Für fünf Euro geht es von Berlin zum Polenmarkt. Foto: Georg Ismar
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Was die Grenzen der EU bewirken Von Hohenwutzen bis zum Rio Oiapoqu

Grenzen? Innerhalb Europas sind sie oft kaum wahrnehmbar. Doch der kleine Grenzverkehr ändert sich. Eine Reise nach Polen, Nordirland und Französisch-Guayana.

An der Allee der Kosmonauten geht es um Punkt neun los. Es ist vorwiegend die Generation 60 plus, die auf dem Weg zu einer Grenzerfahrung ist, die es ohne die Europäische Union gar nicht gäbe. Es geht raus aus dem Osten Berlins, Richtung Oder, nach einer Stunde 20 Minuten geht es über eine Stahlbrücke. „In Polen ist es Pflicht, mit Licht zu fahren“, steht auf einem Schild.

Drei Mal am Tag fährt der „Shuttle-Bus zum Polenmarkt“ von Berlin in den Grenzort Hohenwutzen, die einfache Fahrt fünf Euro. Das grenzenlose Einkaufen im Nachbarland ist so normal geworden, überall in Europa. Viele haben vergessen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist. Und welchen Gefahren dies ausgesetzt ist, da das Gespenst des Nationalismus zurückkehrt. Auch in Polen.

Hier gibt es Freiheit, freien Warenverkehr und keine Zollschranken, aber auch viel Nostalgie. Ist die Marktwirtschaft noch sozial – was tun, wenn die Rente nicht mehr reicht? „In der DDR mussten wir keine Angst haben, aus der Wohnung geworfen zu werden“, sagt Susanne Mausolff (77) aus Berlin-Lichtenberg, die mit ihrer Schwester Ute Rudel hier einkauft.

„Wenn Sie kein Geld haben, können Sie auch nicht reisen.“ Bei den heutigen Mieten nütze all die Freiheit wenig. Wählen gehen beide schon lange nicht mehr. „Die machen doch sowieso, was sie wollen.“

An der nordirischen Grenze ist man schon aus Selbstschutz Brexit-Gegner. Foto: Georg Ismar Vergrößern
An der nordirischen Grenze ist man schon aus Selbstschutz Brexit-Gegner. © Georg Ismar

Zwischen Irland und Nordirland ist die Grenze noch weniger sichtbar. Und doch könnte es bald die erste sein, die seit Gründung der EU wieder neu errichtet wird.

Das hätte für die Gäste des Hotels Carrickdale kuriose Folgen. Bisher geht es von Dublin kommend nach der Abfahrt vom Highway N1 über eine Brücke nach Nordirland. Dann geht es nach rechts, wieder rein nach Irland, bis zu dem Hotel. Hier fanden schon mehrfach Friedensgespräche statt. Dass hier eine Grenze verläuft, erkennt man nur an zwei Schildern mit Geschwindigkeitshinweisen. In Irland gilt km/h, in Nordirland Miles per Hour.

Den Church Hill hoch geht es in das nordirische Dorf Jonesborough. Es ist jetzt schon recht verlassen, Geld bringt hier nur der kleine Grenzverkehr, zwei Shops bieten Zigaretten und Spirituosen an, die Tankstelle lockt an Aktionstagen mit Sonderpreisen wie 1 Pfund für den Liter Diesel, „um den Brexit zu schlagen“.

Angst vor neuer Gewalt in Nordirland

Große, gelbe Schilder mit der Botschaft „Grenzgemeinden gegen den Brexit“ zeigen, was man hier vom EU-Austritt hält. Auch wenn sie fast unsichtbar ist, bleibt es eine fragile Grenze – kürzlich wurde hier im Wald zwischen Forkhill and Jonesborough ein potenzielles Waffenversteck ausgehoben. Vieles deutet darauf hin, dass hier Rohrbomben gefertigt werden sollten.

Das ist die große Sorge: wenn es zu einem Brexit kommen sollte und die Grenze zwischen EU und Nicht-EU plötzlich hier verläuft, dass dann wieder irische Nationalisten versuchen könnten, Nordirland mit Bombengewalt zu terrorisieren. Die jüngsten Gewaltszenen aus Londonderry und die Tötung der Journalistin Lyra McKee durch die „neue IRA“ haben gezeigt, wie angespannt die Lage ist.

Jahrzehntelang versuchte die IRA, mit Waffengewalt ein vereinigtes Irland zu schaffen. Es ist eben auch der EU zu verdanken, dass dieser – auch religiös motivierte – Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten eingefroren werden konnte. Eine feste Grenzte würde zudem den gesamten, zum Alltag gewordenen freien Warenverkehr stoppen. Die SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley war auch jüngst an ebenjener Grenze, eine ihrer prägendsten Erfahrungen im Wahlkampf.

„Für uns ist Frieden etwas Selbstverständliches. Aber die Menschen hier, die älter als Ende 20 sind, haben bürgerkriegsähnliche Zustände mitbekommen, mitten in Europa“, betont sie. Deswegen dürfe die harte Grenze hier nicht wieder entstehen. Sie redete dort auch mit einem Bürger, der hautnah erlebt hat, wie direkt vor seiner Tür eine Autobombe hochging und einen Richter, dessen Frau und Kind getötet hat. „Der Frieden auf der irischen Insel darf nicht zum Kollateralschaden des Brexit werden.“

Die EU-Außengrenze auf dem Oiapoque zwischen Brasilien und Französisch-Guayana bewacht ein brasilianischer Grenzsoldat. Fotos: Autumn Sonnichsen Vergrößern
Die EU-Außengrenze auf dem Oiapoque zwischen Brasilien und Französisch-Guayana bewacht ein brasilianischer Grenzsoldat. © Fotos: Autumn Sonnichsen

Ganz weit weg von Polen und Nordirland ist die wohl ungewöhnlichste EU-Außengrenze. Acht Stunden geht es den Rio Oiapoque hinunter. Grün, so weit das Auge reicht. Morgens, wenn der Nebel hochsteigt, die Sonne durchblinzelt, ist es am schönsten, die erwachende Tierwelt, die Ruhe.

Links der Grenze EU, rechts Brasilien

Dann heißt es mal wieder aus dem Boot aussteigen, es über Stromschnellen tragen. Rechts liegt Französisch-Guayana, also die Europäische Union. Links liegt Brasilien mit dem Nationalpark Tumucumaque, einem der weltweit größten Regenwald-Schutzgebiete, fast so groß wie die Niederlande.

Nirgendwo hat Frankreich eine längere Grenze als hier, 730 Kilometer mit Brasilien. Gesichert wird sie von der Fremdenlegion. Rund 30 Soldaten sind hier stationiert. Hier leben überwiegend Ureinwohner vom Stamme der Wayapi, den meisten Ärger machen Schmuggler und Drogenhändler.

Am linken Ufer des Flusses liegt Vila Brasil, rechts Camopi, als isolierter Außenposten mitten im Dschungel von Französisch-Guayana, nur per Boot zu erreichen. Bei der Polizei liegen eingelegte Schlangen im Glas, der Schießstand ist ein im Garten aufgestelltes Boot. Es gibt eine Dorfschule, 1800 Menschen leben hier.

Zur Geburt über die Grenze

Die auf der brasilianischen Seite lebenden Wayapi-Familien schicken immer wieder ihre schwangeren Frauen kurz vor der Geburt auf die andere Seite des Flusses. Bringen sie innerhalb der EU ihre Kinder zur Welt, erhalten sie bis zu 1200 Euro an Sozialleistungen im Monat, wie der Ortsvorsteher von Camopi berichtete.

Das hat ihnen den Spitznamen „Euro-Indianer“ eingebracht. Der Euro ist auf beiden Seiten des Flusses das Zahlungsmittel, aber das Leben ist in Brasilien weitaus günstiger. Es gibt viel Alkoholismus. Immer wieder stellt sich daher die Frage, ob das Sozialsystem wegen der Barauszahlung nicht mehr Schaden anrichtet als nützt.

Die Wayapi, eigentlich ein Nomadenvolk, sind hier sesshaft geworden, trinken viel Bier und Cachaça-Schnaps, verlernen ihre Sprache, ihre Kultur, das Töpfern und das Jagen. Die Europawahl interessiert im französischen Überseegebiet nicht so sehr – 2014 lag die Wahlbeteiligung in Französisch-Guayana bei 10,01 Prozent – die Liste Europe Ecologie gewann mit 3225 Stimmen (rund 40 Prozent) – die EU profitiert vor allem vom Weltraumbahnhof Kourou.

Vom Polenmarkt Hohenwutzen ist das Dorf Camopi rund 8200 Kilometer entfernt – aber auch hier erfreut Bewohner und Besucher eine verbraucherfreundliche Segnung, mitten im Urwald. Das Mobilfunknetz ist ein französisches – mit einem europäischen Handy fallen keine Roaminggebühren an. Man ist ja in der EU.

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