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"Kiffen ist gesund" - Plakate werden in Berlin bei der 18. Hanfparade hoch gehalten (Archivbild). Foto: dpa/Rainer Jensen
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UN-Bericht warnt vor Cannabis-Sucht Bundesregierung lässt sich nicht vom Legalisierungskurs abbringen

Der Weltdrogenbericht mahnt die Folgen der Legalisierung von Cannabis an. Die Ampel sieht sich trotzdem auf dem richtigen Weg, die CDU äußert Zweifel.

209 Millionen Jugendliche und Erwachsene weltweit haben im Jahr 2020 Cannabis konsumiert. Das schätzt das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in ihrem am Montag veröffentlichten Jahresbericht.

Das sind mehr als vier Prozent der Weltbevölkerung. Gleichzeitig hätten die Belastungen für das Gesundheitssystem durch regelmäßigen Cannabiskonsum zugenommen. Das UNODC kommt daher zum Fazit, die öffentliche Gesundheit und Sicherheit sollten über die Marktinteressen der Legalisierung gestellt werden.

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Die Bundesregierung will sich durch den UN-Bericht allerdings nicht von der Legalisierung von Cannabis als Genussmittel abbringen lassen. Geht es nach der Ampelkoalition, sollen Volljährige schon bald staatlich reguliertes und kontrolliertes Marihuana erwerben können. Jedoch: „Der Weltdrogenbericht zeigt deutlich, wie sorgfältig wir bei unserem Gesetzesvorhaben in Deutschland vorgehen müssen“, sagt Burkhard Blienert, Drogenbeauftragter der Bundesregierung, dem Tagesspiegel.

Der UN-Bericht bestätige vielmehr, „dass unser neuer Weg zur kontrollierten Cannabisabgabe an Erwachsene richtig ist“. Parallel müsse aber auch der Jugend- und Gesundheitsschutz in den Fokus gestellt werden. „Dazu gehört, die Prävention auszubauen und die Lebens- und Risikokompetenz der Menschen in ganz Deutschland zu stärken“, sagt Blienert.

Das UNODC sieht weltweit einen Aufwärtstrend beim Cannabisgebrauch: Seit 2010 sei der Prozentsatz der Konsument:innen um acht Prozent gestiegen, damals lag er bei 3,8 Prozent. Besonders hoch ist der Cannabiskonsum laut UN-Bericht in Nordamerika. Das habe mit der Legalisierung der Droge in Kanada und mehreren US-Bundesstaten zu tun. In Europa wird die Droge am häufigsten in West- und Zentraleuropa konsumiert.

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Die Legalisierung von Cannabis führe zu steigenden Steuereinnahmen und weniger Verhaftungen im Zusammenhang mit dem Besitz von Marihuana, heißt es in dem Bericht des UNODC. Gleichzeitig stünden in diesen Regionen ein wachsender Anteil von psychiatrischen Störungen und Selbstmorde im Zusammenhang mit regelmäßigem Konsum von Cannabis. Durch die Legalisierung werde also das Gesundheitssystem stärker belastet, resümiert das UN-Büro.

Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung erwidert: „Durch den neuen, entkriminalisierten Umgang mit Cannabis wird auch für viele Menschen die Hemmschwelle genommen, sich überhaupt Hilfe zu holen. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit unserem Weg langfristig die Situation in Hinblick auf Cannabiskonsum in Deutschland verbessern werden.“

UN sieht steigenden Cannabiskonsum in Deutschland

Um die Situation steht es laut UN-Bericht nämlich nicht so gut: „Der Cannabiskonsum (in Deutschland) im vergangenen Jahr ist insbesondere seit 2013 um 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben die Krankenhausaufnahmen wegen psychischer und Verhaltensstörungen aufgrund von Cannabiskonsum zwischen 2000 und 2018 erheblich zugenommen.“

Die Fälle von Cannabinoidabhängigkeit und -entzug in der Bundesrepublik hätten sich mehr als verachtfacht, die Aufnahmen wegen cannabisbedingter psychotischer Störungen mehr als vervierfacht.

Cannabis-Produktion in Leuna, Sachsen-Anhalt Foto: Hendrik Schmidt/dpa Vergrößern
Cannabis-Produktion in Leuna, Sachsen-Anhalt © Hendrik Schmidt/dpa

Das UN-Büro nennt mehrere Faktoren für den Anstieg an Krankenhausaufnahmen, „darunter die Debatte über die Legalisierung von Cannabis (…) sowie die zunehmende Verfügbarkeit von cannabisbasierten Produkten mit hohem THC- (und niedrigem CBD-) Gehalt und synthetischen Cannabinoiden“. Änderungen des Betäubungsmittelgesetzes und die Möglichkeit für Ärzt:innen cannabisbasierte Produkte zu verschreiben, nennt der UN-Bericht auch.

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„Gerade weil mit Cannabis gesundheitliche Risiken verbunden sind, ist die Legalisierung notwendig“, erläutert Kirsten Kappert-Gonther, drogenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, dem Tagesspiegel. „Der Ansatz der Prohibition, den das UNODC verfolgt, ist gescheitert.“

Mit der kontrollierten Freigabe von Cannabis würden Jugend- und Gesundheitsschutz gestärkt. „Zurzeit ist Cannabis an jeder Straßenecke erhältlich. Auf dem illegalen Markt gibt es keinen Gesundheitsschutz“, sagt die Grünen-Politikerin. „Darum ist es notwendig, die Kontrolle über den Cannabismarkt weg vom Schwarzmarkt zu holen und in staatliche Hand zu überführen.“

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Anders sieht es Simone Borchardt, als Gesundheitspolitikerin der CDU im Bundestag für Drogenpolitik zuständig: „Ich bezweifle, dass die Bundesregierung die gesundheitlichen Folgen einer kontrollierten Abgabe von Cannabis für Genusszwecke mit der nötigen Sorgfalt im Blick hat“, sagt sie dem Tagesspiegel.

Die erhebliche Zunahme des weltweiten Drogenkonsums sei „sehr erschreckend“, sagt Borchardt. „Auch die Zunahme der Patientinnen und Patienten innerhalb der EU, die sich in Folge von regelmäßigem Cannabiskonsum psychisch behandeln lassen müssen, ist sehr besorgniserregend.“

Die drogenpolitische Sprecherin der Grünen sagt dem Tagesspiegel zum Thema der psychischen Erkrankungen: „Die Entstehung von psychotischen Entwicklungen ist multifaktoriell. Inwieweit eine Kausalität zwischen Cannabiskonsum und Psychosen besteht, ist wissenschaftlich umstritten. Klar ist: Betroffene brauchen Hilfe, ohne Strafverfolgung befürchten zu müssen.“

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