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Vier Quadratmeter Platz hat eine Familie in den oft überfluteten oder zerfetzten Zelten im neuen Lager Kara Tepe auf Lesbos. Foto: Anthi Pazianou/AFP
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„Tiere haben mehr Rechte als wir“ Auf Lesbos droht tausenden Flüchtlingen ein brutaler Winter

Nach dem Brand im Lager Moria versinkt auch das neue Camp Kara Tepe im Elend. Die Flüchtlinge sprechen von „Vorhölle“. Vor allem die Kinder leiden.

Katrin Glatz-Brubakk hat schon viel gesehen. Die Kinderpsychologin arbeitet immer wieder für „Ärzte ohne Grenzen“ auf der griechischen Insel Lesbos. Sie hat das Elend im Flüchtlingslager Moria erlebt, die Gewalt, die Überfüllung. Doch eines kannte sie bislang nicht.

„Seitdem die Kinder das schlimme Feuer in Moria miterlebt haben, stehen sie nachts auf und fangen an schlafzuwandeln, weil sie sich retten wollen“, sagt sie. Viele Eltern würden ihr Kind an sich binden, weil die Mädchen und Jungen auch zum nahe gelegenen Meer laufen.

Wer mit Helfern wie der Norwegerin Glatz-Brubakk spricht, dem wird klar: Moria ist zwar im September abgebrannt – doch die Hoffnung auf ein Ende des Elends der Migranten und Flüchtlinge auf Lesbos hat sich damit nicht erfüllt. Im neuen, provisorischen Lager auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kara Tepe hausen rund 7500 Menschen, darunter viele Kinder, Schwangere und Kranke.

Glatz-Brubakk wird oft gefragt, wie denn der Vergleich des alten Flüchtlingslagers Moria mit dem neuen in Kara Tepe ausfalle. Sie sagt dann: „Man kann zwei Alpträume nicht miteinander vergleichen.“

Kara Tepe, das war zu Zeiten des Horrorcamps Moria das Vorzeigelager von Lesbos. Von der Kommune unterhalten, wurden dort im kleinen Rahmen vor allem vulnerable Familien betreut. Helfer und griechische Inselbewohner waren in Gesprächen mit dem Tagesspiegel 2019 noch voll des Lobes. Doch seitdem die Tausenden von Migranten und Flüchtlingen nach dem verheerenden Feuer von Moria umgesiedelt wurden, hat sich auch hier die Lage verschlechtert.

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Schnell wurde auf dem bis vor kurzem betriebenen Truppenübungsplatz ein provisorisches Camp aus dem Boden gestampft. Das Lager besitze „keinen Stromanschluss, kein warmes Wasser, erst seit kurzem kalte Duschen, kein Abwassersystem“, berichtet Nicolas Perrenoud von der Schweizer Hilfsorganisation „One Happy Family“ (OHF), der schon lange auf der Ostägäisinsel nahe der türkischen Küste lebt. Manche Menschen in Kara Tepe hätten seit Monaten nicht geduscht.

Im Camp redeten wegen der Zustände alle von „Neu-Moria“, erzählt Glatz-Brubakk. Die Kinderpsychologin hält während des Telefonats mit dem Tagesspiegel in der nahe gelegenen Inselhauptstadt Mytilini das Handy in der einen und die Einkaufstüte in der anderen Hand.

Die 50-Jährige nutzt die kurzen Öffnungszeiten während des Corona-Lockdowns, um schnell ein paar Geschenke für Weihnachten zu besorgen. „Ja, bitte die Handschuhe.“ Es ist ein Geschenk für Flüchtlingsfreunde, sagt sie, denn im Camp ist es kalt. Nachts sind es fünf, sechs Grad, und es gibt kein Licht und keine Heizung, und wenn es einen Elektroheizer gebe, dann fehlte oft der Strom. Dafür aber jede Menge Wasser, jedenfalls auf dem Boden der Behausungen.

Überflutete Zelte, umgekippte Plastikklos

Katrin Glatz-Brubakk sendet Fotos vom Handy nach Berlin: Es sind vom Regen überflutete Zeltböden, Schuhe schwimmen in den Fluten. Es sind im Sturm umgekippte Plastikhäuschen-Toiletten, die Fäkalien ergießen sich in den Matsch. Es sind zerfetzte Zelte der UNHCR, die dem Sturm in Kara Tepe direkt am Mittelmeer auch nicht aushalten.

Eine Frau trägt ein Kind aus dem brennenden LAger Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: ANGELOS TZORTZINIS/AFP Vergrößern
Eine Frau trägt ein Kind aus dem brennenden LAger Moria auf der griechischen Insel Lesbos. © ANGELOS TZORTZINIS/AFP

Wenn ein Zelt überflutet werde, versuchten die Menschen, den Boden mit Hacke und Spaten trockenzulegen. „Eine Familie hat ungefähr vier Quadratmeter Platz“, sagt Glatz-Brubakk. „Das heißt, sie muss auf der Größe eines Doppelbettes leben, kochen, die Kinder erziehen, schlafen.“

Für Entsetzen sorgten auch die Berichte, wonach Babys in ihren Zelten von Ratten gebissen würden. Der griechische Migrationsminister stritt das ab. Doch Christina Chatzidaki, die sich seit 20 Jahren auf ihrer Heimatinsel Lesbos für Geflüchtete und Migranten engagiert, hält die Berichte für authentisch. Mit ihrem Verein „Syniparxi“ versorgt sie die Menschen in Kara Tepe. Sie berichtet zudem von viel Streit im Lager, von Aggressivität, sich prügelnden Bewohnern.

Trotz der rund 300 Polizei- und Sicherheitskräfte kommt es zu sexualisierter Gewalt gegen Jungen, Mädchen und Erwachsene. Jüngst soll ein dreijähriges Mädchen vergewaltigt worden sein. Es wurde verletzt und bewusstlos in einem Container gefunden. „Wo sind die Polizisten, wenn solche Dinge passieren?“, fragt Chatzidaki.

Flüchtlinge zwischen Zelten in Kara Tepe. Foto: AFP Vergrößern
Flüchtlinge zwischen Zelten in Kara Tepe. © AFP

Die Lage minderjähriger, unbegleiteter Flüchtlinge ist besonders prekär. Doch Helfer können sie hier schlechter unterstützen als noch im Lager Moria. „Im alten Camp haben wir vor allem versucht, ihnen zu helfen, indem wir sie aus dem Camp herausholen, sodass sie besser geschützt sind“, sagt Chatzidaki.

„Das geht jetzt wegen der Quarantäne nicht mehr. Wir dürfen keine Kinder aus dem Lager herausholen, es gibt auch keine besonders geschützten Orte mehr für sie.“ Zwar hätten sich viele europäische Staaten bereiterklärt, junge Flüchtlinge aufnehmen. „Aber mit immer neuen Flüchtlingsbooten kommen auch immer weitere Minderjährige.“

Deutschland hat seit März insgesamt 1518 Migranten aus Griechenland aufgenommen. Die Forderungen nach einer deutlich großzügigeren Aufnahme reißen jedoch nicht ab. Vor wenigen Tagen erst forderten mehr als 240 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen außer der AfD in einem „Weihnachtsappell“ neben einer „europäischen Lösung“ eine verstärkte Aufnahme von Migranten aus Griechenland in Deutschland.

In einem bitteren „Weihnachtsgruß“ haben sich nun die Flüchtlinge auf Lesbos an die europäische Öffentlichkeit gewandt. „Oft lesen und hören wir, dass wir in diesen Lagern wie Tiere leben müssen, aber wir denken, dass das nicht stimmt“, heißt es darin.

Eine Frau sitzt auf einem Baumstamm in einem Zwischenlager neben dem Lager Moria. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Eine Frau sitzt auf einem Baumstamm in einem Zwischenlager neben dem Lager Moria. © picture alliance/dpa

„Wir haben die Gesetze zum Schutz der Tiere in Europa studiert und wir haben herausgefunden, dass sogar sie mehr Rechte haben als wir.“ Die Versprechen auf bessere Bedingungen im neuen Lager hätten sich nicht erfüllt – ebenso wenig die Hoffnung, dass ihre Asylverfahren endlich beschleunigt würden. „Stattdessen sitzen wir hier in der Vorhölle und haben nichts anderes zu tun als zu warten.“

Suizidversuche haben stark zugenommen

Das Elend und die Aussichtslosigkeit hinterlassen Spuren. Einem Bericht des International Rescue Committee (IRC) zufolge haben Selbstverletzungen und Selbstmordversuche seit März 2018 unter den Flüchtlingen auf Lesbos stark zugenommen.

Vor allem die Lockdown-Bedingungen wirkten sich negativ auf die Psyche der Menschen aus, heißt es, die auf der griechischen Insel in überfüllten Camps seit Monaten praktisch unter Quarantäne stehen. Um 66 Prozent seien die Verletzungen gestiegen, die sich die Geflüchteten selbst beigebracht hätten.

In der Enge des Lagers bleiben psychotische Schübe nicht unentdeckt. So landen die Menschen oft bei einem der Psychologen und Psychiater des IRC, die in Praxen außerhalb des Lagers Therapien anbieten. Kiki Michailidou koordiniert das fünfköpfige IRC-Team auf Lesbos. Etwa 900 Personen hätten sie seit 2018 in Behandlung gehabt, berichtet die griechische Psychologin am Telefon.

Dreiviertel von ihnen hätten Symptome psychischer Krankheiten aufgewiesen. 41 Prozent litten unter traumatischen Erlebnissen, 35 Prozent gaben an, Selbstmordgedanken zu hegen und 18 Prozent hatten sogar Versuche unternommen, sich das Leben zu nehmen. Seit die Corona-Pandemie im März mit weitgehenden Ausgangssperren auf Lesbos beantwortet wurde, wuchs die Zahl der psychotischen Patienten um 71 Prozent an, sagt Kiki Michailidou. Die Isolation habe die psychische Belastung verstärkt durch „das Unbekannte“, wie sie sagt.

Zu den schlechten sanitären Bedingungen, der Enge und zunehmenden Gewalt untereinander sei die totale Unwissenheit hinzugekommen, wie es überhaupt weitergehen werde.

Viele Familien, sagt Michailidou, müssten ständig auf der Hut sein, um Selbstmordversuche ihrer Angehörigen zu verhindern. Nachts schlichen sich die Menschen, die nicht mehr weiterwüssten, aus den Zelten, liefen zum nahe gelegenen Meer in der Absicht, sich zu ertränken.

Die EU-Kommission betont unterdessen, nach dem Moria-Brand sei Kara Tepe in „Rekordzeit“ aus dem Boden gestampft worden und habe alle obdachlos gewordenen Menschen aufnehmen können. Dies sei damals Priorität gewesen. Derzeit arbeite man mit den griechischen Behörden und anderen Organisationen daran, die Bedingungen zu verbessern.

So seien mittlerweile alle Zelte winterfest und Heizungen für jedes Zelt sollten bald verteilt werden. Die Anzahl an Duschen und Toiletten sei seit Oktober deutlich erhöht worden. Ebenso werde der Schutz vor Überschwemmungen gerade fertiggestellt. Am Elektro-, Wasser- und Abwassernetz werde gearbeitet. Die Bewertung der Lage ist in Brüssel deutlich anders als vor Ort.

Eine Dauerlösung soll das Camp Kara Tepe ohnehin nicht sein. Bis September 2021 soll auf Lesbos ein geschlossenes Camp entstehen. Irgendwo versteckt in den Bergen, denn auch die Geduld der einheimischen Griechen ist am Ende angesichts der Zustände, den nicht abreißenden Bootsankünften.

Helfer sehen die Pläne für das neue Camp kritisch. „Sie wollen diese Menschen wegschließen, damit sie keiner mehr sehen muss“, meint etwa Chatzidaki. „Sie sagen, es wird ein sehr gutes Camp, ein luxuriöses Camp – aber es ist und bleibt ein Gefängnis.“

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