Präsident Lukaschenko trotzt jedem Virus. Foto: Belta, Reuters
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Weißrussland, Corona und ein bizarrer Präsident „Wodka wird das Virus töten“

Staatschef Alexander Lukaschenko hält die Coronapandemie für eine weltweite Psychose und unternimmt nichts. In der Bevölkerung wächst die Angst.

„Batka“, „Väterchen“, lässt sich der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko gern nennen. Seine Getreuen tun das auch loyal, und über die anderen geht er mithilfe seiner Sicherheitskräfte einfach hinweg.

Seit einem Vierteljahrhundert herrscht der Diktator über das weitgehende isolierte osteuropäische Land, seit Langem schon hat die Bevölkerung sich ihm scheinbar ergeben. Manchmal aber muss Batka doch noch höchstselbst erzieherisch einwirken. So wie jetzt, wenn alle Welt über das Coronavirus redet und die Ängste der Weißrussen täglich steigen.

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Eine regelrechte Psychose sei da ausgebrochen, dozierte Lukaschenko unlängst vor seinen Ministern. Das Staatsfernsehen übertrug den bizarren Auftritt. Da hörte man den Präsidenten spotten: „Man macht den Fernseher an – Coronavirus. Man macht das Bügeleisen an – Coronavirus. Man macht den Teekocher an – Coronavirus.“ Zu diesem Zeitpunkt waren weltweit schon Millionen in Quarantäne, Hunderttausende positiv auf das Virus getestet, Tausende an Covid-19 gestorben.

Für Lukaschenko war die Aufregung dennoch völlig unverständlich, denn die Mittel gegen das Virus und die Krankheit seien doch ganz simpel. „Nutzt den Wodka nicht nur zum Händewaschen“, lautete der Rat des Weisen von Minsk. Die innere Anwendung von „40 bis 50 Gramm reinem Alkohol täglich wird das Virus töten“. Damit seine Leute nicht auf dumme Gedanken kommen, fügte er hinzu: „Aber nicht während der Arbeit.“

Die Infektionen steigen stark an

Die soll in Weißrussland weitergehen, als gebe es die Pandemie gar nicht. Ebenso wie die Fußballmeisterschaft. Immerhin geht Lukaschenko in seiner Ignoranz aber nicht so weit wie sein turkmenischer Kollege Gurbanguly Berdymukhamedov. Der hat in seinem Wüstenreich nicht nur das Tragen von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit verboten, unter Strafe gestellt ist sogar die Verwendung des Wortes Corona in den Medien.

Lukaschenko bestreitet dagegen nicht, dass es eine neue Grippeerkrankung gibt. Er hält nur den Umgang mit ihr für völlig übertrieben. In Weißrussland werden nach offiziellen Angaben derzeit 1500 Menschen stationär in den Krankenhäusern behandelt, 16 seien bislang gestorben, heißt es. Doch die Zahlen sind ohne jegliche Aussagekraft: Getestet wird selten und es ist davon auszugehen, dass bei kaum einem Sterbefall festgestellt wird, der Tote sei mit oder an Covid-19 gestorben. Nun aber muss selbst das Regime eingestehen, das die Zahlen in beängstigendem Tempo steigen.

Hintergrund zum Coronavirus:

Sein Volk solle fett essen und mehrmals in der Woche in die Sauna gehen, empfiehlt Väterchen den Weißrussen. Oder auf dem Feld arbeiten. Er selbst war Landwirt, bevor er sich zur Führung seines Volkes berufen sah. Elf Kühe habe er noch, zitiert die Zeitung „Nowoje Wremja“ dieser Tage den Staatschef. Aber gegen das Virus würden am besten kleine Ziegen helfen. Sie seien gerade erst geboren und Lukaschenkos wahre Freude und Erholung. Mit Blick auf seine Zicklein belehrte er den Journalisten: „Sie sagen mir: Coronavirus, Coronavirus. Hier ist sie die Heilung vom Virus.“ Traktorfahren hilft auch. „Die Menschen auf dem Feld arbeiten, keiner redet über das Virus“, belehrte Lukaschenko bei anderer Gelegenheit seine Minister.

Und natürlich hilft Lukaschenkos Lieblingssport: Eishockey. Gerade erst hat der Präsident selbst wieder den Schläger in die Hand genommen und an einem Turnier teilgenommen. Das hat sein Team natürlich gewonnen, Hunderte jubelten auf den Tribünen. Am Rande hatte er wieder einen Ratschlag: Das Eis töte jeden Virus.

Moskau hat die Grenzen geschlossen

Die Bevölkerung ist von der Ignoranz ihres Staatschefs zunehmend genervt. Sie lässt den Diktator reden und hilft sich selbst. Statistiken gibt es nicht, aber die weißrussischen Medien berichten, zahlreiche Betriebsdirektoren hätten ihre Beschäftigten für die nächste Zeit eigenmächtig in die Ferien geschickt. Ähnlich wie im benachbarten Russland, wo die Initiative für einen Zwangsurlaub vom Präsidenten Wladimir Putin ausgegangen war. Dem nimmt Lukaschenko übel, dass er die russisch-weißrussische Grenze schließen ließ. Was das für ein Schritt unter Brüdern sei, ließ er indigniert in Moskau anfragen. In Weißrusslands schließen auch immer mehr Einzelhandelsgeschäfte, Reisen werden kaum noch gebucht, aus den Krankenhäusern kommen Klagen wegen massiver Überlastungen.

Mehr als 150000 Menschen haben inzwischen eine Petition unterschrieben, Lukaschenko möge endlich eine Quarantäne verhängen. Das ist in einem Staat wie Weißrussland schon eine Art Widerstand. Sorgen um seine Macht muss sich der Diktator vorerst dennoch nicht machen. Die Opposition ist weiter mehr mit dem Streit untereinander beschäftigt, als mit dem Ziel, den Staatschef zu attackieren.

So fällt es Lukaschenko leicht, auf all die bedrohlichen Nachrichten mit Sarkasmus zu reagieren. Wenn es denn tatsächlich sein müsse, ließ er sich dieser Tage nach einem Gespräch mit Gesundheitsminister Wladimir Karanik vernehmen, dann werde er den Ärzten höchstpersönlich helfen. „Ich habe dem Gesundheitsminister gesagt, wenn es sein muss, Wladimir Stepanowitsch, dann gehen wir beide gemeinsam die Menschen heilen.“

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