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Die Taliban sind weiter auf dem Vormarsch. Foto: REUTERS
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Vormarsch der Taliban Wird Afghanistan erneut zu einer Terrorhochburg?

Christoph von Marschall

Die Taliban nehmen immer mehr Provinzen ein. Bald könnten die Radikalislamisten das ganze Land kontrollieren. Wie gefährlich wäre das für den Westen?

Afghanistan versinkt im Chaos. Die Taliban haben bereits mehr als die Hälfte des Landes erobert, im Rest des Landes wird gekämpft. Am Wochenende fiel auch Kundus an die Islamisten, am Montag die Provinzhauptstadt Aibak. Die Übernahme von Kundus ist ein Schock für die Bundesrepublik – dort hatte die Bundeswehr ein großes Feldlager betrieben. Nun wächst die Sorge, die Taliban könnten Afghanistan überrennen – und neuem Terror den Weg bahnen.

Wird das Land unter den Taliban wieder zu einer Terrorhochburg?

Die islamistische Terrorszene ist auch nach dem Zusammenbruch des Gottesstaates der Taliban 2001 nie völlig aus Afghanistan verschwunden. Kämpfer der Taliban, von Al Qaida und weiteren Gruppierungen zogen sich nach dem Einmarsch der Amerikaner ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zurück. Dort konnte die Terrorszene neue Strukturen aufbauen, geschützt von paschtunischen Stämmen und mutmaßlich mit Wissen des pakistanischen Geheimdienstes.

Von der Grenzregion aus wurden schwere Anschläge geplant, auch in Deutschland. Die  „Sauerlandgruppe“, ein Trupp deutscher Dschihadisten, hatte sich in den Stammesgebieten aufgehalten und bereitete 2007 in der Bundesrepublik Angriffe auf US-Einrichtungen vor.

Sicherheitskreise sagen, an der aktuellen Offensive der Taliban seien Kämpfer von Al Qaida beteiligt. Die international agierende Terrororganisation hilft den Taliban auch mit der Ausbildung von Rekruten, taktischen Ratschlägen und Geld. Al Qaida wird finanziell seit Jahrzehnten von Gönnern aus arabischen Ländern unterstützt, vor allem aus den Golfstaaten. 

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Sicherheitsexperten verweisen zudem auf einzelne Ausbildungslager von Al Qaida in Afghanistan, vor allem im Süden, in der Provinz Helmand. Befürchtet wird, dass die Terrororganisation nach einem Sieg der Taliban im Land wie einst vor 2001 wieder einen „sicheren Hafen“ hat – von dem aus massive Anschläge auf den Westen geplant werden könnten. Im schlimmsten Fall, heißt es, würde sich ein  Terrorangriff in der Dimension  von 9/11 wiederholen.

Al Qaida selbst behauptete bereits im April im Internet, in 18 der 34 Provinzen Afghanistans  Regierungstruppen anzugreifen. Nach Angaben der Terrororganisation sind  Verbündete an den Attacken beteiligt, darunter die pakistanischen Taliban und die auch aus Pakistan stammenden Gruppierungen Lashkar-e-Taiba und Jaish-e-Mohammed. Diese beiden haben in Indien schwere Anschläge verübt.

In Afghanistan ist zudem die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aktiv. Sie wird allerdings von Taliban und Al Qaida bekämpft.  Sicherheitsexperten sorgen sich dennoch, auch der IS könnte sich  in Afghanistan langfristig festsetzen.

Hat sich der Westen von den Taliban bei den Friedensverhandlungen täuschen lassen?
Im Februar 2020 schlossen die Unterhändler von USA und Taliban in Katars Hauptstadt Doha ein Friedensabkommen. Die Islamisten  sagten den Amerikanern zu, im Gegenzug für deren Abzug aus Afghanistan zu garantieren, dass das Land nicht wieder ein sicherer Hafen für Al Qaida und andere Terrororganisationen werde. Genau das wollte der damalige US-Präsident Donald Trump hören, um das Abkommen als historischen Fortschritt feiern zu können.

Doch die US-Nachrichtendienste blieben skeptisch. Im Januar 2021, kurz vor Trumps Abgang als Präsident, hieß es in einem Dossier des  US-Finanzministeriums, das einen eigenen Geheimdienst unterhält, Al Qaida gewinne in Afghanistan an Stärke durch die gemeinsamen Operationen mit den Taliban und durch deren Schutz.  Das Netzwerk von Al Qaida sei bei den Taliban „eingebettet“.

Im Mai 2021 wurde ein Bericht des militärischen Nachrichtendienstes der USA, der „Defense Intelligence Agency“, zur Lage in Afghanistan bekannt. Im Papier steht, Al Qaida vertraue weiter auf den Schutz der Taliban. Beide Organisationen hätten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Verbindungen gestärkt.

Kundus ist am Wochenende an die Taliban gefallen. Dort werden die Trümmer von Geschäften inspiziert, die bei den Kämpfen zerstört wurden. Foto: dpa Vergrößern
Kundus ist am Wochenende an die Taliban gefallen. Dort werden die Trümmer von Geschäften inspiziert, die bei den Kämpfen zerstört wurden. © dpa

Wie wahrscheinlich ist eine neue Militärintervention des Westens gegen die Taliban?
Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), hat den Gedanken einer neuen massiven internationalen Militäroperation gegen die Taliban aufgeworfen. Diese sei im eigenen Sicherheitsinteresse notwendig, nur so könnten den Taliban politische Zugeständnisse abgepresst werden – und im Ernstfall müsse sich auch die Bundeswehr beteiligen, sagte er am Wochenende.

Widerspruch, auch aus der eigenen Partei, kam prompt. Am Montag machte auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) deutlich, dass sie dem Vorschlag skeptisch gegenübersteht. „Die Meldungen aus Kundus und aus ganz Afghanistan sind bitter und tun sehr weh“, twitterte sie. Wer einen neuen Einsatz der Bundeswehr wolle, müsse die Frage stellen, ob die deutsche Gesellschaft und der Bundestag bereit seien, „in Afghanistan wieder hart in eine militärische Auseinandersetzung zu gehen“. Danach sieht es derzeit nicht aus, wie Politiker anderer Parteien betonten.

Zudem: Ohne die Führungsmacht USA würde auch eine Koalition aus EU- und Nato-Ländern nicht über die militärischen Fähigkeiten verfügen, die Taliban wirksam zu bekämpfen.

Ohne eine Militärintervention bleiben dem Westen nur wenige Hebel. Die Taliban wurden von den Vereinten Nationen mit massiven Sanktionen belegt, unter anderem Einreise- und Kontensperren. Diese wollen sie aufheben lassen. Zudem wollen sie internationale Anerkennung nach einer Regierungsübernahme. Auch wäre eine von den Taliban dominierte Regierung auf ausländische Hilfsgelder angewiesen, aus denen sich ein Großteil des Staatshaushalts speist. Allerdings ist das Vertrauen westlicher Staaten gering, mit diesen Hebeln Druck auf die Taliban ausüben zu können.

Wird der Vormarsch der Taliban Afghanen zur Flucht nach Europa treiben?
Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hatte in einer Art Weckruf schon Ende Juli die Europäische Union (EU) dazu aufgefordert, sich auf einen Ansturm von Flüchtlingen aus Afghanistan vorzubereiten. Der Abzug der westlichen Truppen aus dem Land werde „zu Migrationsströmen führen“, warnte er und empfahl eine harte Abschreckungspolitik.

Tatsächlich gibt es viele Indizien dafür, dass schon jetzt mehr Menschen aus Afghanistan in Nachbarländer und vor allem durch den Iran in die Türkei fliehen. Ihre Zahl könnte sich erheblich steigern, wenn die Taliban noch mehr Provinzen unter ihre Kontrolle bringen. Die Zahl der zivilen Opfer hat mit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen ein Rekordniveau erreicht – ebenso die Zahl der Binnenvertriebenen. Wie viele Flüchtlinge aus dem Land es in den kommenden Monaten bis zur EU-Außengrenze schaffen werden, ist seriös nicht vorhersagbar.

Die EU solle sich trotzdem wappnen, empfiehlt Gerald Knaus, der Gründer des Thinktanks „European Stability Initiative“. Er schlug vor, dass sich nun die Staaten, deren Soldaten 20 Jahre lang in Afghanistan gekämpft haben, ihrer Verantwortung stellen. Gemeinsam sollten sie afghanischen Flüchtlinge in Erstaufnahmeländern helfen – vor allem in der Türkei, in der schon heute vier Millionen Vertriebene aus anderen Ländern lebten.

Dort droht die Stimmung gegen Flüchtlinge zu kippen, seit die Frage der Aufnahme weiterer Schutzsuchender zum Wahlkampfthema geworden ist. Knaus argumentiert, dass eine Unterstützung für Flüchtlingsprojekte in der Türkei durch einen neuen Flüchtlingspakt mit der EU in Milliardenhöhe und durch weitere Länder „auch im Interesse der Europäer“ sei.

Wie wird in den USA über das Afghanistan-Desaster debattiert?

Große Mehrheiten in beiden politischen Lagern unterstützen laut Umfragen Präsident Joe Bidens Entscheidung, die US-Truppen bis Ende August aus Afghanistan abzuziehen, auch wenn dies zu signifikanten Geländegewinnen der Taliban führt. „Nach 20 Jahren ist der Afghanistankrieg für uns vorbei“, beschreibt die „New York Times“ das vorherrschende Denken im Weißen Haus und in Militärkreisen. Die USA und ihre Verbündeten hätten die afghanische Armee ausgerüstet und ausgebildet. Nun müsse sie den Kampf gegen die Taliban aus eigener Initiative führen.

Afghanistan stehe am gleichen psychologischen Wendepunkt wie der Irak nach dem US-Abzug dort, zitiert das Blatt einen Irak-Veteranen. Auch damals habe es einige Zeit gedauert, bis die irakische Armee vom Trainings- in den Kampfmodus umschaltete. Sie habe erst konsequent um die Zukunft des Landes gekämpft, als sie „mit dem Rücken zur Wand“ stand. Im Fall Irak hatten die USA ihren Kurs allerdings nach dem ersten Abzug ändern müssen und waren mit begrenztem Luftwaffen-Kontingent zurückgekehrt, um den Kampf gegen den IS aus der Luft zu unterstützen.

In Afghanistan erfolgt die US-Luftunterstützung der einheimischen Armee derzeit von Stützpunkten außerhalb des Landes sowie einem Flugzeugträger. Sie genügt aber nicht, um den Vormarsch der Taliban aufzuhalten. Verteidigungsminister Lloyd Austin hatte diese Entwicklung im Frühjahr vorhergesagt und Biden von einem Komplettabzug abgeraten.

Der Fall von Kundus reiche sicher nicht, um Biden zum Umdenken zu bringen, urteilt die „New York Times“. Erst wenn Kandahar falle oder die Hauptstadt Kabul eingeschlossen sei, wo die USA eine Botschaft mit 4000 Mitarbeitern unterhalten, könne eine Lage eintreten, die Biden zum Handeln zwinge.

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