Das Ortsschild von Chemnitz ist im Band der Einheit mit den Ortsnamen aller 11.040 deutschen Städte und Gemeinden auf dem Gelände für die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Foto: Jens Büttner/dpa
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Wendekinder und Deutsche Einheit "Natürlich fehlen diese Menschen in Ostdeutschland"

Adriana Lettrari, Gründerin des "Netzwerk 3te Generation Ostdeutschland" findet: Es gibt gute Gründe für junge Menschen, nach Ostdeutschland (zurück) zu gehen.

Adriana Lettrari, geboren 1979 in Neustrelitz und aufgewachsen in Rostock, ist Gründerin des "Netzwerk 3te Generation Ostdeutschland" und war bis Ende 2017 auch dessen ehrenamtliche geschäftsführende Gesellschafterin. Die Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

Ärgert es sie, dass gerade wieder große Teile Ihrer Generation als abgehängt und potenziell empfänglich für rechtsradikale Rattenfänger in den Medien vorkommen?

Ich ärgere mich tatsächlich, wenn mir jetzt wieder dieselben Fragen gestellt werden wie vor acht Jahren, als wir 20 Jahre Deutsche Einheit gefeiert haben. Ich fühle mich wie in einer Zeitkapsel, als wir 2012 das "Netzwerk 3te Generation" gegründet haben, um genau gegen dieses Zerrbild vorzugehen, das von der Generation der Wendekinder gezeichnet wird. Unter den heute 30- bis 40-Jährigen gibt es, anders als das Klischee vermuten lässt, eine Vielzahl spannender, kreativer Menschen, die auf der ganzen Welt inzwischen erfolgreich ihren Weg gehen. In dieser Generation ist ja auch die Abwanderungsrate von 30 Prozent historisch hoch.

Aber das würde zur aktuellen Wahrnehmung passen, dass zu viele weltoffene, junge Ostdeutsche ihre Heimat verlassen haben.

Natürlich fehlen diese Menschen. Aber gleichzeitig gibt es jetzt auch die Möglichkeit für einige von ihnen, wieder zurückkommen. Denn jetzt werden die Führungspositionen frei, die nach der Wende direkt von der West-Elite besetzt worden sind. Wir müssen allerdings auch bereit dazu sein, diese Verantwortung zu übernehmen.

Haben Sie selbst mal darüber nachgedacht, nach Rostock zurückzukehren?

Ich denke jeden zweiten Tag darüber nach. Jetzt, mit eigenem Kind, werden Momente und Orte aus der Heimat wieder viel wichtiger. Ich fände es zum Beispiel sehr schön, wenn mein Sohn zumindest teilweise auch an der Ostsee aufwachsen könnte. Allerdings habe ich das "Netzwerk 3te Generation" mit den dafür notwendigen Kontakten und Verbindungen so nur in Berlin aufbauen können. Und nun ist es am Fürstenberg Institut Berlin meine Aufgabe, diese Wendekinder als Führungskräfte zu stärken und aufzubauen. Aber zumindest kann ich aus Berlin heraus in und für Ostdeutschland tätig sein.

Adriana Lettrari. Foto: promo Vergrößern
Adriana Lettrari. © promo

Für was sollten diese neuen Führungskräfte ihren Einfluss nutzen?

Unsere Stärke ist es, viel mehr die "Wir"-Perspektive einnehmen zu können. Auch wenn wir vielleicht in unserer Jugend Diversität nicht selbst so stark erlebt haben, haben wir dafür ganz aktiv erlebt, was es bedeutet, Klischees und negative Eigenschaften von außen zugeschrieben zu bekommen. Gleichzeitig bringt meine Generation eine hohe Sensibilität im Blick auf Gerechtigkeit mit. Und da uns zwei Welten bekannt sind, können viele von uns sowohl gut vermitteln als auch die Tatsache ertragen, dass Dinge sich auch unerwartet und unwiederbringlich verändern können. Solche Reflexionsprozesse anzustoßen, tut allen Beteiligten gut.

In der "taz" hat Daniel Schulz im Blick auf die Pogrome in Rostock Anfang der 90er geschrieben, die Menschen dort hätten damals gelernt, dass der Staat schwach sei und nicht eingreife. Das wiederum habe weiter den Nährboden der Rechten bereitet. Finden Sie sich in dieser Schilderung wieder?

Ich habe es damals so erlebt, dass diejenigen, die für ein Rostock "Bunt statt Braun" standen, schon die "Alternativen" waren. Dass also die Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft hier nicht repräsentiert waren. Das ist ja jetzt auch wieder ein Problem, das im Blick auf Chemnitz thematisiert wurde.

Aber wie bekommt man dann gerade weltoffene, erfolgreiche Menschen dazu, in diese alte Heimat zurückzukehren?

Es gibt ja, wie gesagt, durchaus Anreize: In ostdeutschen Unternehmen werden jetzt Führungspositionen frei, da kann man jetzt schneller und mehr Einfluss ausüben und Verantwortung übernehmen, als das in manchen tradierten Strukturen in Westdeutschland der Fall ist. Das Thema "Heimat" ist für viele Menschen zwischen 30 und 40 jetzt auf neue Art und Weise wichtig, zumal die eher rastlosen "Wanderjahre" bei einigen jetzt auch vorüber sind, weil sie selbst Familien gründen und sesshafter werden. Meine These ist: Die Großeltern in der Nähe zu haben und ein eigenes Haus zu bauen, wäre für viele Leute auch eine Alternative zum Leben beispielsweise in Berlin. Rückkehragenturen könnten sich hier darum bemühen, den Leuten ein richtiges Rundum-Paket zu schnüren und diese auch gezielt anzusprechen. Ich wünsche mir ein "Headhunting für Wendekinder".

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