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Die lokalen Helfer der Bundeswehr - hier ein Dolmetscher in Kundus im Jahr 2011 - sind nach dem Vorrücken der Taliban extrem gefährdet. Foto: dpa
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„Totales Chaos“ in afghanischer Stadt Taliban erobern Kundus – den Symbolort deutscher Afghanistan-Politik

Kein Ort in Afghanistan ist so eng mit dem Bundeswehreinsatz verbunden wie Kundus. Jetzt herrschen dort die Taliban. Für wie lange?

Als das Erkundungsteam der Bundeswehr für den Aufbau eines Feldlagers im September 2003 auf dem Flughafen von Kundus landete, schien die Zukunft der Provinzhauptstadt im Norden Afghanistans gesichert. Hindernisse für das Anrücken eines größeren deutschen Verbandes und den Aufbau eines „Provincial Reconstruction Teams“ zur wirtschaftlichen Stärkung der Region fand der Leiter des Erkundungsteams nicht, wie der „Spiegel“ damals berichtete.

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Allerdings warnte ein Scharia-Richter namens Rahmani die Deutschen: „Wenn ihr einen Plan habt wie die Russen, werdet ihr auch ihr Schicksal erleiden.“

Die Sowjets hatten sich nach zehn Jahren Krieg und Besatzung Ende 1989 aus Afghanistan zurückziehen müssen. Die westlichen Koalitionstruppen hatten womöglich andere Pläne als die Sowjets. Sie blieben zehn Jahre länger im Land als sie – erreichten ihre Ziele aber auch nicht.

Die Provinzhauptstadt Kundus, aus der die Bundeswehr im November endgültig abzog, ist in den Jahren seit 2004 auf rund 370.000 Bewohner gewachsen. Am Wochenende fiel die Stadt nach langer Belagerung und heftigen Kämpfen an die radikal-islamischen Taliban.

„Totales Chaos“ herrsche, berichtete Einwohner Schekib Salarski am Telefon. „Die Leute von der Regierung sind geflohen. Die Taliban haben Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen. Wir haben weder Wasser noch Strom. Die Straßen sind gesperrt. Keiner kann die Verletzten in die Krankenhäuser bringen.“

In der Region Kundus erlebte die Bundeswehr mehr Angriffe als in anderen Teilen Afghanistans. Im Distrikt Charrah Darreh kam es 2010 zu schweren Gefechten - im Bild die "Höhe 432", die von der Bundeswehr gehalten wurde. Foto: dpa Vergrößern
In der Region Kundus erlebte die Bundeswehr mehr Angriffe als in anderen Teilen Afghanistans. Im Distrikt Charrah Darreh kam es 2010 zu schweren Gefechten - im Bild die "Höhe 432", die von der Bundeswehr gehalten wurde. © dpa

Schon wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte die rot-grüne Koalition erstmals Soldaten an den Hindukusch geschickt – sie unterstützten US-Kräfte beim Kampf gegen die Taliban. Nach den Angriffen auf die USA, die von Afghanistan aus gesteuert wurden, hatte Kanzler Gerhard Schröder den USA „uneingeschränkte Solidarität“ zugesagt. Zwei Jahre später wählte die Bundesregierung den Norden des Landes für einen größeren Bundeswehreinsatz, weil die Region im Vergleich zu dem heftig umkämpften Süden damals noch als relativ sicher galt.

Die deutsche Regierung war massiv unter Druck geraten. Schröder und der grüne Außenminister Joschka Fischer widersetzten sich dem Irakkrieg von US-Präsident George W. Bush. Die Mission in Kundus und anderen Provinzen sollte nicht nur vor Terroristen schützen, wie der damalige Verteidigungsminister Peter Struck betonte („Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt“).

Bündnispflicht der Deutschen

Sie war auch ein Zeichen an die Amerikaner, dass Deutschland ungeachtet des Streits um den Irakkrieg seine Bündnispflichten erfüllen wollte. Vom „Nation building“, also massiven Investitionen in den zivilen Aufbau des Landes, dem auch die „Provincial Reconstruction Teams“ dienten, wollte die auf Irak konzentrierte US-Regierung zum Leidwesen der Deutschen aber lange nichts wissen. Sie konzentrierte sich auf die Jagd nach den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins.

Kundus war schon immer ein Handelszentrum und ein Verkehrsknoten des Drogenhandels. Mit den Machthabern des Opiumsgeschäfts legte sich die Bundeswehr nicht an, doch ihre Soldaten gerieten trotzdem in Gefahr. In der Provinz mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Paschtunen sympathisierten viele mit den Taliban. Nirgendwo fielen mehr Deutsche als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan.

Nahe Kundus erlebten deutsche Soldaten 2010 ihr schwerstes Gefecht seit dem Zweiten Weltkrieg („Karfreitagsgefecht“), drei Fallschirmjäger starben dabei. Der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: „Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen. Das war eine Zäsur – nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.“

Der von einem deutschen Oberst angeforderte Luftangriff auf zwei Tanklastzüge nahe Kundus schockierte im Jahr 2009 die deutsche Öffentlichkeit. Foto: dpa Vergrößern
Der von einem deutschen Oberst angeforderte Luftangriff auf zwei Tanklastzüge nahe Kundus schockierte im Jahr 2009 die deutsche Öffentlichkeit. © dpa

Ähnlich schockiert wie auf die Gewalt gegen die eigenen Soldaten reagierte die deutsche Öffentlichkeit auf die Gewalt, die die Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban ausübte. Als ein deutscher Oberst nahe dem deutschen Lager in Kundus 2009 zwei Tanklaster bombardieren ließ, nannte der „Spiegel“ den Vorgang „ein deutsches Verbrechen“.

Propagandaerfolg der Taliban

Jüngst bezweifelten allerdings zwei Richter des Bundesgerichtshofs, dass dabei mehr als 100 Menschen, darunter viele Zivilisten und Kinder, umgekommen seien. Diese Darstellung nannten sie „einen Propagandaerfolg der Taliban“.

Muss man angesichts des faktischen Scheiterns der Intervention zu dem Schluss kommen, dass sich Deutschland nicht an diesem Einsatz hätte beteiligen sollen? „Wir sitzen hier am Tisch und räsonieren im Nachhinein“, hat Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) zu dieser Frage kürzlich dem „Spiegel“ gesagt.

[Mehr zum Thema: Bundeswehr-Abzug aus Afghanistan - Mahmoud half den Deutschen, die Taliban wollen ihn ermorden (T+)]

„In der Situation, in der wir waren, gab es keine andere Entscheidung, die vernünftig gewesen wäre.“ Er fügte hinzu: „Ganz so erfolglos, wie Sie es jetzt darstellen, war es nicht. Denken Sie an die vielen Schüler und vor allem Schülerinnen, die trotz widrigster Umstände innerhalb der letzten 20 Jahre in Afghanistan Bildung und Ausbildung erfahren haben, die sie unter dem Regime der Taliban nie gehabt hätten.“

Womöglich hält der Westen auch bei einem vollständigen Sieg der Taliban weiter Hebel in der Hand, mit denen er Einfluss auf die Entwicklung des Landes ausüben kann. Zumindest setzt die Bundesregierung auf die Einsicht der Taliban in ihre Abhängigkeit vom Ausland. Denn Kabuls Staatshaushalt wird zu großen Teilen von Geldgebern jenseits der Grenzen finanziert, ohne diese internationalen Transferzahlungen könnten die Islamisten der Bevölkerung wenig bieten.

Allein deshalb, so die Hoffnung, müssten sie bereit sein, wenigstens Basisrechte zu gewähren und zu verhindern, dass von Afghanistan aus länderübergreifender Terrorismus organisiert wird.

Bei den schweren Gefechten zwischen Taliban und Regierungstruppen wurden in Kundus auch Geschäfte zerstört. Die Taliban setzten sich durch. Foto: dpa Vergrößern
Bei den schweren Gefechten zwischen Taliban und Regierungstruppen wurden in Kundus auch Geschäfte zerstört. Die Taliban setzten sich durch. © dpa

Allerdings häufen sich gerade Meldungen über brutale Gewalt- und Racheakte vorrückender Taliban gegenüber Zivilisten, ehemaligen Gegnern und Andersdenkenden. Die Berichte über Gräueltaten der Taliban seien „zutiefst verstörend und vollkommen inakzeptabel“, urteilte US-Außenminister Antony Blinken kürzlich – es klang so, als ob er von der Entwicklung überrascht sei. Laut dem US-Außenministerium sind die Taliban für die meisten der „grauenhaften Gewalttaten“ im Land verantwortlich. Sie würden kaum Rücksicht auf das Leben oder die Rechte des afghanischen Volkes nehmen.

Vor fast genau sechs Jahren, im September 2015, waren schon einmal rund 1000 Taliban-Kämpfer in das Stadtzentrum von Kundus vorgedrungen. In der kurzen Zeit vor der Wiedereroberung der Stadt durch die Regierungstruppen begingen sie schwerste Verbrechen, ermordeten Zivilisten, vergewaltigten Gruppen von Frauen, entführten Menschen und übten damit eine „Schreckensherrschaft“ über die Stadt aus, erklärte Amnesty International damals.

Ein früher in Kundus eingesetzter deutscher Diplomat sagte dem Tagesspiegel, er denke angesichts der Nachricht von der Erstürmung der Stadt an die Afghanen, mit denen er damals zusammengearbeitet habe. Er hoffe und sei zuversichtlich, dass sie sich alle im Ausland in Sicherheit gebracht hätten. Die Bundesregierung hat zugesichert, ehemalige Ortskräfte in Deutschland aufzunehmen – zu wenige, wie Kritiker meinen.

Seit der neuen Erstürmung vor sechs Jahren hat sich viel geändert: Die westlichen Truppen sind aus dem Land abgezogen, die afghanische Armee ist weiter demoralisiert und leistet den vorrückenden Aufständischen selten erfolgreich Widerstand. Es ist unwahrscheinlich, dass die Regierungskräfte wieder zurückschlagen. Der Symbolort deutscher Afghanistan-Politik – er dürfte auf lange Zeit von den Taliban beherrscht werden.  (mit dpa)

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