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Russische Truppen soll den ukrainischen Ort Butscha nicht nur zerstört haben, sondern auch viele Einwohner ermordet. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa
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Update Vorwürfe an die USA und die Nato Russland nennt Bilder aus Butscha „bestellte Nachrichten“

Russlands Regierung bestreitet eine Verantwortung für die Gräueltaten von Butscha. Die Vorwürfe seien eine „Provokation“, heißt es aus dem Kreml.

Russland weist nach den verstörenden Berichten über Massaker der russischen Armee an Zivilisten im Kiewer Vororts Butscha jede Verantwortung für die Taten zurück. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums warf den USA und der Nato Manipulation vor. Die unmittelbar auf die Veröffentlichung erfolgten Erklärungen des Westens deuteten darauf hin, dass „die Nachricht bestellt“ worden sei, sagte Maria Sacharowa. Damit solle der Ruf Russlands geschädigt.

„Wer sind die Meister der Provokation? Natürlich die USA und die Nato“, sagte Sacharowa in einem am späten Sonntagabend ausgestrahlten Fernsehinterview.

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Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow beschuldigt die Ukraine, die Lage in Butscha inszeniert zu haben. Es handele sich um einen „erfundenen Angriff“ mit dem Ziel, Russland zu diskreditieren, sagt Lawrow laut der Nachrichtenagentur Tass.

Lawrow fordert zudem Großbritannien auf, seine Aufgaben im UN-Sicherheitsrat zu erfüllen. Das Land, das derzeit den Vorsitz des Gremiums hält, hat den russischen Antrag auf Einberufung einer Sicherheitsratssitzung bereits am heutigen Montag zurückgewiesen. Die Sitzung soll stattdessen am Dienstag stattfinden. Der stellvertretende russische UN-Botschafter Dmitri Poljanski kündigte an, dabei „die ukrainischen Provokateure und ihre Schutzpatrone im Westen zu entlarven“.

Das russische Präsidialamt wies ebenfalls sämtliche Vorwürfe kategorisch zurück. Die Fakten und der zeitliche Ablauf der Vorkommnisse in Butscha entsprächen nicht der ukrainischen Darstellung, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Deshalb sollten Anschuldigungen der ukrainischen Seite angezweifelt werden und internationale Politiker keine vorschnellen Schlüsse ziehen.

Kreml spricht von „Videofälschungen und anderen Fakes“

Die Bilder stammen teils von internationalen Pressefotografen, die anders als der Kremlsprecher direkt vor Ort waren. Dennoch meinte Peskow: „Nach dem, was wir gesehen haben, ist dem Videomaterial in vielerlei Hinsicht nicht zu trauen, weil unsere Spezialisten aus dem Verteidigungsministerium dort Hinweise auf Videofälschungen und andere Fakes festgestellt haben.“

Das Verteidigungsministerium in Moskau hatte am Sonntag in einem Beitrag auf Telegram angedeutet, dass die Aufnahmen gefälscht sein könnten - etwa weil einer der Menschen, die am Straßenrand liegen, in einer Videoaufnahme angeblich seine Hand bewegen soll. In dem entsprechenden Video ist jedoch keine Handbewegung zu sehen.

In einer späteren offiziellen Mitteilung schrieb die Behörde in Moskau, die in den Videos gezeigten Toten würden angeblich keine Leichenflecken aufweisen, wie sie vier Tage nach dem Tod typisch seien. Russlands Armee sei bereits am 30. März aus Butscha abgezogen, teilte das Ministerium mit. Dagegen hatte der russische Armeesender Swesda TV am 1. April weiter berichtet, dass die eigenen Truppen noch die „volle Kontrolle“ über Butscha hätten.

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Russlands Ermittlungskomitee hat bereits ein Verfahren wegen der Verbreitung von angeblichen Falschmeldungen eingeleitet. Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin habe die Behörde angewiesen, die „Provokation vonseiten der Ukraine“ strafrechtlich zu bewerten, teilte das Ermittlungskomitee auf seinem Telegram-Kanal am Montag mit.

Ermittelt wird nicht wegen des international verurteilten Verbrechens, sondern wegen der Veröffentlichung entsprechender Nachrichten. Eine Diffamierung der russischen Armee ist strafbar in dem Land. Anfang März hatte die russische Staatsduma ein umstrittenes Gesetz verabschiedet, dass „Falschnachrichten“ über Handlungen des russischen Militärs im Ausland unter Strafe stellt.

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Ukrainischen Medienberichten zufolge sind in Butscha deutlich mehr als 300 Leichen von Zivilisten geborgen worden. Bis Sonntagabend seien bereits 330 bis 340 leblose Körper eingesammelt worden, schrieb die Zeitung „Ukrajinska Prawda“ am Montag unter Berufung auf einen Bestattungsdienst. Am Montag wurde die Suche nach weiteren Opfern fortgesetzt. Einige Leichen seien in Hinterhöfen vergraben, hieß es.

Die Bilder aus der Vorortgemeinde der Hauptstadt, wo nach dem Abzug russischer Truppen zahlreiche Leichen von Bewohnern auf den Straßen gefunden worden waren, haben international für Entsetzen gesorgt.

Am Sonntag hatte die ukrainische Seite bereits vom Fund eines Massengrabes mit etwa 280 Toten berichtet, die während der russischen Angriffe nicht würdig hätten bestattet werden können. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft kündigte eine Obduktion der Leichen an, um das Verbrechen aufzuklären. Auch internationale Ermittler sollen eingeschaltet werden. Insgesamt sollen im Kiewer Gebiet bislang die Körper von mehr als 400 toten Zivilisten geborgen worden sein. (Reuters, dpa)

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