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Ausgezeichnet: Dieses Bild machte der Fotograf Angelos Tzortzinis im September im Flüchtlingslager Moria. Foto: dpa
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Vergewaltigungen, Übergriffe, Hoffnungslosigkeit „Die Leute, die hier nicht rauskommen, werden langsam verrückt“

Flüchtlingshelferin Christina Chatzidaki über die Zustände im Flüchtlingslager „Moria 2“, schutzlose Kinder und ein von der Unicef prämiertes Foto.

Seit gut 20 Jahren engagiert sich Christina Chatzidaki auf ihrer Heimatinsel Lesbos für Geflüchtete und Migranten.

Frau Chatzidaki, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef hat an diesem Dienstag sein „Foto des Jahres“ ausgezeichnet. Wieweit hilft so eine Auszeichnung dabei, auf das Schicksal der Geflüchteten auf Lesbos aufmerksam zu machen?
Ich denke, die meisten Menschen haben von dem Feuer gehört und von den Zuständen in Moria. Die entscheidende Frage ist nun, was seitdem passiert ist – und was noch passieren wird. Und die Lage ist immer noch schrecklich. Diese Menschen müssen Perspektiven bekommen, von der Insel wegzukommen.

Es ist ein Gefängnis hier. Und die griechische Regierung und die Europäische Kommission planen, daraus ein besseres Gefängnis zu machen. In der Mitte von Nirgendwo. Sie wollen diese Menschen wegschließen, damit sie keiner mehr sehen muss. Sie sagen, es wird ein sehr gutes Camp, ein luxuriöses Camp – aber es ist und bleibt ein Gefängnis.

Die meisten Asylanträge werden abgelehnt, eigentlich möchte man die Menschen in die Türkei zurückschicken – aber die lehnt das ab, also behält man die Menschen hier. Das ist ein Fiasko.

Was bedeutet das für die Bewohner?
Die Leute, die hier nicht rauskommen, werden langsam verrückt, wenn sie nicht rauskommen. Sie wollen einfach nur wie normale Leute leben, mal in ein Café gehen, etwas einkaufen, einen Spaziergang machen – aber sie sitzen im Lager fest.

Das lehnen wir ab. Es gibt auch viele Streitigkeiten im Lager, es gibt viel Aggressivität, Bewohner prügeln sich. Kürzlich wurde eine Auseinandersetzung von jemand anderem gefilmt, ein paar Polizisten kamen und sagten, sie sollten aufhören – doch die Männer haben einfach weitergekämpft. So ist die Situation. Natürlich gibt es hier auch viele Kriminelle. Aber viele handeln so aus Verzweiflung.

Christina Chatzidaki bei einer Veranstaltung ihres Vereins Siniparxi. Foto: privat Vergrößern
Christina Chatzidaki bei einer Veranstaltung ihres Vereins Siniparxi. © privat

Was müsste sich ändern?
Die Menschen sollten stattdessen auf das griechische Festland gebracht und auf verschiedene Länder in Europa verteilt werden. Europa muss sich endlich bereiterklären, die Flüchtlinge aus Griechenland unter sich aufzuteilen. Deutschland hat sich bereiterklärt, 1500 Flüchtlinge aufzunehmen.

Aber es gibt alleine in Deutschland hunderte Gemeinden, die noch mehr Flüchtlinge aufnehmen könnten und die deutsche Bundesregierung dafür um Erlaubnis bitten, die das aber ablehnt – das ist sehr frustrierend.

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Provisorium. Kinder spielen zwischen Notunterkünften auf Lesbos. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Provisorium. Kinder spielen zwischen Notunterkünften auf Lesbos. © picture alliance/dpa

Wie helfen Sie den Bewohnerinnen und Bewohnern des Lages?
Wir kommen derzeit nicht ins Camp rein. Wir haben ein Netzwerk von Freiwilligen aus dem Lager, die verteilen die Hilfsgüter, die wir bringen. Das sind derzeit Wintersachen und vor allem Essen. Denn das Essen im Lager ist nicht gut und nicht genug.

Woran fehlt es vor allem?
Bezüglich Kleidung und Ausrüstung wie Schlafsäcken und Decken gibt es dank des Einsatzes vieler Nichtregierungsorganisationen und des UN-Flüchtlingshilfswerks derzeit genug. Was immer gebraucht wird, ist zusätzliches Essen, das reicht nie und ist auch von der Qualität her nicht gut.

Wir kaufen jeden Tag Lebensmittel von Spendengeldern und auch mit unserem eigenen Geld bei örtlichen Geschäften, die wir damit auch unterstützen, und verteilen sie: Fertige Mahlzeiten, Käse, Brot und andere Grundnahrungsmittel.

Christina Chatzidaki auf einem Foto von 2015 am Strand von Lesbos mit Kindern, die soeben neu auf der Insel angekommen sind. Foto: privat Vergrößern
Christina Chatzidaki auf einem Foto von 2015 am Strand von Lesbos mit Kindern, die soeben neu auf der Insel angekommen sind. © privat


Nach dem Großbrand in Moria hatten manche Menschen die Hoffnung, dass die ausweglose Lage der Geflüchteten auf Lesbos sich bessern würde. Wieweit haben sich Dinge in dem neuen Lager verbessert?
Die Dinge sind immer noch sehr schlimm in dem Lager, das hier Moria 2 genannt wird. Die Menschen leben weiterhin nur in Zelten. Seit kurzem werden auch elektrische Anschlüsse installiert, aber die funktionieren nicht immer.

Es gibt keine Heizungen, auch wenn die griechische Regierung eigentlich versprochen hatte, in allen Zelten eine Heizanlage zur Verfügung zu stellen. Und es gibt große Probleme mit dem Regen, der überflutet das Lager immer wieder, die Plätze und viele Zelte stehen unter Wasser, überall ist es nass und voller Schlamm. Das Lager ist nicht für den Winter gemacht. Der Zustand ist wirklich schlimm.

Wie wirkt sich der Winter bislang bei Ihnen aus?
Zum Glück ist das Wetter an den meisten Tagen noch flüchtlingsfreundlich. Es ist nicht sehr kalt und regnet noch nicht sehr viel. Aber wenn es regnet, wie vor zehn Tagen, dann ist es sehr schlimm. Und wenn demnächst die Kälte kommt, wird es richtig kritisch, die Menschen werden krank werden. Es ist ein Zeltlager, keine Siedlung mit Häusern.

Kara Tepe: Das Lager wurde auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz auf Lesbos errichtet. Foto: Panagiotis Balaskas/AP/dpa Vergrößern
Kara Tepe: Das Lager wurde auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz auf Lesbos errichtet. © Panagiotis Balaskas/AP/dpa

Der Schwerpunkt Ihres Vereins lag im Camp Moria darauf, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu unterstützen. Wie ist deren Lage im Moment?
Im alten Camp haben wir vor allem versucht, ihnen zu helfen, indem wir sie aus dem Camp herausholen, sodass sie besser geschützt sind. Das geht jetzt wegen der Quarantäne nicht mehr. Wir dürfen keine Kinder aus dem Lager herausholen, es gibt auch keine besonders geschützten Orte mehr für sie.

Viele von ihnen sind ja auch nach Deutschland und in andere europäische Länder gereist, die sich bereit erklärt haben, sie aufzunehmen. Aber mit immer neuen Flüchtlingsbooten kommen auch immer weitere Minderjährige. Und soweit ich weiß, gibt es keinen geschützten Bereich mehr für sie im neuen Lager.

Was bedeutet das für diese Gruppe?
Sie haben bestimmt den Bericht von der Vergewaltigung eines dreijährigen Mädchens gehört, das vergangene Woche in einem Toilettenbereich gefunden wurde. Im neuen Lager sollen 300 oder mehr Polizisten im Einsatz sein. Aber wir fragen uns: Was machen sie in der Nacht? Denn dieser Missbrauch fand in der Nacht statt.

Und das hier ist nicht mehr der Dschungel von Moria, wo es für die Polizei schwierig war, hineinzugehen. Sie waren da nie präsent. Aber hier im neuen Lager ist es flach, man kann per Auto und zu Fuß überall hinkommen – aber wo sind die Polizisten, wenn solche Dinge passieren?

Kürzlich war der griechische Migrationsminister hier und hat gesagt: Alles ist okay in Sachen Sicherheit – und das, nachdem ein Kind vergewaltigt worden ist. Was soll man da noch sagen?

Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller hatte am Wochenende berichtet, die Organisation Ärzte ohne Grenzen musste im Lager eine Tetanus-Impfaktion starten, weil Babys in ihren Zelten von Ratten gebissen worden seien. Dem hat Ihr Migrationsminister Notis Mitarakis jetzt widersprochen. Wer hat Recht?
Ich denke, die Berichte mit den Ratten, die auch in den griechischen Medien zu lesen waren, sind wahr. Unserem Minister glauben wir nichts, was er sagt – niemand hier glaubt ihm. Sein Wahlkreis ist die Insel Chios, nicht weit von hier. Dort glaubt ihm auch niemand.

Mit ihrem Verein „Siniparxi“, der aus Deutschland unter anderem von der Diakonie Solingen unterstützt wird, versorgt Chatzidaki die Menschen im provisorischen Lager auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kara Tepe, in dem gut drei Monate nach dem Großbrand in dem berüchtigten Camp Moria tausende Menschen hausen, darunter zahlreiche Kinder. Für Siniparxi arbeiten derzeit nach Chatzidakis Angaben ungefähr 30 Ehrenamtliche.

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