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Wahlkampf in der Hohen Tatra. Amtsinhaber Andrzej Duda und seine Frau Agata Kornhauser-Duda in Zakopane. Foto: Grzegorz Momot/PAP/dpa
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Vor der Stichwahl um Polens Präsidenten Unser nächster Nachbar – innerlich so fern

In den Herzen der Deutschen hat Polen keinen besonderen Platz. Das zeigt sich auch am Desinteresse an der Politik im Nachbarland. Wie schade. Ein Kommentar.

Was hat der Ausbau der Bahnlinie Berlin-Stettin mit der Stichwahl um Polens Präsidentenamt an diesem Sonntag zu tun? Wenig. Und zugleich sehr viel. Welche Beziehung die Menschen zu ihren Nachbarn haben – ob da eine innere Nähe oder Ferne vorherrscht –, hat mit Begegnung zu tun.

Viele Deutsche haben bis heute kein rechtes Verhältnis zu Polen. Sie bringen, das legen Kommentare unter Artikeln zu Polen nahe, auch wenig Verständnis für polnische Eigenheiten auf, zumal wenn es um die Eigenheiten der nationalpopulistischen Regierungspartei PiS geht.

Und aktuell um die Wahlkampfauftritte ihres Präsidentschaftskandidaten Andrzej Duda, der nun, da das Rennen gegen den liberalen Herausforderer Rafal Trzaskowski überraschend knapp verläuft - hier die jüngsten Umfragen - , mit antideutscher Rhetorik zu punkten versucht.

Auf der Landkarte der Herzen hat Polen bei den meisten Deutschen wohl keinen herausgehobenen Platz. Von Urlauben am Gardasee, in den Cinqueterre, an der Riviera, in der Normandie, Bretagne, Camargue, der Costa Brava oder auf Mallorca schwärmen viele, ebenso von Wochenendtrips nach Rom, Paris, Madrid. Sowie von Cappuccino, Tapas, französischen Pasteten, Käsen und Weinen.

Im Süden Dolce Vita, in Polen billige Zigaretten und Gartenzwerge

Das emotionale Äquivalent bei Polen? Grenznahe Märkte mit billigen Zigaretten, Gartenpflanzen und Gartenzwergen. Wer bekommt feuchte Augen beim Gedanken an die Masuren, die Hohe Tatra, Warschau, Krakau oder Posen? Selten hört man Sehnsuchtsseufzer nach polnischem Bier und Wodka, einem herzhaften Zurek oder dem eleganten Chlodnik Litewski, einer Kaltsuppe an heißen Sommertagen. Oder Sehnsucht nach polnischer Lebensart und Humor.
Polen wird ein immer engerer Partner, PiS hin oder her. Es ist inzwischen Nummer fünf im deutschen Außenhandel, vor Italien und Großbritannien. Es hat eine noch bessere Coronabilanz als Deutschland. Nur, wer weiß das schon?

Mehr auf Europakurs: Oppositionskandidat Rafal Trzaskowski, Oberbürgermeister von Warschau. Foto: Janek Skarzynski/AFP Vergrößern
Mehr auf Europakurs: Oppositionskandidat Rafal Trzaskowski, Oberbürgermeister von Warschau. © Janek Skarzynski/AFP

Kann eine schnelle Direktverbindung nach Stettin das verändern? Ja und Nein. Jetzt, wo viele die nur per Flugzeug erreichbare Sommerfrische aus den Reiseplänen streichen, darf man daran erinnern, wie normal das einst war. Vor dem Krieg setzten sich im Sommer am Freitag Nachmittag tausende Berliner Familienväter nach der Arbeit in die Schnellzüge nach Stettin und stiegen dort in die Badedampfer um.

Vor dem Krieg fuhren Berliner in Massen über Stettin an die Ostsee

Die brachten sie nach insgesamt zwei bis drei Stunden an die beliebten Strandorte, wo die Familie den Urlaub genoss. Warum soll das nicht wieder so werden – weil Misdroy jetzt Miedzyzdroje heißt und Swinemünde Swinoujscie?
Zwei Einwände liegen nahe. Kann man Bürger zur Neugier auf ihre Nachbarn verpflichten? Und selbst wenn sich mehr Menschen begegnen, führt das nicht automatisch zu mehr Sympathie und Verständnis. Überall kann man Menschen treffen, die man nett findet oder uninteressant.

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Ebenso drängen sich Antworten auf. Können sich Gesellschaften, die ihre Zukunft durch die Mitgliedschaft in der EU eng verbunden haben, anhaltendes Desinteresse leisten? Und: Begegnung wird Nähe nicht erzwingen, aber eine Beziehung kann erst wachsen, wenn Menschen sich kennenlernen. Dann treffen Vorurteile auf Realität, werden korrigiert oder bestätigt.

Der Kulturzug nach Breslau als Ansporn

Die Erfahrung mit dem Kulturzug nach Breslau hat gezeigt: Gute Verkehrsverbindungen befördern das Interesse, zumal in Verbindung mit einer Attraktion: Breslau war damals Europäische Kulturhauptstadt. Ist die erste Annäherung gelungen, bleibt sie: im Gedächtnis und im Herzen.

Breslau, Europas Kulturhauptstadt 2016. Blick über die Tumski Brücke zur Dominsel. Foto: DPA Vergrößern
Breslau, Europas Kulturhauptstadt 2016. Blick über die Tumski Brücke zur Dominsel. © DPA

Geografisch ist Polen für Millionen Deutsche das nächste Nachbarland: vom Südosten Schleswig-Holsteins über Mecklenburg-Vorpommern, die östliche Hälfte Niedersachsens, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg bis Sachsen. Seit 30 Jahren gibt es keinen Eisernen Vorhang mehr, der Westdeutsche und Westberliner am Reisen hindert. Und keine DDR-Führung mehr, die aus Furcht vor dem Freiheitsbazillus der Gewerkschaft Solidarnosc ihren Bürgern die Reise in das sozialistische Bruderland verwehrte und selbst Brieffreundschaften unterband.

Umarmung der Bürgermeister: Da brechen sich Gefühle Bahn

In grenznahen Städten und Dörfern ist die Verbundenheit gewachsen. Im Fernsehen konnte man miterleben, wie die Gefühle sich Bahn brachen nach wochenlanger Begegnungssperre wegen Corona. Polnische und deutsche Bürgermeister fielen sich um den Hals – und entschuldigten sich tags drauf, weil sie gegen die Distanzregeln verstoßen hatten. Da blitzte auf, wie groß das Potenzial für emotionale Verbundenheit ist, wenn man sich erstmal kennt.

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Kollektives Interesse oder Desinteressen ist auch eine Frage des Timings. Fünf Jahre PiS-Regierung waren kein optimaler Rahmen, um deutsche Neugier auf diese asymmetrische Nachbarschaft zu wecken, in der weit mehr Polen auf Deutschland blicken und die Sprache sprechen als umgekehrt.

Es wäre ein Fortschritt, wenn viele Deutsche die Stichwahl an diesem Sonntag verfolgen mit dem Gefühl, dass es für sie einen Unterschied machen kann, ob Polen unter Duda weitermacht wie bisher oder mit dem Herausforderer Trzaskowski ein anderes Polen obsiegt. Viele Züge fahren in eine gemeinsame Zukunft.

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