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Demonstrierende versammeln sich während des Women's March 4 Justice in Brisbane. Foto: Dave Hunt/AAP/dpa
© Dave Hunt/AAP/dpa

Vergewaltigungsvorwurf gegen den Justizminister In Australien formiert sich eine neue #MeToo-Bewegung

Zehntausende gehen in Australien auf die Straße. Die Proteste sollen die „größte Revolte von Frauen, die Australien je erlebt hat“, sein.

Die meisten kamen schwarz gekleidet. Mehrere Zehntausend Menschen, vor allem Frauen, sind in sämtlichen großen Städten Australiens auf die Straße gegangen, um gegen Gewalt gegenüber Frauen und für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Die March4Justice-Bewegung – Australiens neue #MeToo-Kampagne – hat sich über Wochen formiert, nachdem die australische Regierung mehrere Missbrauchsvorwürfe in der Politik nicht ernst genug nahm. Laut den Organisatorinnen ist es die „größte Revolte von Frauen, die Australien je erlebt hat“.

Angefangen hat die Welle der Unzufriedenheit mit einer jungen Frau, die einst in den Büros des australischen Parlaments in Canberra arbeitete. Brittany Higgins behauptete, sie sei 2019 von einem männlichen Kollegen im Büro einer Ministerin vergewaltigt worden. Als sie den Vorfall meldete, habe sie jedoch keine angemessene Unterstützung erhalten.

Der Ärger formierte sich aber erst in einer Bewegung, als ein weiterer, in diesem Fall historischer, Missbrauchsvorwurf ans Tageslicht kam. So wurde der australische Justizminister Christian Porter in einem anonymen Brief an den australischen Premier einer Vergewaltigung bezichtigt, als er noch ein Teenager war.

Die Anschuldigung stammte von Freunden des vermeintlichen Opfers. Dieses hatte den Vorfall, der sich 1988 während eines Debattierwettbewerbs an einer Universität ereignet haben soll, im vergangenen Jahr der Polizei gemeldet, sich später aber das Leben genommen. Porter selbst dementierte die Vorwürfe in einer teils emotionalen Pressekonferenz.

Am Protesttag ließ Morrison sich nicht blicken

In beiden Fällen verhielt sich der australische Regierungschef Scott Morrison zurückhaltend. Im Falle von Porter sagte er, dies sei Sache der Polizei. Diese stellte die Ermittlungen jedoch mangels Beweisen, und weil das Opfer nicht mehr lebt, ein. Eine unabhängige Untersuchung lehnte Morrison bisher ab.

Den Fall von Brittany Higgins besprach Morrison erst mit seiner Frau Jenny, die ihm den Rat erteilte, die Angelegenheit doch als „Vater“ zu betrachten. Grace Tame, eine Aktivistin, die selbst eine Überlebende sexueller Übergriffe ist und wegen ihres Engagements zur „Australierin des Jahres“ ernannt wurde, kritisierte Morrison vor allem wegen dieser Bemerkung.

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Es solle doch nicht nötig sein, dass man Kinder habe, „um ein Gewissen zu haben“, sagte sie vor Journalisten. Am Protesttag selbst ließ sich der liberalkonservative Politiker nicht sehen. Er bot den Organisatorinnen des Protests aber ein separates Treffen hinter geschlossenen Türen an, das diese ablehnten.

Wie „vergiftet“ die Atmosphäre für Frauen im australischen Parlament ist, ging bereits 2012 um die Welt, als die damalige Premierministerin Julia Gillard eine leidenschaftliche Rede gegen Sexismus hielt und dabei schwere Vorwürfe gegen den damaligen Oppositionsführer Tony Abbott erhob. Gillard war dabei bei Weitem nicht das einzige „Opfer“.

„Es ist eine Zeit der Abrechnung für Australien.“

Ein liberaler Politiker beschimpfte im August 2012 eine Journalistin, die ihm eine kritische Frage stellte, als „Kuh“. Die damalige Finanzministerin Penny Wong musste sich 2011 Katzengeräusche von einem männlichen Oppositionspolitiker während einer Rede gefallen lassen und ein westaustralischer Politiker der Liberalen geriet in die Schlagzeilen, nachdem er am Stuhl einer Kollegin geschnüffelt hatte und als „Party-Trick“ den BH einer Frau aufschnippte.

Doch Frauen sind in Australien nicht nur im politischen Umfeld Sexismus und Übergriffen ausgesetzt. Das Problem ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Dies zeigt auch eine aktuelle Petition junger Frauen, die inzwischen über 35.000 Unterstützer hat und eine bessere Aufklärung junger Männer fordert.

Auch die Statistik zeichnet ein beunruhigendes Bild: So soll jede fünfte Frauen in Australien bereits sexuellen Missbrauch erfahren haben. Umso wichtiger waren die starken Worte der Demonstrierenden – darunter auch etliche Überlebende sexuellen Missbrauchs.

So sagte etwa Aoife McGreal auf der Demo: „Ich habe das Gefühl, dass jede Frau eine Geschichte hat“, sagte sie. „Egal, ob es sich um Belästigung am Arbeitsplatz oder Missbrauch zu Hause oder auf der Straße handelt.“ Es sei an der Zeit für Frauen, das anzusprechen. „Ich denke, es ist eine Zeit der Abrechnung für Australien.“ Auch die australische Gleichbehandlungskommissarin sagt: „Wir befinden uns an einem Wendepunkt.“

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