Unterstützer der MAS bei einer Abschlusskundgebung. Foto: Nestor Alexis Gomez/dpa
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Wahlen ohne Ex-Staatschef Morales Bolivien liebäugelt mit den Sozialisten

Am Sonntag könnte es in Bolivien zu einem Machtwechsel kommen. Schon der Wahlkampf war von Angst und Unruhen bestimmt. Das Land ist politisch zerissen.

Einmal wurde ihr Haus angezündet, zweimal musste Brenda Segovia ihr Wahlkampfbüro verlegen, einmal wurde sie festgenommen. Die Kampagne in Bolivien, die am Sonntag in der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes und Kongresses gipfelt, ist diesmal nicht nur mit Worten, sondern mit Baseballschlägern und Steinen ausgefochten worden. Die bürgerliche Opposition auf der einen Seite, die linke Bewegung zum Sozialismus (MAS), für die Segovia kandidiert, auf der anderen. „Sie wollen uns fertigmachen, aber so leicht geben wir nicht auf“, sagt die 29-jährige Frau. Sie ist sich sicher: „Wir werden in meinem Wahlkreis 70 Prozent holen.“

Ein bolivianisches Gallierdorf

Ihr neuestes Büro ist ein enger Verschlag, in dem sich die Hitze staut, eingeklemmt zwischen einem Warenlager und einem Baustoffhandel im Arbeiterviertel Plan 3000 an der Peripherie von Santa Cruz. Das Viertel ist so etwas wie das Gallierdorf bei Asterix: eine Hochburg der MAS inmitten der oppositionellen Wirtschaftsmetropole Boliviens.

In Santa Cruz und dem Umland werden 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Boliviens erwirtschaftet, vor allem mit Gas und Agroexporten. Die „Cambas“, wie sich die Tieflandbewohner nennen, sind wohlhabender als die Bewohner im indigenen Hochland – und sie stehen politisch weit rechts von der MAS.

Aber die abgesteckten politischen Claims kommen ins Rutschen: An den Straßenlaternen im Plan 3000 kleben neben den blauen Wahlplakaten Segovias nun auch orangefarbene. Sie gehören dem Busfahrer Erwin Villalba. Früher ein MAS-Aktivist, tritt er nun für die Bürgergemeinschaft an – ein von der Zivilgesellschaft getragenes loses Wahlbündnis.

„Die MAS stand mal auf der Seite des Volkes, aber das ist lange her“, erzählt Villalba. „Sie wurde von mafiösen Opportunisten unterwandert, die sich selbst bereichern, während wir hier im Plan 3000 noch immer kein Hospital, keine Universität und nur wenig asphaltierte Straßen haben.“ An der Gewalt sei die MAS selbst schuld. „Sie haben immer nur ihren eigenen Leuten Posten und Hilfsgelder zugeschanzt, das haben die Menschen hier satt.“ Deshalb wird die Bürgergemeinschaft ihm zufolge der MAS ihre Bastion entreißen. „Und das macht sie nervös.“

Vor einem Jahr die Macht verloren

Die MAS will zurück an die Macht, die sie vor einem Jahr verloren hat. Vorausgegangen war die umstrittene dritte Wiederwahl von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten des Andenlandes, der es vom einfachen Kokabauern auf den Präsidentensessel geschafft hatte. Doch schon die neuerliche Kandidatur verstieß gegen die Verfassung, die Bevölkerung hatte in einem Plebiszit „nein“ gesagt – und trotzdem hatten die von ihm eingesetzten Obersten Richter grünes Licht gegeben.

Es folgte eine von Unregelmäßigkeiten überschattete Stimmenauszählung, bürgerkriegsähnliche Unruhen und eine Rücktrittsaufforderung des Militärs. Morales beugte sich dem Druck und flüchtete ins Ausland.

Präsidentin Jeanine Anez hatte die Wahl mehrfach verschoben. Foto: imago images/Xinhua Vergrößern
Präsidentin Jeanine Anez hatte die Wahl mehrfach verschoben. © imago images/Xinhua

Die Gemüter beruhigten sich dennoch kaum: Eine rechte Interimsregierung zog mit der Bibel in der Hand in den Präsidentenpalast ein. Sozialprogramme wurden gekappt, Korruptionsskandale kamen ans Tageslicht, und in der Corona-Pandemie gab die Regierung ein denkbar schlechtes Bild ab. Statt sich auf ein Übergangsmanagement zu konzentrieren, goutierte Interimspräsidentin Jeanine Anez die Macht, verschob wegen der Pandemie mehrfach den Wahltermin und rief sich selbst zur Präsidentschaftskandidatin aus – also all jene Laster, die die Opposition immer Morales angekreidet hatte.

Die indigene Unterschicht erlebte Aufstieg

Die MAS schickt auf Betreiben Morales nun Luis Arce ins Rennen, seinen langjährigen Wirtschaftsminister. Ein Technokrat aus der Mittelschicht, Vater des erfolgreichen, staatskapitalistischen Wirtschaftsmodells, das dem Land in den vergangenen 14 Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 4,5 Prozent pro Jahr bescherte – vor allem dank der Hausse der Rohstoffpreise.

Die indigene Unterschicht erlebte einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, die Armut halbierte sich fast, auf nunmehr 36 Prozent. An diese Erfolgsgeschichte möchte die MAS anknüpfen. „Die Diversifizierung der Wirtschaft und die Industrialisierung unserer Bodenschätze muss noch weiter vorangetrieben werden“, sagte Arce dem Tagesspiegel.

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Um im ersten Wahlgang zu gewinnen, bräuchte der Favorit 40 Prozent und zehn Punkte Vorsprung vor seinem nächsten Konkurrenten. Ob das gelingt, ist unklar. Gefährlichster Widersacher von Arce ist der Universitätsprofessor Carlos Mesa von der Bürgergemeinschaft. Er vertritt vor allem das urbane Bildungsbürgertum und gilt als gemäßigt – aber auch als Zauderer. Hinzu kommt, dass die Opposition gespalten antritt. Der Dritte im Bunde ist der aus einer Unternehmerdynastie in Santa Cruz stammende Rechtspopulist Fernando Camacho. Er ist Umfragen zufolge zwar chancenlos, hofft aber darauf, im Parlament mit ausreichend Abgeordneten künftig das Zünglein an der Waage zu spielen.

Geringe Differenz kann Ausschlag geben

Kommt es zu einer Stichwahl, würde Umfragen zufolge Mesa gewinnen. Es steht also viel auf dem Spiel, und eine geringe Differenz könnte den Ausschlag geben – entsprechend groß ist der Druck auf das neue Wahlgericht. „Wir haben am Wahlsonntag 100 Prozent der Sicherheitskräfte mobilisiert, um Ausschreitungen zu vermeiden“, sagt die Vizepräsidentin des Gerichts in Santa Cruz, Maria Cristina Claros.

Sie weiß, weshalb: Ihr Büro befindet sich in der ehemaligen Migrationsbehörde, weil im Vorjahr marodierende Banden im Nachwahlkonflikt das Wahlgericht abfackelten. Nach 14 Jahren Stabilität, garantiert durch die Hegemonie der MAS, droht Bolivien nun wieder die Instabilität der 1990er Jahre, fürchtet die Soziologin Maria Teresa Zegada.

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