Richtung Frieden. Eine Maschine der israelischen Fluglinie El Al landete Ende August auf dem Flughafen von Abu Dhabi. Foto: Karim Sahib/AFP
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Ungewöhnliche Bündnisse mit arabischen Staaten Israels neue Freunde – gefährliche Freunde?

Mareike Enghusen

Erst die Emirate, nun Bahrain – und später Saudi-Arabien? Warum muslimische Länder ihren Frieden mit Israel machen und was das für die Region bedeutet.

Eine Frage, die vor Monaten noch absurd geklungen hätte, ist derzeit wohl die am häufigsten gestellte unter israelischen Journalisten und Analysten. Welcher arabische Staat schließt als nächstes Frieden mit dem jüdischen Staat?

Nachdem am Freitag auch das Königreich Bahrain ankündigt hat, diplomatische Beziehungen mit Israel aufzunehmen, wird in Jerusalem großzügig mit Namen jongliert: Könnte Marokko folgen? Oder Oman. Oder der Sudan. Ist bald sogar die Regionalmacht Saudi-Arabien mit von der Partie?

Genau 46 Jahre hatte Israel nach seiner Gründung 1948 gebraucht, um Frieden mit zwei arabischen Staaten zu schließen: Dem Friedensschluss mit Ägypten 1979 folgte 1994 ein Abkommen mit dem Königreich Jordanien. Danach geschah lange Zeit nichts – bis zur Einigung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten Mitte August, die als historisch bewertet wird.

„Dies ist eine neue Ära des Friedens“, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Samstag in einer Videoansprache. „Frieden für Frieden“ – zugleich Erinnerung und Absage an die alte Formel „Land für Frieden“, die einst von der israelischen Linken im Konflikt mit den Palästinensern vertreten wurde, im heutigen Israel aber nur noch wenige Anhänger hat.

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Am Montag landete Netanjahu – zu Hause in Bedrängnis wegen seines Corona-Managements und Korruptionsklagen – in Washington, wo am Dienstag die feierliche Zeremonie zur Besiegelung der Abkommen mit Bahrain und den Emiraten stattfand.

Frieden gegen Frieden

Zur Unterzeichnung lagen zwar nur allgemeine Absichtserklärungen vor, Details müssen noch verhandelt werden. Zudem haben die beiden Golfstaaten lediglich ihre Außenminister geschickt.

Dennoch ist die Symbolwirkung enorm, schließlich hatten die arabischen Staaten mit Ausnahme von Ägypten und Jordanien Jahrzehnte lang geschlossen gefordert: Erst müsse Israel den Palästinensern einen eigenen Staat gewähren, bevor es von Frieden mit der arabischen Welt träumen könnte.

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© Grafik: Fabian Bartel

Dass manche Golfstaaten sich vorwiegend verbal als Kämpfer der palästinensischen Sache hervortun und zugleich regen Austausch mit israelischen Unternehmern und Geheimdienstlern pflegen, galt zwar als offenes Geheimnis. Dennoch: Die plötzliche Bereitschaft der Emirate und Bahrains, vor aller Augen die Maske fallen zu lassen, beweist, wie stark sich deren strategische Prioritäten verschoben haben.

Wirtschaftlicher und technologischer Austausch, das gemeinsame Ringen mit dem Iran sowie eine gehobene Reputation in Washington zählen den beiden Monarchien mehr als ihre längst lädierte Glaubwürdigkeit als Unterstützter der palästinensischen Sache.

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Vertreter beider Staaten betonten zwar, die Einigung mit Israel diene auch einem zukünftigen Frieden mit den Palästinensern. Schließlich könne man ja auf einen Verbündeten besser einwirken als auf einen Gegner. Doch in der Region dürfte das die Wenigsten beeindrucken.

Die Palästinenser protestieren - und kaum einen interessiert das

Die Palästinenser protestierten wie erwartet gegen das Abkommen mit Bahrain. In den sozialen Medien kursieren Videos, auf denen Männer in Gaza Bilder des Königs von Bahrain, Hamad bin Isa al Khalifa, in Brand stecken. „Bahrain begeht eine politische Sünde“, sagte ein Hamas-Sprecher dem Fernsehsender Al Dschasira.

Ziemlich gute Freunde - Donald Trump und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Foto: Bandar Algaloud/Reuters Vergrößern
Ziemlich gute Freunde - Donald Trump und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. © Bandar Algaloud/Reuters

Auch in Bahrain selbst gab es Unmut. Stunden nach Verkündung des Abkommens verbreitete sich unter Twitter-Nutzern der Hashtag „Bahrainis gegen Normalisierung“. Allerdings gewährt Bahrains Regierung Dissidenten wenig Spielraum; wesentlicher Widerstand ist deshalb nicht zu erwarten.

Zugleich gab es freundliche Reaktionen aus der arabischen Welt, zum Beispiel aus Oman, das selbst keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhält. Dort begannen sogleich die Spekulationen: Ist das Sultanat der nächste Kandidat?

Vor knapp zwei Jahren hatte Israels Premier Netanjahu völlig überraschend Oman besucht. Die Reise war monatelang im Geheimen vorbereitet worden. Für Netanjahu, der seit Langem versucht, die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn zu verbessern, war das enormer Prestigeerfolg.

„Israel ist ein Staat, der in der Region präsent ist“

Vor allem die Worte des omanischen Außenministers Yussuf bin Alawi bin Abdullah wird er gern gehört haben. Der sagte damals: „Israel ist ein Staat, der in der Region präsent ist, und wir alle verstehen das.“ Das war ein klares Bekenntnis zum Existenzrecht des jüdischen Staates.

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Als größter Preis am Golf gilt in Israel aber Saudi-Arabien – als Hüter der heiligsten islamischen Stätten Mekka und Medina von unschätzbarem Einfluss in der arabisch-muslimischen Welt. Efraim Halevy, früherer Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, sieht wie andere Analysten keine saudisch-israelische Freundschaft in naher Zukunft. Dafür, glaubt er, müsste Israel zu Zugeständnissen gegenüber den Palästinensern bereit sein. Zuversichtlich ist Halevy dennoch: „Ich glaube, letztendlich wird sich auch Saudi-Arabien anschließen.“

Die Enttäuschung der Palästinenser über das neue Bündnis zwischen Israel und arabischen Staaten ist groß. Foto: Mohammed Abed/AFP Vergrößern
Die Enttäuschung der Palästinenser über das neue Bündnis zwischen Israel und arabischen Staaten ist groß. © Mohammed Abed/AFP

Dafür spricht einiges. Denn wenn etwas Israel und das sunnitische Königreich eint, dann ist das die Furcht vor Irans wachsendem Einfluss in der Region. Vor allem der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht in den schiitischen Mullahs die größten Rivalen im Kampf um die Vormachtstellung in der Region. Immer wieder fühlt er sich vom expansiven Kurs Teherans provoziert.

Zum Beispiel im Jemen. Der Kriegseintritt Saudi-Arabiens 2015 war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die Herrscher in Riad sich vom Iran provoziert fühlen. Denn der unterstützt die Huthis in ihrem Aufstand gegen die vom saudischen Königshaus protegierte jemenitische Regierung.

Irans Armee bei einer Übung vor einigen Tagen. Foto: Wana/Reuters Vergrößern
Irans Armee bei einer Übung vor einigen Tagen. © Wana/Reuters

Dass den Huthis es immer wieder gelingt, Raketen auf Saudi-Arabien zu feuern, dürfte bin Salman als persönlichen Angriff empfinden – die Attacken stellen seinen Reputation als Beschützer des Landes massiv infrage. Aber der ehrgeizige Prinz weiß auch, dass er für die Auseinandersetzung mit dem Iran auf Unterstützung angewiesen ist.

Der saudische Kronprinz geht auf den jüdischen Staat zu

Hier kommt Netanjahu ins Spiel. Israels Premier ist ein erklärter Feind Teherans. Er sieht es als seine Mission an, sich dem Feind entgegenzustellen – auch mit Hilfe einstiger Gegner wie Saudi-Arabien.

In bin Mohammed Salman scheint er einen Verbündeten gefunden zu haben, der um der Allianz willen sogar bereit ist, auf den jüdischen Staat zuzugehen, wenn auch in wohldosierten Schritten. Den größte machte der Kronprinz schon vor zwei Jahren. Damals sprach er den Israelis das Recht auf ihr eigenes Land zu.

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