Auf dem Höhepunkt des Schreckens - das Bild von Ende März zeigt die Särge von Covid-Opfern in der Gemeinde Seriate nahe Bergamo, die von der Armee vor dem Abtransport desinfiziert werden. Foto: Carlo Cozzoli/imago
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Umgang mit dem Coronavirus WHO hält Italien für ein Vorbild

Höchstes Lob für Italien: Die Weltgesundheitsorganisation würdigt das Corona-Management des Landes. Was hat man dort besser gemacht als anderswo?

In diesen Tagen bekam Italien allerhöchstes Lob für seine Corona-Politik. Die UN-Weltgesundheitsorganisation stellte den italienischen Umgang mit dem Virus in einem eigenen 4,5-Minuten-Video als vorbildlich dar: Das erste westliche Land, das von der Pandemie mit Wucht getroffen wurde, sei ihr erfolgreich begegnet und könne ein Vorbild für ihre Bekämpfung werden – durch „Engagement, Koordination und gute Kommunikation zwischen Regierung und Gesellschaft“.

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Außerdem spendete Genf Lob für ein „widerstandsfähiges Gesundheitssystem und eine wissenschaftsbasierte Antwort“ Italiens auf die Pandemiekrise. Im einzelnen lässt die WHO – in Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Führungsleuten der nationalen italienischen Gesundheitsbehörde die Erfolgsfaktoren Revue passieren.

Das Land sei von Anfang an bereit zu harten Maßnahmen gewesen, erklärt deren Chef Silvio Brusaferro und verweist auf die frühe Komplettabriegelung des ersten bekannten Corona-Hotspots, der Kleinstadt Codogno. Auch den Ansteckungsverlauf habe man früh überwacht. Man habe auswärtiges Wissen ins Land geholt und viel kooperiert, sagt Flavia Riccardo, Forscherin in der Behörde.

Hohe Disziplin in der Zeit größten Leidens

Und Franco Locatelli, Mediziner und Chefberater des Gesundheitsministeriums, verweist auf Bergamo, die mit Abstand am schlimmsten getroffene Stadt, deren Sterblichkeitsrate das Virus im Frühjahr auf das Vier- bis Fünffache des normalen Jahresschnitts trieb. Diese „sehr schmerzhafte Erfahrung“ habe die Bürgerinnen und Bürger bewegt, auch „sehr harte Maßnahmen“ zu akzeptieren, sagt Locatelli, der selbst in Bergamo geboren wurde. Wochenlang durfte man im ganzen Land nur nur zum Einkaufen und Arbeiten aus dem Haus, selbst Sport war bestenfalls vor der Haustür erlaubt.

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Tatsächlich bewies Italien in den Monaten des schlimmsten Leidens hohe Disziplin im Alltag. Wie akzeptiert die Covid-Maßnahmen waren, zeigte sich unter anderem an der rasant abfallenden Beliebtheitskurve des rechtsextremen Lega-Chefs Matteo Salvini, dessen Wutreden gegen Vorsicht, Lockdown und eine tastende Regierungspolitik offenbar immer weniger Menschen hören mochten. Selbst Italiens erste Corona-Demo kürzlich schien eher von Deutschland inspiriert.

Die reiche Lombardei ist arm an Allgemeinmedizin

Dennoch: Die Zahlen zeigen auch in Italien neuerdings wieder nach oben. Und ob das Gesundheitssystem des Landes tatsächlich so robust ist wie von der WHO gepriesen, bleibt fraglich angesichts der Tatsache, dass das Virus ausgerechnet die reiche und mit Hightech-Kliniken wohlversorgte Lombardei so schrecklich schlug. Womöglich überversorgt: In mehreren Brandbriefen beklagten lombardische Allgemeinmediziner im Frühjahr, dass die Region die Basisversorgung in der Fläche zugunsten der teuren Apparatemedizin kaputtgespart habe.

Bekanntermaßen war - und ist wohl - das Krankenhauswesen eine fette Pfründe der lokalen Politik, wovon unter anderem ein einschlägiges Korruptionsurteil gegen den früheren lombardischen Ministerpräsidenten Roberto Formigoni zeugt. Einstweilen ist nur sicher, dass ein ungeheurer monatelanger Einsatz von Krankenpflegepersonal und Ärztinnen das Lob der WHO rechtfertigt. Und das bekannte Improvisationsgenie Italiens, „l’arte di arrangiarsi“, das auch in der Krise wieder sein Bestes gab.

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