an ein Getriebe für Lastwagen. Foto: Felix Kästle/dpa
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Weniger Homeoffice als im ersten Lockdown Schützen Konzerne ihre Beschäftigten ausreichend vor Corona?

Während der Einzelhandel im Lockdown geschlossen bleibt, fahren viele Unternehmen eine laxe Homeoffice-Regelung. So gefährlich ist der Arbeitsplatz.

Angesichts bleibend hoher Infektionszahlen und der Sorge vor einer Verbreitung neuer ansteckenderer Virusvarianten steigt der Druck auf die Wirtschaft. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat in den letzten Tagen mehrmals an die Unternehmen appelliert, den Beschäftigten schnell so viel Homeoffice wie möglich anzubieten.

Dort, wo das nicht möglich sei, müssten Hygiene-Auflagen strikt eingehalten werden, sagte Heil. Sonst könne er einen Stillstand in der Produktion nicht ausschließen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder traf sich am Mittwoch mit Vertretern von Unternehmensverbänden und Gewerkschaften zu einem Homeoffice-Gipfel.

Der Vorwurf lautet derzeit: Beim Einzelhandel, in der Gastronomie und Kultur würde die Regierung sehr harte Maßnahmen ergreifen. Für große Bereiche der Wirtschaft gibt es aber kaum verpflichtende Regeln. Es sei schwer erklärbar, warum Großraumbüros geöffnet blieben, aber Schulen geschlossen seien, sagt zum Beispiel die Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

Die Grünen wollen eine Regelung im Arbeitsschutzgesetz nutzen, die es dem Bundesarbeitsministerium ermöglicht, in epidemischen Lagen von nationaler Tragweite Rechtsverordnungen zu erlassen. Arbeitgebern, die gegen die vorgeschlagene Homeoffice-Verordnung verstoßen, soll nach den Plänen ein Bußgeld drohen.

Für Beschäftigte soll es eine Hotline geben, bei der sie Verstöße melden können. Über den Antrag der Grünen soll der Bundestag am Donnerstagabend diskutieren. Die Bundesregierung setzt beim Homeoffice weiter auf Freiwilligkeit.

Laut einer Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten im November nur 14 Prozent der deutschen Erwerbstätigen im Homeoffice. Beim ersten Lockdown im April 2020 waren es 27 Prozent. Dabei kommt eine Studie der Universität Mannheim zu dem Fazit: "Ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice kann die Infektionsrate um bis zu acht Prozent verringern."

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz?

Für fundierte Aussagen fehlen nach wie vor genügend Daten. Im jüngsten Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI) ist von einer zumeist diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in der Bevölkerung die Rede, "ohne dass Infektionsketten eindeutig nachvollziehbar sind".

Nur etwa ein Sechstel der gemeldeten Fälle könne noch einem Ausbruch zugeordnet werden. Häufungen stehen dem Bericht zufolge vor allem im Zusammenhang mit Alten- und Pflegeheimen, gefolgt von privaten Haushalten und dem beruflichen Umfeld.

Anders als während des Lockdowns im Frühjahr müssen die Betriebe derzeit nicht schließen. "Das führt dazu, dass viele Menschen unterwegs sein müssen", sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie der Deutschen Presse-Agentur.

Zugleich warnte er davor, es sich bei der Suche nach Ursachen und Wirkungen zu leicht zu machen, nach dem Motto: In den Firmen und Büros sind noch Leute zusammen – dann wird es das sein. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, meint: Aufgrund der mangelhaften Datenlage ließen sich Homeoffice-Effekte derzeit nicht beurteilen.

Die Arbeit von zu Hause aus sei aber wichtig, um Kontakte mit Kollegen und Fremden in vollen Bahnen zu reduzieren. Worüber sich Angestellte beklagen? Über Chefs, die ihre Anwesenheit im Büro verlangen, obwohl sie nicht notwendig ist. Über Kolleginnen und Kollegen, die miteinander plaudern und frühstücken, weil es zu Hause langweilig ist. Über kleine Grüppchen, die mehrmals am Tag beim Rauchen zusammenstehen.

Wie schützen Firmen ihre Mitarbeiter?

Seit letztem Frühjahr haben Unternehmen Hygienekonzepte entwickelt, die vor allem auf so viel Homeoffice wie möglich und den AHA-Regeln basieren – Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen. Schichtpläne wurden verändert, um auf weniger Kolleginnen und Kollegen zu treffen.

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Es wurden Masken verteilt, Desinfektionsständer aufgestellt, Trennwände errichtet. Immerhin wollen Firmen vermeiden, dass Mitarbeiter erkranken, in Quarantäne geschickt werden und die Produktion stillsteht. Volkswagen habe seine Corona-Schutzmaßnahmen "erst vor wenigen Tagen erneut verstärkt und auch die bestehenden Regelungen für mobile Arbeit bis Ende Februar verlängert", sagte eine Sprecherin.

Eine wichtige Rolle bei der frühzeitigen Durchbrechung von Infektionsketten würden auch die an den deutschen Standorten von Volkswagen zur Verfügung stehenden PCR-Testmöglichkeiten für die VW-Angestellten spielen. Bei Infineon werden derzeit rund 200 Besprechungsräume mit eigenen CO2-Sensoren ausgestattet: Die App-gesteuerte Lösung unterstütze das richtige Lüften und erleichtere durch Anbindung an die Raumbelegungspläne die Kontaktverfolgung im Fall einer möglichen Infektion.

Wie streng sind die Homeoffice-Regeln?

Bei Bayer sind alle Beschäftigten, die nicht zwingend zu ihrem Arbeitsplatz kommen müssen, "aufgefordert", von zu Hause aus zu arbeiten. Die Homeoffice-Quote bewege sich für den Konzern in Deutschland wieder auf dem Niveau des Frühjahrs 2020, als rund 12.000 Beschäftigte an den heimischen Schreibtisch gewechselt waren. Das entspricht etwa 40 Prozent der Belegschaft. Produktionsbetriebe und Forschungseinrichtungen seien unter erhöhten hygienischen Sicherheitsvorkehrungen weiterhin vor Ort besetzt.

Seit dem 26. Oktober 2020 hat die Allianz-Versicherung die maximale Anwesenheitsquote in Büroräumen wieder auf 20 bis 30 Prozent beschränkt. Die Angestellten werden laut dem Unternehmen "gebeten", bis auf Weiteres "wirklich nur in wichtigen Fällen ins Büro zu kommen".

Jeder Fünfte Deutsche würde bei dauerhafter Arbeit im Homeoffice über einen Umzug nachdenken. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Vergrößern
Jeder Fünfte Deutsche würde bei dauerhafter Arbeit im Homeoffice über einen Umzug nachdenken. © Sebastian Gollnow/dpa

Es gelte außerdem: kein Desksharing. Für jene, die kommen müssen, gebe es mehr und kostenfreie Parkplätze. Bei der Telekom werde den Mitarbeitenden zwar empfohlen, zu Hause zu arbeiten. Die Gebäude der Telekom blieben aber geöffnet, um auch dort arbeiten zu können.

Letztlich stelle das Unternehmen den Kolleginnen und Kollegen frei, im Home Office oder im Büro zu sein. Meetings würden überwiegend virtuell stattfinden. "Bei notwendigen Präsenz-Meetings passen wir die Personenzahl den aktuellen Verordnungen und Notwendigkeiten an", sagte ein Sprecher. Aktuell sei die Größe auf maximal fünf Personen festgelegt, in Räumen, die mindestens für zehn bis 15 Personen Platz hätten.

Wie viele Beschäftigte haben sich trotz der Schutzmaßnahmen infiziert?

Bei Volkswagen liegen die Inzidenzwerte der Werke "deutlich unter dem Niveau der umgebenden Regionen", heißt es. "In diesem Zusammenhang konnte Volkswagen in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern der Regionen feststellen, dass Infektionsketten in der Vergangenheit nicht am direkten Arbeitsplatz entstanden sind. Das größte Risiko geht von Kontakten im privaten Umfeld der Mitarbeitenden aus", sagte die Sprecherin.

Auch bei BMW deute die Ansteckung nach Angaben des Konzerns nur bei einem sehr geringen Anteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland auf das interne betriebliche Umfeld hin. Die Schutzmaßnahmen würden funktionieren, weil bei einer Infektion im Durchschnitt weniger als 0,5 Mitarbeiter als Kontaktperson der Kategorie 1 klassifiziert würden.

Bayer zählt seit Beginn der Pandemie weltweit mehrere hundert bestätigte Fälle und Verdachtsfälle. Bei der Allianz Deutschland seien von allen rund 34.600 Angestellten und Vertreterinnen knapp 500 Covid-19-Infektionen gemeldet worden. Mehr als 80 Prozent seien inzwischen wieder genesen. Corona-bedingte Todesfälle habe es bislang nicht gegeben. "Die aktuelle 7-Tages-Inzidenzrate liegt bei uns in der Allianz Deutschland bei rund 33, also deutlich unter den Vergleichswerten bei der Bevölkerung in Deutschland", heißt es. Das Unternehmen habe keinerlei Hinweise darauf, dass sich die Infektionen in den Büros und Agenturen ereigneten.

Letzteres betont auch der Konzern Henkel - und erklärt: "Von unseren rund 52.000 Mitarbeiter*innen weltweit sind derzeit rund 500 Mitarbeiter von einer Infektion betroffen. Das sind unter einem Prozent der Belegschaft. In Deutschland sind aktuell 15 Mitarbeiter*innen von 8.700 Mitarbeiter*innen von einer Infektion betroffen." Infineon zähle am Münchner Firmensitz mit rund 5.000 Beschäftigten keine einzige Ansteckung auf dem Firmengelände.

Wo kam es in Unternehmen in Deutschland bislang zu größeren Ausbrüchen?

Massenhafte Coronainfektionen in Schlachthöfen, allen voran bei Tönnies, brachten die schäbigen Arbeits- und Lebensbedingungen der osteuropäischen Schlachter an die Öffentlichkeit. Mit der Folge, dass Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie künftig verboten sind.

Die zweite Branche, die immer mal wieder im Fokus steht, ist die Logistik. In mehreren Amazon-Verteilerzentren steckten sich schon hunderte Angestellte mit dem Virus an. Es gab Fälle bei Zalando und mehrere Ausbrüche bei den Paketdienstleistern DHL, Hermes und UPS. Aus der Industrie – und speziell der Automobilindustrie – heißt es hingegen, es gebe keinerlei Belege dafür, dass in ihren Branchen Hotspots entstünden.

Stimmen die Aussagen der Industrie?

Zwar sind keine wiederholten und massiven Ausbrüche bekannt, aber so ganz kann sich auch die Industrie nicht von Fällen freisprechen. Der Autozulieferer ZF stoppte im November wegen eines Corona-Ausbruchs vorübergehend die Produktion in einem Stoßdämpferwerk in Nordrhein-Westfalen. 91 der 700 Mitarbeiter wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Nach Informationen der Wirtschaftswoche steckten sich die Mitarbeiter nach und nach an. Alle Beschäftigten wurden vom Gesundheitsamt angewiesen, sich in eine 14-tägige Quarantäne zu begeben.

Ein weiteres Beispiel: Im Spätherbst wurden 30 Mitarbeiter der Firma Gerresheimer positiv auf das Coronavirus getestet. Dabei handelte es sich nach den Worten des Pressesprechers Jens Kürten fast ausschließlich um Personal aus der Nachtschicht.

Zunächst wurden alle Angestellten aus dieser Schicht – etwas mehr als 100 – getestet und später mehr als 600 weitere Mitarbeiter aus dem Werk in Bünde. "Erfreulicherweise blieb es dann bei einer einstelligen Zahl an positiv getesteten Kollegen", sagte Kürten. "In anderen deutschen Werken hatten wir in den vergangenen Monaten zwar Einzelfälle, aber keine solche Häufung wie in Bünde." Gerresheimer produziert in dem Werk unter anderem Glaskörper für Spritzen, die an die Pharmabranche verkauft werden.

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Die badem-württembergische Lederfabrik Gmelich und Söhne geriet ebenfalls wegen eines Ausbruchs in die Schlagzeilen. Ein Mitarbeiter der Firma vermeldete im Herbst, dass er positiv auf Covid-19 getestet wurde. Kurz darauf hätten sich drei weitere Mitarbeiter krankschreiben lassen.

Sie alle hätten sich nach Auftreten von Symptomen bei ihren jeweiligen Hausärzten gemeldet – und einen positiven Befund erhalten. "Ich habe daraufhin sofort den Hausarzt gebeten, sämtliche anwesenden Mitarbeiter der Firma testen zu lassen", sagte der Geschäftsführer Volker Nagel. 125 Tests wurden insgesamt durchgeführt. Bei weiteren sieben Personen wurde eine Infektion festgestellt. Der Chef habe sie umgehend in Quarantäne geschickt.

Wie erklären die Unternehmen ihre Ausbrüche?

Amazon verweist auf 150 Maßnahmen zum Infektionsschutz. Verdi sagt hingegen: "Uns liegen Fotos und Berichte von Beschäftigten vor, die zeigen, dass Hygiene, Abstandhalten und Sauberkeit vernachlässigt werden."

Beim Autozulieferer ZF hätten sich offenbar nicht einfach bloß Mitarbeiter einer Schicht infiziert, sondern es seien Beschäftigte aus vielen Abteilungen betroffen gewesen – bis hin zur Standortleitung. ZF sehe aber trotzdem "keine Anzeichen dafür, dass sich das Coronavirus auf dem ZF-Werksgelände verbreitet hat". Alle Mitarbeiter hätten Masken getragen. Der Schichtwechsel sei zeitlich so organisiert worden, dass sich die Menschen nicht begegneten. Abstand wurde gewahrt, Plexiglas im Werk verbaut. Das Unternehmen steht vor einem Rätsel.

Ähnlich geht es den anderen Firmen. Gerresheimer habe auch keine Erklärung, wie es zu der plötzlichen Häufung gekommen war. Die Schichten seien streng getrennt, weshalb es schnell möglich gewesen sei, die Kontakte der Betroffenen nachzuverfolgen.

Laut Kürten würden die Maßnahmen streng befolgt, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Auch in der Lederfabrik fragten sich alle: Wie ist es bloß zu den Infektionen gekommen? "Es ist und war für mich unerklärlich, wie die Infizierten trotz unseres strikten und weitreichenden Hygienekonzepts sich auch abteilungsübergreifend infizieren konnten", sagte Volker Nagel. Er mutmaßt, dass vielleicht auch private Kontakte unter den Angestellten eine Rolle gespielt haben könnte.

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