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Wie verkehrt ist Deutschlands Energiepolitik? Foto: REUTERS, Wolfgang Rattay/File Photo
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Weltklimarat und Handlungsnot Wenn Regierende Angst vor heute statt vor morgen haben

Sich gegen altes Denken aufzulehnen, braucht einen Anlass. Was für die Klimapolitik gilt, zeigt auf brutale Weise auch der Ukrainekrieg. Ein Kommentar.

Menschen haben die einzigartige Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Fast noch besser sind sie darin, sie zu verdrängen. Und nun sieht es so aus, als kämen beide Fähigkeiten ungefähr zeitgleich an ein Ende. Weder lässt sich aktuell vorstellen, wie der Krieg in der Ukraine ein Ende finden könnte, noch lässt sich länger verdrängen, dass jetzt nur noch mit vollem Einsatz der Klimakrise Einhalt geboten werden kann. Beide Fragen gehören gerade zu den Top-Themen – und sie gehören auch zusammen.

Russlands mörderischer Feldzug in der Ukraine hat Wunschvorstellungen in der Außen- und Sicherheitspolitik im Zeitraffer einstürzen lassen und die fatale Abhängigkeit von fossilen Energien und den sie fördernden autoritären bis Schurkenstaaten glasklar gemacht.

Der sonst bei Klimafragen unauffällige Finanzminister Christian Lindner hat die Erneuerbaren Energien bereits als „Freiheitsenergien“ geadelt. Recht hat er. Doch Worten müssen Taten folgen, auch von seiner Partei.

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Was zu tun ist, ist bekannt. Der Weltklimarat hat es an diesem Montag noch einmal ausführlich und wissenschaftsbasiert zusammengefasst. Wenn die Erderwärmung global 1,5 Grad nicht überschreiten soll, müssen die Treibhausgasemissionen in den kommenden acht Jahren um die Hälfte sinken.

Dabei waren das 2021 so viel wie noch nie: mehr als 36 Milliarden Tonnen, Tendenz steigend. Dennoch ist die Botschaft des IPCC, dass sich das Steuer immer noch herumreißen lasse.

Doch dafür reicht es nicht, nur Erneuerbare Energien im Rekordtempo umzubauen. Der Verkehr muss raus aus der fossilen Abhängigkeit, Mobilität muss weniger verbrauchsintensiv werden. Die Mengen an Methan, die aus der industriellen Tierhaltung und Fleischproduktion kommen, müssen drastisch sinken, um nur zwei Beispiele aus dem Bericht zu nennen.

Mit Verweis auf den Krieg wird in der Nordsee nach Öl gebohrt

Viele Menschen in Europa mögen bisher gedacht haben, dass sie Zeit hätten, sich mit diesen Erfordernissen zu arrangieren, und sehen sich erst jetzt dieser Hoffnung beraubt. Das ist menschlich, bewegt wird sich am ehesten unter Druck.

Die Politik könnte diese veränderte Ausgangslage jetzt als Basis für mutiges Handeln begreifen. Bei der Energiewende geschieht das zum Teil, doch es wird auch versucht, teils sogar mit Verweis auf den Krieg, fossiles Verhalten zu bewahren.

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So drängt beispielsweise in Großbritannien, Gastgeber der Weltklimakonferenz vom November, die Regierung auf neue Erdgas- und Ölförderung in der Nordsee. Und in der EU wird trotz verdorrender Äcker und einem nie dagewesenen Massenschwund an Insekten versucht, die Agrarwende zurückzudrehen.

In Deutschland wehrt sich auch ohne Kriegsbezug die FDP mit Händen und Füßen gegen ein Tempolimit. Und sollte die Rechtsextreme Marine Le Pen, die Erneuerbare Energien aus ideologischen Gründen komplett ablehnt, Frankreichs Präsidentin werden, wackelt vielleicht der ganze europäische Green Deal.

Ohne Ukrainekrieg gäbe es keine Debatte um Gas aus Russland

Sich gegen altes Denken aufzulehnen, braucht einen Anlass. Das zeigt auf brutale Weise der Ukrainekrieg, ohne den es auch heute noch keine grundsätzliche und kritische Auseinandersetzung mit den Energieverflechtungen nach Russland gäbe.

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Auch der Weltklimarat kennt dieses Problem. Er ringt mit Staaten, die mehr Angst vor dem Heute haben als vor dem Morgen. Mit Staaten, deren Verantwortliche selbst von alten Mechanismen und fossilen Industrien profitieren, oder die sich fürchten, ihren Bevölkerungen Veränderungen zuzumuten.

Doch die Regierungen dürfen nicht weiter an der Krise vorbeischauen, sondern müssen die konkreten IPCC-Empfehlungen umsetzen. Da sind dann auch alle Bürgerinnen und Bürger gefordert. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat es neulich klar gesagt: Jede und jeder kann jetzt schon handeln. Er meinte Energieverzicht, um Deutschland für den nächsten Winter zu wappnen und um damit auch Russlands Kriegsherrn Wladimir Putin zu treffen. 

Der Satz gilt aber noch viel mehr für die Klimafrage. Jeder und jede einzelne ist gefordert, statt liebgewonnene Gewohnheiten oder Statussymbole bedroht zu sehen die Chance zu erkennen, eine lebenswerte Zukunft zu bewahren.

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