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Joe Biden betritt mit seiner Frau Jill Biden erstmals als US-Präsident das Weiße Haus. Foto: Alex Brandon/Pool via REUTERS
© Alex Brandon/Pool via REUTERS

Trumps Notizzettel, Lady Gaga und ein neues Amerika So lief Joe Bidens Amtseinführung – und das folgt daraus

Einer verlässt das Weiße Haus, einer zieht ein. Es ist diesmal so viel mehr als das. Wie Joe Bidens Vereidigung die USA schon jetzt verändert.

Um 11.18 Uhr ist es soweit:. Hand in Hand mit seiner Ehefrau Jill läuft Joseph Robinette „Joe“ Biden die blau-rote Rampe an der Westseite des Kapitols hinunter, die zu dem Podest führt, an dem der 46. Präsident der Vereinigten Staaten 32 Minuten später vereidigt wird. Ein bisschen unsicher ist sein Gang, vielleicht seinen 78 Jahren geschuldet, vielleicht ist der bald mächtigste Mann der Erde aber auch einfach nur ein bisschen nervös.

Wen würde das wundern, nach dem Weg, den Joe Biden zurücklegen musste, um an dieser Stelle anzukommen, und angesichts der Herausforderungen, die nun auf ihn warten?

In vielerlei Hinsicht historisch

Beim Hinablaufen blickt das Ehepaar auf Gesichter, deren Ausdruck sich hinter den Masken nur über die Augen verrät. Auf luftige Stuhlreihen, die mit corona-angemessenem Abstand auf dem grünen Rasen aufgestellt wurden. Und auf die Grünfläche der National Mall, auf der in diesem Januar statt Hunderttausender fröhlich feiernder Menschen eng nebeneinander gepflanzte amerikanische Flaggen im eisigen Wind wehen. Diese Amtseinführung, sie ist in vielerlei Hinsicht historisch.

Die Kombination aus Pandemie und Angst vor Anschlägen enttäuschter Trump-Anhänger hat das Zentrum der amerikanischen Hauptstadt an diesem Mittwoch in einen fast unzugänglichen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Zuschauer sind nicht erwünscht, die Fernsehnation soll sich lieber zuhause vor ihren Bildschirmen versammeln.

Joe Biden schwört den Amtseid auf die Bibel. Foto: AFP Vergrößern
Joe Biden schwört den Amtseid auf die Bibel. © AFP

Jill und Joe Biden blicken auch in das Gesicht von Mike Pence, dem scheidenden Vizepräsidenten. Pence, der Biden anders als Donald Trump zu seinem Wahlsieg gratuliert hat und zu dieser ehrwürdigen Zeremonie gekommen ist. Zurück an diesen Ort, der vor genau 14 Tagen zum Tatort geworden ist. Zu einem Haus, in dem Pence um sein Leben fürchten musste, weil Trump-Anhänger ihn auf einmal als Verräter ansehen.

Neben Pence steht Kamala Harris, ihr sieht man die Freude trotz ihrer schwarzen Maske überdeutlich an: Sie schreibt Geschichte, weil sie nicht nur die erste Vizepräsidentin in der amerikanischen Geschichte wird, sondern auch die erste Afroamerikanerin und die erste asiatisch stämmige Amerikanerin in diesem Amt. Zeichen einer neuen Zeit.

Biden weiß all das, er kennt die gigantischen Hoffnungen, die nun auf ihm und seiner Stellvertreterin ruhen. Mehrfach schließt er die Augen. Am Vortag, beim Abschied aus seiner Heimatstadt Wilmington im gar nicht so weit entfernten Delaware, kamen ihm sogar die Tränen, als er an seinen verstorbenen Sohn Beau erinnert, den er jetzt eigentlich an seiner Seite hätte haben wollen. Joe Biden ist ein Mann, dem Emotionen nicht peinlich sind, der selbst Schmerz empfindet und für den anderer empfänglich ist.

Auch Barack Obama ist gekommen

Genauso wenig peinlich ist Biden, dass er nach allgemeiner Überzeugung nicht der allergrößte Redner ist, der jemals an dieser Stelle stand – auch Barack Obama ist an diesem 20. Januar unter den Zuhörern. Manchmal verhaspelt Biden sich, ab und an wiederholt er ein Wort oder setzt neu an. Und ganz bewusst spricht Biden das amerikanische Volk auch in der wichtigsten Rede seines Lebens mit „folks“ an, Leute. Er will zeigen, dass er einer von ihnen ist. Nicht abgehoben, nicht an einer Eliteuniversität ausgebildet, einfach nur „Joe“, Sohn eines Autohändlers aus Scranton, Pennsylvania. Ein bescheidener Mann als nächster US-Präsident – was für ein Unterschied zu dem Mann, auf den er folgt.

Donald Trump besteigt ein letztes Mal die Air Force One - in Richtung Florida. Foto: AFP Vergrößern
Donald Trump besteigt ein letztes Mal die Air Force One - in Richtung Florida. © AFP

Der ist zu diesem Zeitpunkt längst weg. Vor der Zeremonie, kurz vor acht Uhr Ortszeit, landet der Helikopter „Marine One“ auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Um 8.13 Uhr kommen Melania und Donald Trump, gehen zu den Journalisten, bedanken sich für die gute Zusammenarbeit, und der Immer-noch-Präsident sagt: „Ich hoffe, dass es kein langer Abschied wird.“ Wer wollte, konnte das als Ankündigung eines Comebacks verstehen. War’s das also doch nicht?

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Beide sind in Schwarz gekleidet. Er greift ihre Hand, sie besteigen den Helikopter, der hebt ab, dreht eine Runde über Washington D.C. und landet zehn Minuten später auf der „Joint Base Andrews“ in Maryland. Dort wartet in der aufgehenden Sonne die „Air Force One“.

Bis auf wenige Familienangehörige, Mitarbeiter und Freunde ist niemand zu dieser Abschiedszeremonie gekommen, auch Vizepräsident Mike Pence nicht, der ihm vier Jahre lang treu ergeben war.

Das war's. Wirklich.

Trump stellt sich ans Mikrofon und spricht ohne Teleprompter seine letzten Worte als Präsident. Er lobt seine Arbeit, verdammt das „China virus“, feiert jene 74 Millionen Wähler, die ihm am 3. November ihre Stimme gegeben haben, wünscht seinem Nachfolger „viel Glück und Erfolg“ und orakelt: „Wir werden bald in irgendeiner Weise zurück sein. Bald sehen wir uns wieder.“ Abgang von der Bühne zum Sound von „YMCA“, die Gangway hinauf ins Flugzeug und ab geht’s gen Florida, nach West Palm Beach, in seinen privaten Golfclub „Mar-a-lago“.

Das war’s. Wirklich.

[Alligatoren, Burger und Atomraketen: Die denkwürdigsten Momente des Donald Trump]

Am Abend zuvor hatte er eine 20-minütige Abschiedsrede auf Video veröffentlicht. Trump ruft zu Gebeten für den Erfolg der kommenden Regierung auf. „Wir überbringen unsere besten Wünsche und wollen auch, dass sie Glück haben.“ Den Namen seines Nachfolgers, Joe Biden, erwähnt er nicht. Stattdessen sagt er, die Bewegung, die er in Gang gesetzt habe, sei erst am Anfang. Für einige klang das wie eine Drohung.

Aber kann Trump noch drohen? Und womit? Seit 12 Uhr mittags ist er ein Ex-Präsident, ein Gewesener. So bestimmt es der zwanzigste Zusatz zur Verfassung. Er hat keinen Zugriff mehr auf den Atomkoffer, seine Worte lösen keine nationalen Eruptionen mehr aus. Auch der Immunitätsschutz, der ihn bislang vor Strafverfolgung bewahrt hat, ist weg. Nun sind diverse Verfahren anhängig. Es geht um Steuerhinterziehung, undurchsichtige Aktivitäten seines Geschäftsimperiums, Vergewaltigung, Anstiftung zum Wahlbetrug, Anstiftung zum Aufruhr. Geprüft wird, ob Trump mit seiner aufwieglerischen Rhetorik gegen Gesetze von Washington D.C. verstoßen hat.

Nähe zu Trump gilt jetzt als toxisch

Seine Niederlage bei der Wahl hat Trump hartnäckig geleugnet. Nun holt ihn die Realität mit voller Wucht ein. Er war der unbeliebteste Präsident jemals, mit einer durchschnittlichen Zustimmungsrate von 41 Prozent, aktuell 34 Prozent. Weißes Haus, Senat und Repräsentantenhaus sind in der Hand der Demokraten. Die Banken gehen auf Distanz, die Stadt New York will alle Geschäftsbeziehungen beenden. Von Twitter, wo er mehr als 88 Millionen Follower hatte, wurde er ebenso verbannt wie von Facebook, Youtube und Instagram.

Die Wendemarke markiert der 6. Januar. Es ist der Tag, an dem der Kongress endgültig das Wahlergebnis zertifizieren soll – und ein militanter Pro-Trump-Mob das Kapitol stürmt. Senatoren und Abgeordnete haben Angst um ihr Leben, blicken in den Abgrund eines ungezügelten Trumpismus. Ein Präsident, der mit Chauvinisten, Antisemiten, Verschwörungsgläubigen, Rassisten paktiert? Seitdem gilt Nähe zu Trump als toxisch. Trump hat sich selbst mit seinem Furor in die Isolation getrieben.

Trump ist weg. Doch seine Anhänger halten weiter zu ihm. Foto: AFP Vergrößern
Trump ist weg. Doch seine Anhänger halten weiter zu ihm. © AFP

Er ist tief gefallen in den vergangenen zwei Wochen. Mitleid muss trotzdem keiner mit ihm haben. Viele Demokraten fordern, dass seine Amtszeit aufgearbeitet und der Ex-Präsident zur Rechenschaft gezogen werden muss. Für seine Demagogie, die Verachtung „des Systems“, die Lügen, den Machtmissbrauch, den Versuch der Wahlmanipulation den Aufruf zur Gewalt. Daher das zweite Impeachment.

Entgegen alle Traditionen hat Trump seinem Nachfolger gerade mal eine Notiz im leeren Weißen Haus hinterlassen. Begrüßen wollte er ihn nicht, er hat ihm ja auch nicht zum Sieg gratuliert. Joe Biden scheint darüber nicht besonders unglücklich zu sein. Die Ära Trump mit all ihren Veschwörungstheorien will er mit seiner Rede vor dem Kapitol beenden, er verspricht, „die Wahrheit zu verteidigen und die Lügen zu besiegen“.

Biden will den "uncivil war" beenden

Die Rede ist keine Überraschung, und das Erstaunliche ist, dass das nach vier daueraufgeregten Jahren eine angenehme Erkenntnis ist. Joe Biden will „unity“ wiederherstellen, das Land vereinen. „Ich werde ein Präsident für alle Amerikaner sein“, sagt er. Amerika müsse diesen „uncivil war“, der nicht erst vor vier Jahren begonnen hat, den aber Trump so unerträglich auf die Spitze getrieben hat, beenden.

Erste Risse in der festgefrorenen politischen Spaltung zeigen sich bereits. Dass nicht nur Pence, sondern auch Mitch McConnell, der oberste Republikaner im Senat, an diesem Mittwochmittag da sind, ist selbstverständlich und doch erwähnenswert. McConnell war auch mit Biden im morgendlichen Gottesdienst. Die beiden kennen und schätzen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im Senat und auch aus den acht Jahren, die Biden als Vizepräsident faktisch der Vorsitzende dieser Kammer war. Wenige Stunden zuvor war zudem ein Brief von 17 neu gewählten republikanischen Abgeordneten bekannt geworden, die Biden zusichern, mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. „Wir glauben fest daran, dass das, was Amerikaner eint, so viel größer ist, als das, was uns trennen kann.“

Einige Republikaner wollen von der Wut der Basis weiter profitieren

Zu der Zeremonie sind aber auch Trump-Anhänger wie die Senatoren Ted Cruz (Texas) und Josh Hawley (Missouri) gekommen, die für die Fortsetzung des Trumpismus stehen und mit allen Mitteln verhindern wollen, dass der Ex-Präsident für seine Rolle beim Sturm auf das Kapitol zur Verantwortung gezogen wird. Sie werden der neuen Regierung das Leben schwer machen und von der Wut der Basis weiter profitieren wollen.

Er wolle das Land heilen, Biden sagt es auch an diesem Tag mehrfach.

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Man kann das wörtlich nehmen, denn das Land leidet weiter enorm unter der Corona-Krise und ihren Folgen, auch wenn die Trump-Regierung diese schon längst nicht mehr besonders ernst genommen hatte. Biden hat erklärt, dass die Bekämpfung der Pandemie oberste Priorität für ihn hat.

Es brechen neue Zeiten an

Am Vorabend der Amtseinführung stehen Joe Biden und Kamala Harris am Reflection Pool vor dem Lincoln Memorial, mit Blick auf das ein paar Kilometer entfernte Kapitol, und gedenken der 400 000 Menschen, die der Pandemie bereits zum Opfer gefallen sind. Bald werden in den USA mehr Menschen an der Pandemie gestorben sein als im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine leise, würdevolle Zeremonie, bei der Lichter entzündet werden und Biden nur kurz spricht. Es ist zudem die erste nationale Gedenkzeremonie seit Beginn der Pandemie.

Schon bevor sie überhaupt die Regierungsgeschäfte übernehmen, machen Biden und Harris klar: Das hier wird anders.

Lady Gaga singt die Nationalhymne. Foto: AFP Vergrößern
Lady Gaga singt die Nationalhymne. © AFP

Dieses Neue spürt man auch bei der Zeremonie vor dem Kapitol, bei der Lady Gaga die Nationalhymne schmettert und Jennifer Lopez inbrünstig „This Land is Your Land“ und dann „America the Beautiful“ singt, unterbrochen von einem Ausschnitt des Fahneneids – auf Spanisch. Die Regierung Biden, das wird auch das inklusivste Kabinett sein, das die Vereinigten Staaten jemals regiert hat, ein Kabinett, das die Vielfältigkeit dieses Einwandererlandes endlich zur Kenntnis nimmt.

Wie ernst es Biden mit seinem Neuanfang ist, macht er gleich am Mittwoch klar. Am ersten Tag seiner Amtszeit will er im Oval Office nach Angaben seiner Mitarbeiter mehr Regierungserlasse unterzeichnen, als es je ein US-Präsident getan hat. 17 sollen es am Ende des Tages sein, mit denen die USA unter anderem dem Pariser Klimaschutzabkommen und der Weltgesundheitsorganisation wieder beitreten sowie der Einreisestopp für Menschen aus überwiegend muslimischen Ländern beendet wird. In Amerika beginnt eine neue Zeit.

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