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Eine Frau in Zimbabwe hält einen Gutschein für Nahrungsmittelhilfe in die Kamera. Foto: dpa
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UN-Welternährungsprogramm Zu wenig, jeden Tag

Jan Dirk Herbermann

Der Friedensnobelpreis für das UN-Welternährungsprogramm wirft die Frage auf: Wie erfolgreich ist der Kampf gegen den Hunger in der Welt?

Die Ehrung für das Welternährungsprogramm der UN dürfte viele überrascht haben. Doch das Nobelpreiskomitee in Oslo lenkt mit seiner Entscheidung den Blick auf eine vernachlässigte und vor allem in Wohlstandsländern oft verdrängte Katastrophe: den weltweiten Hunger und jene Zigmillionen Menschen, die unter ihm leiden.

Menschen, die sich jeden Tag fragen müssen, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen können. Das allein wäre schon schlimm genug. Aber es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Der Kampf gegen den Hunger geht ganz konkret mit dem Einsatz für Frieden einher.

Denn viele Konflikte und Kriege werden von fehlenden Lebensmitteln verursacht oder verschärft. Nun kommt noch Corona hinzu. Die Pandemie hat den Bedarf an Nahrung deutlich erhöht – und damit auch die Zahl der Bedürftigen. Aufgabe des Welternährungsprogramms ist es, der Not etwas entgegenzusetzen.

Wie viele Menschen leiden Hunger?

Es gab Jahre, da schöpften die Helfer Hoffnung. Glaubten, sie könnten den Hunger womöglich zurückdrängen. Es gab sogar das erklärte Ziel, dass bis 2030 kein Mensch mehr Hunger leiden sollte. Aber dieses Ziel scheint kaum mehr erreichbar zu sein.

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Im Moment haben 690 Millionen Menschen weltweit nicht ausreichend zu essen; 135 Millionen leiden unter akutem Hunger. Etwa zwei Milliarden leiden zudem an „verstecktem Hunger“, also dem Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen.

Die Hauptursachen für diese Situation sind Armut, Kriege und Konflikte. Aber auch die Folgen des Klimawandels – dazu gehören extreme Wetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen und Dürren – verschärfen die Lage.

Wo ist der Hunger besonders schlimm?

Nach Angaben der Welthungerhilfe liegen die Brennpunkte in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Laut dem sogenannten Welthunger-Index 2019 ist die Zentralafrikanische Republik von den Staaten, zu denen Daten vorliegen, als einziges Land von „gravierendem“ Hunger betroffen.

Schulmahlzeit. Für viele Kinder in Nairobi ist die Schulmahlzeit die einzige Mahlzeit des Tages. Foto: imago images/Xinhua Vergrößern
Schulmahlzeit. Für viele Kinder in Nairobi ist die Schulmahlzeit die einzige Mahlzeit des Tages. © imago images/Xinhua

Vier weitere Länder – Tschad, Madagaskar, Jemen und Sambia – weisen eine „sehr ernste“ Hungersituation auf. Auch in vielen südasiatischen Ländern wie Pakistan, Indien, Nepal, Bangladesch, Laos, Kambodscha und Indonesien wird die Lage als „ernst“ eingestuft. Zu den besonders hungrigen Ländern gehören zudem Burundi, Komoren, Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Libyen, Papua-Neuguinea, Somalia, Südsudan und Syrien.

Was wird dagegen getan – und was wurde bislang erreicht?

Fast ununterbrochen seit zwei Dekaden gelingt es der Weltgemeinschaft mit Hilfsprogrammen, die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, Jahr um Jahr zu reduzieren. Mal um 1,2 Prozent wie 2018, mal um 1,5 Prozent wie im Jahr 2019.

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Der größte Fortschritt im Kampf gegen Hunger aber gelang nicht mit Hilfsprogrammen, sondern durch eigene Anstrengungen eines Landes: Mehr als 700 Millionen Chinesen sind der Armut entkommen, seit die Regierung in Peking vor vier Jahrzehnten ihr Programm für Wirtschaftsreformen gestartet hat. Das autokratische System behauptet, die Zahl entspreche mehr als 70 Prozent der erfolgreichen Armutsbekämpfung weltweit.

Welche Rolle spielt das Welternährungsprogramm?

David Beasley weiß, wie er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und die der Welt gewinnt. Im April warnte der Direktor des Welternährungsprogramms den Weltsicherheitsrat: Die Pandemie drohe „viele Hungersnöte mit biblischen Ausmaßen“ auszulösen.

Die Opfer würden vor allem in den armen Ländern der Welt zu beklagen sein. Die düstere Prophezeiung des Amerikaners rüttelte viele Regierungen auf. Sie unterstützen das WFP im Corona-Jahr mit rund acht Milliarden US-Dollar.

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Der Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm ist nicht zuletzt eine Würdigung der Vereinten Nationen. „Die UN spielen eine Schlüsselrolle in der Aufrechterhaltung der multilateralen Kooperation“, heißt es. Die von Corona, Krisen und Kriegen erschütterte Welt brauche die enge multilaterale Kooperation mehr denn je.

Die Auszeichnung ist auch in einem anderen Sinne ein bemerkenswerter Schachzug. WFP-Chef Beasley ist Republikaner und damit Parteifreund des US-Präsidenten, eines erklärten Gegners multilateraler Prinzipien.

Kaum hatten Trump und seine Leute die Regierung 2017 übernommen, nominierten sie den früheren Gouverneur von South Carolina für den Chefposten des Welternährungsprogramms. Das zahlt sich offenbar aus. Die USA überweisen traditionell die größte Summen an das WFP. Das hat sich unter Trump nicht geändert.

Verschärft Corona die Situation?

Bevor in Entwicklungs- und Schwellenländern überhaupt die erste Covid-19-Infektion nachgewiesen worden war, hatte die Pandemie schon schlimme Auswirkungen auf den globalen Süden. Der Experten zufolge „größte Kapitalabfluss aller Zeiten“ warf die Anstrengungen für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder um Jahre zurück.

Tagelöhner oder Wanderarbeiter dort stehen oft vor der Wahl, entweder auf die umgerechnet zwei Dollar Einnahmen zu verzichten oder sich dem Infektionsrisiko auszusetzen. Das deutsche Entwicklungsministerium befürchtet, dass die coronabedingte Rezession in diesem Jahr bis zu 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen wird.

Ist Hunger eine Kriegswaffe?

Ein klares Ja. Das ist zwar schon seit Jahrhunderten der Fall. Aber seit einigen Jahren wird dieses Mittel zur Bekämpfung des Gegners wieder ganz gezielt eingesetzt. Vor allem in Syrien verstößt das Regime von Machthaber Baschar al Assad mit dieser Strategie immer wieder gegen das humanitäre Völkerrecht.

Mehrfach riegelten die Kämpfer des Präsidenten nicht nur Dörfer, sondern ganze – von der Opposition gehaltene – Regionen ab. Zum einen geht es darum, die Menschen mürbe zu machen und sie so zum Aufgeben zu zwingen. Denn Brot ist eine ebenso wichtige Ressource wie zum Beispiel Waffen, Erdöl und Trinkwasser. Zum anderen kann die Kontrolle über Hilfe und Zugang zu den Notleidenden instrumentalisiert werden, um darüber Macht auszuüben. Denn Assad ist derjenige, der Unterstützung zulässt – oder verwehrt.

Wie hilft Deutschland?

Deutschland ist der zweitgrößte Geldgeber des WFP. 2019 stellte die Bundesregierung der Organisation rund 790 Millionen Euro zur Verfügung. Aus Deutschland stammt auch die größte Einzelzuwendung, die das WFP jemals erhalten hat: 2016 sagte die Bundesregierung 570 Millionen Euro für Programme in Syrien und den Nachbarländern zu.

Nachdem der Grundbeitrag für das laufende Jahr wegen der Pandemie auf etwa 48 Millionen Euro aufgestockt wurde, soll er dem Haushaltsentwurf für 2021 zufolge wieder um 42 Prozent sinken. Tatsächlich unterstützte die Bundesregierung das Programm auch in den Vorjahren mit einem Grundbeitrag von rund 28 Millionen Euro – er wird also auf Normalmaß gestutzt. Dabei gilt es als unwahrscheinlich, dass die Pandemie und ihre Folgen dann bereits überwunden sind.

„Hunger ist Mord“, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) immer wieder. Vor sechs Jahren rief sein Ministerium ein Programm ins Leben, das die strukturellen Ursachen des Übels bekämpfen soll. Zugleich bemüht sich das Entwicklungsministerium darum, die Voraussetzungen zu stärken, damit die Weltbevölkerung künftig ausreichend ernährt werden kann. Es investiert jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung. (Mitarbeit: Matthias Jauch)

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