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Für Millionen Kinder ist der Hunger lebensbedrohlich. Foto: Khaled Ziad/AFP
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Weniger Geld für Jemen-Hilfe Gefangen in Krieg und Armut

Millionen Jemeniten leben im Elend, gerade Kinder hungern. Doch bei einer Geberkonferenz kommt weniger Geld zusammen als benötigt. Wird die Not noch größer?

Hamdi hustet pausenlos. Das Atmen fällt ihm schwer. Seine Augenlider sind geschwollen. Und: Der knapp Zweijährige ist extrem unterernährt, als er in eine von Ärzte ohne Grenzen betriebene Klinik im Norden des Jemen gebracht wird. Er kennt dieses Krankenhaus. Es ist schon sein zweiter Aufenthalt dort. Im Alter von fünf Monaten sei er das erste Mal behandelt worden, berichtete jüngst Muriel Boursier, die den Jemen-Einsatz von Ärzte ohne Grenzen leitet.

Hamdi ist eines von Hunderttausenden Kindern, die im Armenhaus der arabischen Welt hungern. So sehr, dass sie jeden Tag ums Überleben kämpfen. Hilfsorganisationen wie Unicef oder das Welternährungsprogramm schätzen, dass 2,3 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung bedroht sind. Mehr als zwölf Millionen Kinder benötigen dringend Unterstützung.

Gewalt, Armut, Krieg und lebensbedrohliche Not – wer im Jemen aufwächst, kennt nichts anderes. Doch die Hilfsbereitschaft der Welt scheint nachzulassen.

Nur 1,7 Milliarden Dollar statt 3,8 Milliarden

Bei einer Geberkonferenz am Montag hatten die Vereinten Nationen auf 3,85 Milliarden Dollar gehofft, um die Katastrophe bekämpfen zu können. Versprochen wurden aber lediglich 1,7 Milliarden Dollar. Kein Wunder, dass UN-Chef Antonio Guterres sich enttäuscht zeigte. Dabei hatte er vor dem Treffen eindringlich gemahnt: „Kindsein im Jemen ist eine besondere Hölle.“ Der Krieg verschlinge eine ganze Generation.

Ähnlich sieht das auch Xavier Joubert, Landesdirektor von Save the Children im Jemen. Sechs Jahre Konflikt hätten das Land und seine Menschen zugrunde gerichtet. „Und zu einer Zeit, in der die Not am größten ist, hat die Welt den Leidtragenden den Rücken gekehrt.“ Vermutlich sind beide Herren auch deshalb so wütend, weil sie wissen: Ob das versprochene Geld am Ende tatsächlich zur Verfügung steht, ist zumindest fraglich. Oft wird bei Geberrunden vieles versprochen, aber wenig gehalten.

Die meisten Jemeniten:innen sind tagtäglich auf Hilfe angewiesen. Foto: Khaled Ziad/AFP Vergrößern
Die meisten Jemeniten:innen sind tagtäglich auf Hilfe angewiesen. © Khaled Ziad/AFP

Die fehlenden finanziellen Hilfen dürften dramatische Folgen für den Jemen haben, wo fast die ganze Bevölkerung – seit Jahren gefangen in Krieg und Armut – nicht mehr ohne Unterstützung über die Runden kommt. Viele Familien wissen nicht einmal, wie sie an die nächste Mahlzeit kommen sollen, geschweige denn, woher das Geld für Arztbesuche oder Medikamente kommen soll. Denn durch den Konflikt hat auch die Wirtschaft verheerenden Schaden genommen.

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Zum einen kann der Staat kriegsbedingt seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen. Es gibt so gut wie keine funktionierende Trinkwasserversorgung, gerade mal die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen funktioniert noch. Schulen sind oft geschlossen. Schon vor der Corona-Pandemie bekamen laut Unicef zwei Millionen Kinder keinen Unterricht – nun ist deren Zahl um fast sechs Millionen gestiegen.

Immer mehr Jemeniten verschulden sich

Zum anderen können sich Familien selbst Grundlegendes nicht mehr leisten. Vor allem Jobs sind Mangelware. Aber ohne Arbeit fehlen Einkünfte. Deshalb müssen Kinder betteln, Mädchen prostituieren sich, Jungs schließen sich bewaffneten Gruppen an. Die finanzielle Notlage führt zudem dazu, dass sich immer mehr Jemeniten verschulden, um an Arzneien und Lebensmittel zu kommen. Das geht aus einer Befragung von Oxfam hervor.

Die Entwicklungsorganisation hat vor Kurzem Ladenbesitzer und Apotheker befragt. Kreditwürdig sind demnach immer häufiger nur jene Kunden, die ein monatliches Einkommen haben. Doch kaum ein:e Jemenit:in kann so etwas vorweisen. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Denn der Krieg findet kein Ende.

Die Huthi-Milizen beherrschen nach wie vor große Teile des Landes. Foto: Khaled Abdullah/Reuters Vergrößern
Die Huthi-Milizen beherrschen nach wie vor große Teile des Landes. © Khaled Abdullah/Reuters

Seit sechs Jahren versucht eine von Saudi-Arabien geführte Militärallianz, die aufständischen Huthis zurückzudrängen. Bisher vergeblich. Trotz massiver Bombardements können die vom Iran unterstützten Milizen ihren Machtbereich ausweiten. An Dutzenden Fronten wird gekämpft, keine der Kriegsparteien nimmt Rücksicht auf Zivilisten. Eine politische Lösung des Konflikts liegt Beobachtern zufolge nach wie vor in weiter Ferne.

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Dabei gab es in jüngster Zeit Zeichen der Hoffnung. US-Präsident Joe Biden hatte kurz nach seinem Amtsantritt angekündigt, Saudi-Arabien nicht mehr bei Kampfhandlungen im Jemen zu unterstützen. Der Krieg müsse umgehend enden, forderte er. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Huthis fühlen sich nach Amerikas Ankündigung offenbar sogar ermutigt, die Kämpfe wieder zu intensivieren. Den Preis dafür zahlen Millionen Jemeniten.

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