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Wartende auf der Start- und Landebahn des Kabuler Flughafens im August 2021. Die Machtübernahme der Taliban hatte zahlreiche Menschen in Afghanistan in die Flucht geschlagen. Foto: AFP/Fotograf:in nicht genannt
© AFP/Fotograf:in nicht genannt

Update „Verzweifelt und im Stich gelassen“ Hunderte hoffen auf Flug aus Kabul – Menschen klammern sich an Gangway und Flugzeug

Am Flughafen von Kabul drängen Hunderte auf das Rollfeld. Videos zeigen Chaos. Es gibt Berichte über Tote. US-Soldaten feuern offenbar Warnschüsse in die Luft.

Nach der Übernahme Kabuls durch die militant-islamistischen Taliban spielen sich dramatische Szenen am Flughafen der afghanischen Hauptstadt ab.

Hunderte Menschen sind seit Sonntag zum Flughafen gefahren und versuchen, auf Flüge zu kommen, wie in sozialen Medien geteilte Videos und Bilder zeigen.

Hunderte Afghanen warten am Rande des Flughafens von Kabul. Foto: AFP/Shakib Rahmani Vergrößern
Hunderte Afghanen warten am Rande des Flughafens von Kabul. © AFP/Shakib Rahmani

US-Soldaten sichern nach Angaben der Regierung in Washington den Flughafen und seine Umgebung. Die US-Regierung ergreife „eine Reihe von Maßnahmen“, um den Flughafen zu sichern und die „sichere Abreise“ von Mitarbeitern der USA und verbündeter Staaten in Zivil- und Militärflugzeugen zu ermöglichen.

US-Soldaten und Wartende am Flughafen von Kabul. Foto: AFP/Shakib Rahmani Vergrößern
US-Soldaten und Wartende am Flughafen von Kabul. © AFP/Shakib Rahmani
US-Soldaten sichern den Flughafen von Kabul. Foto: AFP/Shakib Rahmani Vergrößern
US-Soldaten sichern den Flughafen von Kabul. © AFP/Shakib Rahmani

US-Soldaten gaben Augenzeugen zufolge Schüsse in die Luft ab, um eine riesige Menschenmenge auf dem Rollfeld unter Kontrolle zu bringen. „Ich habe sehr viel Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft“, sagte ein Zeuge der Nachrichtenagentur AFP am Montag.

Über dem Rollfeld fliegen, wie der britische Abgeordnete Tobias Ellwood bei Twitter schreibt, Apache-Hubschrauber. So sollen die Wartenden offenbar von der Start- und Landebahn vertrieben werden. Ähnliche Bilder zeigt ein Tweet von ARD-Korrespondentin Natalie Amiri.

Dramatische Aufnahmen zeigen verzweifelte Zivilisten, die eine bereits überfüllte und verbogene Treppe hinaufkletterten, um ein geparktes Passagierflugzeug zu besteigen. Einige hängen mit den Händen am Treppengeländer.

Ein Video zeigt eine rollende Maschine der US-Luftwaffe, die von Hunderten Menschen begleitet wird. Etliche Menschen klettern an dem Flugzeug hoch. Auf einem weiteren Video sitzen augenscheinlich Menschen auf einer rollenden US-Maschine.

Ob die Maschine zum Start rollt und dann tatsächlich startet, geht aus den Aufnahmen nicht hervor.

Es gibt in sozialen Medien auch Videos, die zeigen sollen, wie Menschen von einem Flugzeug aus großer Höhe in den Tod stürzen. Allerdings fehlt eine Verifizierung der Aufnahmen.

Mehrere Medien melden Tote am Flughafen. Augenzeugen berichteten der BBC von zwei Toten, das „Wall Street Journal“ schreibt von drei Toten, die Nachrichtenagentur Reuters von fünf Toten. Offiziell gibt es keine Bestätigungen dafür. Unklar ist auch, ob die mutmaßlichen Opfer in der Menschenmenge zu Tode kamen oder etwa durch Schüsse starben.

Gerüchte und Falschmeldungen in Kabul

Am Montag verbreiteten sich in Kabul Falschmeldungen und Gerüchte, dass jeder, der es zum Flughafen schaffe, evakuiert werde, sagte ein Bewohner der Stadt. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise, dass diese Gerüchte zutreffen. „Ich habe auf Facebook gelesen, dass Kanada Asylanträge aus Afghanistan annimmt“, sagte ein Mann, der laut eigenen Angaben Soldat in der afghanischen Armee war. Er sei deshalb in Gefahr: „Die Taliban haben es definitiv auf mich abgesehen“, sagte er.

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Die Flughafenverwaltung stellte unterdessen den kommerziellen Flugverkehr ein. Es wird keine kommerziellen Flüge vom Hamid-Karsai-Flughafen geben, um Plünderungen und Verwüstungen zu verhindern. Bitte begeben Sie sich nicht zum Flughafen“, hieß es in einer an Journalisten versendeten Mitteilung. Auch die US-Botschaft in Kabul forderte auf Twitter US-Staatsangehörige und Afghanen auf, „nicht zum Flughafen zu reisen“.

Die USA, Deutschland und weitere westliche Staaten hatten bereits am Sonntag Staatsbürger und Botschaftspersonal an den Flughafen gebracht, um sie von dort auszufliegen.

Hunderte Botschaftsmitarbeiter sind laut US-Angaben bereits außer Landes.

Am Montag und in den Folgetagen sollten nach Angaben des Außenministeriums Tausende in Afghanistan lebende US-Bürger, Ortskräfte der US-Vertretung in Kabul sowie deren Familien und andere besonders gefährdete Afghanen ausgeflogen werden. Mullah Abdul Ghani Baradar, einer der Gründer der Taliban, rief die Milizionäre in einem Online-Video zur Disziplin auf: „Jetzt ist es an der Zeit, zu beweisen, dass wir unserer Nation dienen und für Sicherheit und ein angenehmes Leben sorgen können.“

Die schnelle Machtübernahme der Taliban hat in den westlichen Staaten Fassungslosigkeit und große Sorge um die Zukunft des Landes ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich erschüttert über die Lage in Afghanistan: „Für die vielen, die an Fortschritt und Freiheit gebaut haben - vor allem die Frauen - , sind das bittere Ereignisse“, wurde Merkel gegenüber AFP zitiert.
UN-Generalsekretär António Guterres rief die Islamisten zur Zurückhaltung auf. Er sorge sich insbesondere um die Zukunft der Frauen und Mädchen in Afghanistan, erklärte er. Die Miliz teilte auf Twitter mit, junge Mädchen dürften am Montag wie gewohnt zur Schule gehen.

China erkennt Führung Afghanistans durch Taliban an

Der UN-Sicherheitsrat in New York wollte am Montag zusammenkommen, um über die Lage in dem krisengeschüttelten Land zu beraten. Die Taliban hoffen auf die internationale Anerkennung als Führung Afghanistans. China erklärte sich am Montag als erstes Land zu „freundlichen Beziehungen“ mit den neuen Machthabern bereit.

„China respektiert das Recht des afghanischen Volkes, unabhängig sein eigenes Schicksal zu entscheiden“, erklärte eine Außenamtssprecherin. Die russische Regierung will eine Anerkennung der Taliban nach eigenen Angaben von deren „Verhalten“ abhängig machen. Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace erklärte hingegen, dies sei „nicht der richtige Zeitpunkt“, um das Regime anzuerkennen.

Die Machtübernahme der Islamisten bezeichnete er als „Versagen der internationalen Gemeinschaft“. Die afghanischen Streitkräfte waren ohne die Unterstützung des US-Militärs dem Vormarsch der Taliban beinahe machtlos gegenübergestanden.

Dennoch schockierte der rasche Zusammenbruch der afghanischen Regierung die Verantwortlichen in den westlichen Regierungszentralen. Kritikern zufolge hat insbesondere der Ruf der USA als Weltmacht damit schweren Schaden erlitten. (mit Agenturen)

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