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Mann mit Maske am Felsendom. Foto: REUTERS
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Von 9000 auf 1000 Wie Israel die Infektionsrate drastisch senkte

Israel hat es in kurzer Zeit geschafft, die tägliche Covid-Infektionsrate radikal zu senken. Mit einem zweiten Lockdown.

Was Deutschland vielleicht bevorsteht, hat Israel gerade hinter sich: einen zweiten Lockdown im Kampf gegen Covid-19. Weil die Infektionszahlen auf Rekordhöhen geschossen waren, hatte Israels Regierung Mitte September eine zweite landesweite Ausgangssperre eingeleitet.

Vom 18. September bis zum 18. Oktober durften die Menschen sich maximal tausend Meter vom Wohnsitz entfernen; alle Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelläden und Apotheken mussten schließen, ebenso wie Gotteshäuser, Schulen, Parks und Cafés; und die meisten Firmen mussten ihre Mitarbeiter vorübergehend nach Hause schicken.

Inzwischen steht fest: Trotz etlicher Verstöße haben die radikalen Maßnahmen ihre erhoffte Wirkung gezeigt. Die Zahl der täglich positiv Getesteten ist von über 9000 Ende September auf zuletzt unter 1000 gefallen. „Israel hatte die höchste Krankheitsrate in Europa“, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vergangene Woche. „Wir haben einen Lockdown beschlossen, und die Zahlen sind schnell gesunken.“

Ob dafür eine allgemeine Ausgangssperre nötig war, ist jedoch umstritten. Netanjahu hatte im Vorfeld dafür plädiert, weshalb er nun gute Gründe hat, den Erfolg der Maßnahme zu unterstreichen. Viele Gesundheitsexperten, darunter der staatliche Coronabeauftragte Ronni Gamzu, hatten jedoch differenziertere Maßnahmen gefordert, um die ohnehin schon lädierte Wirtschaft zu schonen.

Die hat unter dem zweiten Lockdown erwartungsgemäß gelitten: Der Anteil der Arbeitslosen, der sich zuvor bei elf bis zwölf Prozent stabilisiert hatte, stieg in der zweiten Septemberhälfte auf 19 Prozent.

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Netanjahus Überlegungen

Ein weiterer Kollateralschaden ist der soziale Frieden: Viele Israelis vermuten, dass sie sich nur deshalb einem allgemeinen Lockdown unterwerfen mussten, weil Netanjahu davor zurückscheute, Ausgangssperren allein über die am stärksten betroffenen Städte zu verhängen.

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Dieses Modell hatte der Corona-Beauftragte Gamzu vorgeschlagen. Doch weil die meisten dieser Städte vorwiegend von Ultraorthodoxen bewohnt sind, wehrten sich Netanjahus ultraorthodoxe Koalitionspartner vehement gegen diesen Vorschlag.

Mittlerweile dürfen die Gläubigen wieder zur Klagemauer. Mit Maske. Foto: REUTERS Vergrößern
Mittlerweile dürfen die Gläubigen wieder zur Klagemauer. Mit Maske. © REUTERS

Dass sich anschließend während des Lockdowns Hunderte der Strenggläubigen verbotenerweise in Synagogen versammelten, verstärkte den Zorn vieler Säkularer noch.

Allerdings verstießen auch in der Mehrheitsgesellschaft etliche gegen die Maßnahmen, wenn auch weniger drastisch. So besuchten viele verbotenerweise Verwandte oder sonnten sich am offiziell geschlossenen Strand. Und während beim ersten Lockdown im Frühling die Straßen häufig verwaist wirkten, herrschte dieses Mal vielerorts geschäftiges Treiben.

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Dennoch wirkte der zweite Lockdown schneller und effektiver als der erste. Die Gründe dafür stünden noch nicht fest, schreibt Eran Segal, Experte für Genetik und künstliche Intelligenz am WeizmannInstitut, der Israels Corona-Statistik auf Twitter analysiert.

„Zumindest funktionieren Lockdowns in Israel – zweite Lockdowns funktionieren sogar noch besser“, lautet sein erstes Fazit. „Aber Israel hat einen Lockdown beschlossen, weil es keine Wahl hatte: Die (Zahl der) Krankenhausaufenthalte brachten das Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenze. Und das ist ein Scheitern.“

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