Schülerinnen im indischen Noida, Uttar Pradesh. , Foto: picture alliance / dpa
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Verleihung des Friedenspreises an Amartya Sen Gerechtigkeit durch Chancengleicheit

Das geht nur über gute Schulbildung. An dieser Frage entscheidet sich, ob eine Gesellschaft gerechter werden will. Ein Kommentar.

Amartya Sen erhält am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Harvard-Professor, 1933 in Indien geboren, ist berühmt für seine Thesen zur Gerechtigkeit. Auf Hunderttausende wirkt Sen inspirierend und ermutigend. Die Fähigkeit, am politischen Dialog teilzuhaben, ist für Sen die Grundlage von Gerechtigkeit, und garantiert wird sie allein durch Bildung.

Bildung trägt, auch das betont Sen, außerdem dazu bei, Gesundheitssysteme zu verbessern und Epidemien zu bekämpfen. Chancengerechtigkeit ist mithin ein Kernthema des Preisträgers. Und Chancen haben überall auf der Welt – ob in Afrika, Amerika, Asien, Australien oder Europa – denselben Vornamen: Schule.

In den USA rufen Hunderttausende bei Demonstrationen gegen Rassismus: „No Justice, no Peace!“ Ohne Gerechtigkeit geben wir keinen Frieden. Die Qualität von Schulen in den Vereinigten Staaten ist gekoppelt an das Steueraufkommen. Je ärmer eine Region, desto miserabler die Schulen. Solche Zustände sind Treibhäuser der Ungerechtigkeit.

Weltweit jedoch gehen laut Unesco-Statistik etwa 260 Millionen aller Kinder und Jugendlichen, vor allem Mädchen, überhaupt nicht zur Schule. Das ist Fünftel aller, die meisten davon leben südlich der Sahara.

Der Preisträger selbst besuchte eine außergewöhnliche Schule

Das Alphabet und sein sozialer Gebrauch sind die zentralen Bedingungen einer gerechteren Gesellschaft. Alles steht und fällt mit Bildungschancen: Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Aufklärung. Amartya Sen selber hatte Chancen, gute sogar. Wie Indira Gandhi besuchte er die weltoffene Patha Bhavana Schule in Westbengalen. Gegründet wurde sie 1901 durch den Dichter Rabindranath Tagore als Antwort auf kolonialen wie traditionellen Drill im Bildungswesen.

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An der Patha Bhavana Schule galt, was jeder Schule guttäte. Wichtig waren Selbstverwaltung und autonomes Denken ebenso wie der lebendige Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden. Debatten wurden im Freien unter Bäumen abgehalten, das Verhältnis zur Natur erkundet. Offene Kommunikation, ungeachtet von Religion und Herkunft galt der Schule als „Beitrag zum Weltfrieden“.

Wenn Amartya Sen heute vor Identitätspolitik warnt, etwa dort, wo Indiens Hindus und Moslems einander anfeinden, anstatt miteinander ihre Armut zu bekämpfen, schwingt in seiner Warnung auch ein Echo des Ethos seiner frühen Schule mit.

Albert Camus verdankt seine Karriere einem engagierten Grundschullehrer

Gute Schulbildung kann verwandeln. Sie kann aus dem Sohn einer bettelarmen Analphabetin einen Nobelpreisträger für Literatur machen, wie die Biographie von Albert Camus belegt. Dessen Grundschullehrer in Algier hatte sich für den begabten Jungen engagiert, und ohne den Lehrer wäre er nie aufs Gymnasium gelangt.

Gerade ist in Deutschland der preisgekrönte Roman „Streulicht“ der Arbeitertochter Deniz Ohde erschienen. Die Protagonistin zitiert eine Metapher ihrer Lehrerin, die Bildung als ein Haus beschrieb: „Es brauche ein gutes Fundament, sagte sie, sonst seien die oberen Stockwerke nicht sicher.“

Je höher das Wohlstandsgefälle eines Staates, desto tiefer klafft der Canyon zwischen Bildungsarmut und dem Zugang zum Alphabet der Chancen. 2019 beschloss Indiens Regierung, sich verstärkt um Gerechtigkeit für ärmste, niedere Kasten zu bemühen. Zehn Prozent der Plätze an öffentlichen und privaten Colleges sollen für sie reserviert werden.

Umgesetzt werden solche Pläne überall meist nur mit Mühe. Selten rücken Eliten von allein von ihren Privilegien ab. Kritiker der Konzepte für mehr Gerechtigkeit nutzen die zähe Trägheit der Tradition. Sie feuern Widerstände an und verweisen dabei gern auf Darwin und „natürliche Unterschiede“, als sei ein durch Klassen und Kasten verursachtes Gefälle der Chancen naturgegeben. Tatsächlich ist Intelligenz erstaunlich gerecht verteilt. Quer durch alle Milieus sieht ihre Normalverteilungskurve gleich aus, in Villen wie Plattenbauten. Je klarer der politische Wille einer Gesellschaft Gerechtigkeit anstrebt, desto klarer zeigt sich das Ziel ihrer Praxis: Optimale Bildung für alle.

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