Tagesspiegel Plus - jetzt gratis testen
Donald Trump Foto: JIM WATSON / AFP
© JIM WATSON / AFP

Unsinn ist die größte Waffe des US-Präsidenten Donald Trump wird abgewählt? Freut euch nicht zu früh!

Armin Nassehi

Für Trump sieht es derzeit schlecht aus. Doch er verfügt über die Macht des Absurden, warnt der Soziologe Armin Nassehi und erinnert sich an 2016. Ein Gastbeitrag.

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Universität München und Herausgeber der Zeitschrift „Kursbuch“. Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung des aktuellen „Montagsblocks“ auf der Webseite des „Kursbuch“.

Ich möchte ein Déjà-vu-Erlebnis schildern: Ich bin am 26. September 2016 zu einer USA-Reise gestartet, auf der ich einige Vorträge gehalten und zwei Universitäten besucht habe.

Ich landete damals am frühen Abend in Boston, früh genug, um von einem sehr freundlichen Mitarbeiter des Goethe-Instituts abgeholt zu werden, direkt in eine gut gefüllte Bar, in der sich vor allem junge Leute aus dem studentischen Milieu, aber auch ältere Universitätsmitarbeiter aufgehalten haben.

Es war ein großer Bildschirm aufgebaut, an jenem Abend fand das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump statt. Ich war müde – für meinen Körper war es schon zwei oder drei Uhr nachts. Aber der Abend war elektrisierend.

2016 waren linksliberale Amerikaner sicher, dass Trump sich selbst demontieren und die Wahl verlieren würde

Man hatte sich damals noch nicht an die Sprechweise von Trump gewöhnt. Trump sprach wirr und eigenartig, es war kaum möglich, auch nur ein einziges Argument in seinen Sätzen zu finden. Clinton hingegen hatte alle Argumente auf ihrer Seite und wusste sie darzulegen.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Trump beschränkte sich auf die Attacke, er verhaspelte sich, als er danach gefragt wurde, warum er so lange die These verbreitet hatte, Barack Obama sei gar kein Amerikaner, er wiederholte, die Nato sei obsolet, weil sie nicht gegen den Terror kämpfe. Er versuchte, Clinton dafür haftbar zu machen, dass ihr Mann als Präsident das Freihandelsabkommen Nafta unterzeichnet hatte.

Die Reaktion in der Bar war freilich interessanter als die Diskussion selbst. Denn die Aufmerksamkeit lag vor allem auf den Sätzen des republikanischen Kandidaten. Je absurder die Sätze von Trump waren, desto lockerer wurde die Atmosphäre in der Bar, desto entspannter die Besucher.

Die Stimmung lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Die Sache ist gelaufen.

Trumps Angriffe auf Hillary Clinton waren so unverschämt, dass sie kaum darauf antworten konnte

Jetzt zu behaupten, ich hätte es schon damals gewusst, wäre etwas übertrieben – aber ich erinnere mich, dass ich öfter nachgefragt habe, wie dieser Trump denn wohl in den Milieus außerhalb der linksliberalen, von Universitätsakademikern bevölkerten Bar in Massachusetts ankommen würde. Das wurde als ein merkwürdiger Defätismus eines Gastes aus Good Old Europe belächelt.

Trump, Biden Foto: REUTERS/Jonathan Ernst Vergrößern
Wird er Donald Trump als US-Präsidenten ablösen? Ungewiss, meint Soziologe Armin Nassehi. © REUTERS/Jonathan Ernst

Ich habe auf dieser Reise noch viele Menschen befragt: Kein einziges Mal habe ich jemanden getroffen, der nicht sicher war, dass Trump sich mit dieser ersten Fernsehdebatte eigentlich schon selbst aus dem Rennen genommen hatte. Was damals jedenfalls aufgefallen ist, war das kommunikative Dilemma, in dem Hillary Clinton steckte.

Trumps „Argumente“ waren so offenkundig unsinnig, dass sie für Kommunikation nur schwer anschlussfähig waren. Und die Angriffe auf die Person Clintons waren so offenkundig strategisch und unverschämt, dass ihre Widerlegung nur als Bestätigung der Diskussionswürdigkeit der Sache aufgefasst werden konnte.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty.]

Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Mein Déjà-vu-Erlebnis besteht nun darin, dass wir uns derzeit fast täglich über offenkundigen Unsinn von Trump freuen – er demontiert sich in Interviews, kann seine Inkompetenz nicht verdecken und schreckt vor keiner Peinlichkeit zurück.

Er prahlt etwa damit, einen Demenztest bestanden zu haben („I’m cognitively there“). Erst in dieser Woche behauptet er in einem Tweet erneut, die Briefwahl sei besonders betrugsanfällig (wofür es keine Belege gibt) und deutete an, der Wahltermin solle verschoben werden; ein Termin, der durch die Verfassung festgesetzt wird und noch nie verschoben wurde.

2016 scheint sich zu wiederholen: Trumps Aussagen sind so unsinnig, dass es schwierig ist, ihnen zu begegnen

Was sich zu wiederholen scheint, ist die Unmöglichkeit, solchem Unsinn zu begegnen. Vielleicht kann man Kommunikation nur be- oder widerlegen, wenn sie einen gewissen Geltungsanspruch deutlich macht oder wenn ein Argument in einer gewissen Konsistenz zu anderen Sätzen steht. Wo das fehlt, läuft jede Widerlegung ins Leere.

[Mehr zum Thema: Denkwürdiges Corona-Interview – Reporter zweifelt an Trump-Aussagen, dann holt dieser drei Grafiken hervor]

Vielleicht ist Trumps Art zu sprechen also die genialste Form der Kommunikation in einer politischen Kultur, deren Polarisierung so groß ist, dass man so etwas wie einen Konflikt um eine konkrete Sache gar nicht führen kann.

Trump Foto: AFP/Jim Watson Vergrößern
Will am 3. November wiedergewählt werden: US-Präsident Trump © AFP/Jim Watson

Die Idee der Deliberation setzt einen geteilten Horizont argumentativer Räume voraus – wenn sich eine der beiden Seiten dieser Grunderwartung entzieht, wird sie kommunikativ unerreichbar und damit für die eigenen Anhänger besonders plausibel. Das gilt dann auch für die andere Seite, die letztlich nur an die Adresse der eigenen Leute sprechen kann. Schlimmer noch: Wenn sie sich auf das Spiel der Widerlegung des anderen einlässt, lässt sie sich argumentativ auch auf dessen Vorgaben ein.

Wer das Absurde wiederholt und darauf erwidert, erkennt es als mögliche Wahrheit an

Man muss es sich so vorstellen: Wenn ich dagegen argumentieren muss, dass die Briefwahl besonders betrugsanfällig ist und in Coronazeiten deshalb möglicherweise sogar der Wahltermin geschoben werden muss, habe ich schon konzediert, dass es so sein könnte, sonst müsste ich es ja nicht verneinen. Nachdem Trump immer wieder den Mythos genährt hatte, Barack Obama sei kein Amerikaner, legte dieser schließlich seine Geburtsurkunde vor.

Damit hatte er sich auf Trumps Behauptung eingelassen, dass Obama womöglich nicht auf amerikanischem Territorium geboren wurde (was Voraussetzung für das passive Wahlrecht als US-Präsident ist). Die Situation damals war ähnlich wie heute. Je idiotischer Trumps Reden und Debattenbeiträge aussehen, desto stärker sind sie in der Lage, die Debatte zu bestimmen und desto schwächer machen sie das Gegenargument.

Eine Lösung wäre es, Trump kommunikativ auszutrocknen

Mein Déjà-vu-Erlebnis jedenfalls sagt mir: Freut euch nicht zu früh über den größten Unsinn des amerikanischen Präsidenten. Dieser Unsinn ist seine größte Waffe – ob er von ihr weiß oder nicht, ist unklar, aber auch egal. Ein wenig hoffnungsvoll stimmt die Tatsache, dass Joe Biden und die Gegner von Trump bis dato auf allzu viel Kommunikation verzichten. Vielleicht haben sie gesehen, dass der beste Beweis für fehlende Anschlussfähigkeit im fehlenden Anschluss liegt. Denn die größte Macht entfaltet Trumps Kommunikationsform womöglich durch die Reaktionen, die sich auf ungewohntem Terrain bewegen, weil die Kommunikationsofferten gar nicht das bessere Argument sein wollen, sondern der Versuch, auf Argumente möglichst verzichten zu können.

Vielleicht muss man dann tatsächlich sparsamer mit Argumenten umgehen. Freilich müssen sie dann um so besser sein. Aber der Wahlkampf hat noch gar nicht begonnen. Die Preisfrage lautet: Wie geht ein Wahlkampf mit möglichst wenig Kommunikation?

Zur Startseite