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Die Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen KZ Buchenwald bei Weimar Foto: Karina Hessland/Reuters
© Karina Hessland/Reuters

Umgang mit der Geschichte Polnische NS-Überlebende kritisieren deutsche Gedenkpolitik

An diesem Donnerstag reist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Polen. Polnische NS-Opfer und ihre Nachkommen geben ihm eine Mahnung mit auf den Weg.

Kurz vor der Reise des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nach Polen an diesem Donnerstag haben Verbände polnischer NS-Opfer und ihre Nachkommen die offizielle deutsche Erinnerungspolitik massiv kritisiert. Zwar sei es ehrenwert, dass Deutschland jetzt einen Erinnerungsort für die polnischen Opfer der deutschen Verbrechen und eine Gedenkstätte zur Geschichte der deutschen Besatzungsherrschaft insgesamt in Europa plane.

„Wir sind jedoch irritiert über die Tatsache, dass bei der Errichtung der beiden Gedenkorte Überlebende der NS-Verfolgung, ehemalige Häftlinge deutscher Konzentrationslager und NS-Gefängnisse sowie Kombattantinnen und Kombattanten der NS-Widerstandsbewegungen, nicht zur Mitarbeit eingeladen wurden“, heißt es in einem Offenen Brief an Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Beide haben für die Projekte die Federführung.

"Die Beteiligung der Nachkommen ist unverzichtbar"

Absender des Briefs sind Stanislaw Zalewski, der Vorsitzendes des polnischen „Verbands ehemaliger politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager“, Marian Kalwary, der die „Vereinigung jüdischer Kombattantinnen und Kombattanten und Geschädigter des Zweiten Weltkriegs“ leitet, Roman Kwiatkowski, Präsident des Verbandes der Roma in Polen, und Kamil Majchrzak für die polnische Delegation im Vorstand des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos.


Den Erinnerungsort für polnische Opfer hatte der Bundestag mit großer Mehrheit – außer der Koalition stimmten Linke, Grüne und FDP dafür – im Oktober des vergangenen Jahres beschlossen. Nur die AfD war dagegen. Über den ursprünglichen Plan eines Polen-Denkmals – mit dem Überfall auf Polen begann NS-Deutschland 1939 den Krieg, das Land verlor ein Fünftel seiner Bevölkerung – hatte es zuvor Auseinandersetzungen gegeben, weil Kritiker:innen eine Einteilung der Opfer nach nationaler Zugehörigkeit befürchteten. Die Ergänzung mit dem Projekt zur deutschen Besatzung löste den Konflikt schließlich.


Der Brief der polnischen Opferverbände betont die Rolle der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und ihrer Nachkommen gerade jetzt: „Die Beteiligung der Nachkommen an diesem Prozess ist unverzichtbar, denn in dem Moment, wo die Erinnerung an die Shoah zu einer Geschichte der Shoah wird, können sie die Erzählungen über die Vernichtung aus ihren diversen Erinnerungs-Perspektiven korrigieren und der zunehmenden Verharmlosung und Verfälschung der historischen Realität entgegenwirken.“
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Auch die Nachkommen der Häftlinge tragen Erinnerung weiter

Kamil Majchrzak vom Buchenwald-Komitee, dessen Großeltern bereits kurz nach dem Überfall auf Polen 1939 in den Mühlen des Nazi-Terrors kamen, erzählt seine Familiengeschichte: Sein Großvater überlebte die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und die Sklavenarbeit im tödlichen Stollen des KZ Mittelbau-Dora. 1945 wurde er in Bergen-Belsen befreit. Seine Großmutter wurde zusammen mit der einjährigen Tochter zur Zwangsarbeit in Deutschland verschleppt, sie schwieg bis zum Schluss über die dunkelsten Zeiten. "Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen", sagt Majchrzak. Er verweist auf die wachsende Rolle auch anderer Nachgeborener, die wie er im Schatten von Shoah und KZ-Erzählungen großwurden: "Natürlich geht eine Form der Zeugenschaft zu Ende, wenn die Überlebenden sterben. Aber wir sind Teil dieses Vermächtnisses." Er selbst begleitet seit Jahren Überlebende in ihrer Erinnerungsarbeit, seit zehn Jahren im Buchenwald-Komitee. Seit etwa 20 Jahren, sagt Majchrzak, änderten viele Komitees ehemaliger Lagerinsasssen deswegen ihre Satzungen und integrierten die jungen Generationen. Die meisten Gedenkstätten hätten Häftlingsbeiräte. „Dass die neuen Orte, die der Bundestag 2020 beschlossen hat, sie nicht haben, ist ein Bruch mit dieser Praxis“, sagte Majchrzak dem Tagesspiegel.

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