Thomas Sattelberger (68) ist Betriebswirt und war in verschiedenen deutschen Großkonzernen für Personal und Bildung zuständig. Als Vorstand der Telekom führte er die Frauenquote in Führungsetagen ein. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Thomas Sattelberger "Härte gehört dazu, wenn es um ernste Fragen geht"

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Der Ex-Manager und FDP-Abgeordnete Sattelberger vergleicht die laufenden Sondierungen mit Tarifverhandlungen - und spricht über eine Frauenquote in der FDP.

Herr Sattelberger, hinter Ihnen liegt eine Karriere in den Top-Etagen der Wirtschaft. Jetzt sind Sie 68 Jahre alt und für die FDP in den Bundestag eingezogen. War dem Rentner Sattelberger langweilig geworden?

Nein. Dem Sattelberger ist als Manager viel begegnet, was ihn politisch bis aufs Blut gereizt hat. Ich habe versucht, gut ausgebildete Software-Entwickler aus Indien hierherzuholen und bin auf in Beton gegossene Einwanderungshürden gestoßen. Ich wollte junge Menschen mit Hartz-IV-Hintergrund in der Berufsausbildung finanziell gleichstellen und bin nur gegen ministerielle Mauern gerannt. Und dann die deutschen Hochschulen, wo man ganze Generationen zu Angestellten erzieht, aber kaum jemanden zum Gründer oder Unternehmer … Das für unseren Wohlstand elementare Thema Digitalisierung hat die Politik zehn Jahre lang verschleppt!

Es tut mir von Herzen weh, wenn ich sehe, wie dieses Land auf der Stelle tritt. Ich habe erlebt, dass den Verantwortlichen in der Politik die Probleme vollkommen bewusst sind. Nur getan haben sie nichts, sie haben sich unter der Bettdecke verkrochen. Die will ich jetzt wegziehen, gerne mit vielen Gleichgesinnten. Ich bin gesund, voller Energie, finanziell unabhängig und habe eine Karriere hinter mir. Ich habe keine Angst, nicht mehr wiedergewählt zu werden. Und ich denke, acht Jahre schaffe ich locker.

Im Bundestag gibt es Lehrer, Juristen und Verwaltungsleute. Warum keine Manager?

In der Politik kann man noch schneller verbrennen als in Top-Jobs der Unternehmen. Vielen fehlt die Courage oder der Anreiz, mitten in der Wirtschaftskarriere und ohne beamtenrechtliche Rückkehrgarantie in die Politik zu gehen. Hinzu kommt: In der Politik entscheidet oft nicht die eigene Kompetenz über eine weitere Karriere, sondern Wählervotum und Koalitionsarithmetik. Und dann ist es auch kein Zuckerschlecken, wenn man in den Parteigremien, die einen ja nominieren müssen, danach beurteilt wird, wie lange man schon Plakate klebt.

Man muss noch mal ganz von vorne anfangen, auch nach ein paar Jahrzehnten im Top-Management. Ich kann diese Ochsentour-Erfahrung dennoch jungen und jung gebliebenen Managern empfehlen. Auch in innovativen Unternehmen geht der Trend dahin, dass Führungskräfte nicht mehr von oben ernannt, sondern von ihren Mitarbeitern beurteilt oder auf Zeit gewählt werden. Praktische Demokratieerfahrung ist eine prima Grundausbildung.

Politik ist kein Vorstandsbüro, hier muss man um Mehrheiten kämpfen und kann niemanden anweisen. Fürchten Sie nicht, dass Sie das frustrieren wird?

Ach wissen Sie, ich hab’ mal bei der Telekom gearbeitet. Seither weiß ich, wie es ist, wenn man bei großen Tankern den Kurs ändern will. Das geht schwer und dauert lange. Aber ich habe gelernt, Bürokratien zu reiten, auch in meiner Zeit bei der Lufthansa. Es scheint also mein Schicksal zu sein, dass ich immer daran geglaubt habe, schwerfällige Riesen bewegen zu können. Eines ist klar: Als Hinterbänkler Zeit abreißen, das ist nicht mein Ding.

Was wollen Sie konkret bewegen?

Wir haben nicht mehr viel Zeit. Deutschland befindet sich in einer Sandwichposition zwischen den USA mit all’ ihren digitalen Innovationen und China, das uns mit seiner wachsenden Expertise als Maschinen- und Digitalhaus immer mehr auf die Pelle rückt. Unser heute noch komfortabler Wohlstand ist ernsthaft in Gefahr, wenn wir nicht handeln. Wir müssen das Arbeitsrecht modernisieren, das derzeit zwar den Scheinselbstständigen in der Schlachterei vor Ausbeutung schützt, selbstbewussten Programmierern aber Fesseln anlegt.

Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass wir Digitale Valleys, also Innovationsregionen, in Deutschland entwerfen und wachsen lassen können. Und, ganz klar, in der Bildung muss sehr viel passieren. Wir brauchen komplett neue Lernformate für Schulen, Berufsschulen und Hochschulen, also auch eine grundlegend neue Aus- und Fortbildung für Lehrer auf allen Ebenen. Programmieren muss die fest verankerte vierte Kulturtechnik werden neben Rechnen, Schreiben, Lesen. Da darf der Bund nicht Melkkuh der Bundesländer sein.

Ein Ex-Manager geht in die marktradikale FDP. Das passt, nicht wahr?

In Vorurteile passt das auf jeden Fall. Wenn ich irgendwo mit Gewerkschaften auftrete, dann heißt es: Naja, der Neoliberale kommt. Ich bin aber vor eineinhalb Jahren in die FDP eingetreten, weil das die einzige Partei ist, die das Wort Freiheit noch buchstabiert. Wo man hinschaut, dominieren Absicherung und Verteidigung des Status quo. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass die Digitalisierung unser Leben verändern wird.

Damit es lebenswert bleibt, helfen keine Abwehrdebatten, sondern das Nachdenken über neue Wege. Das gefällt mir an der FDP: dieses Mutige, das den Menschen als Architekt des eigenen Lebens mit seinen Talenten und Möglichkeiten in den Mittelpunkt stellt. Anfang der 90er Jahre habe ich selbst erste Konzepte entwickelt, wie Unternehmen für Mitarbeiter als „Unternehmer ihrer Talente“ attraktiver werden – jenseits von Gehalt und Festanstellung. Genau darum geht es jetzt auch.

Die Wähler haben der FDP vor vier Jahren den Laufpass gegeben. Nun nennen Sie sich nicht mehr Liberale, sondern Freie Demokraten, tragen Magenta statt Blau-Gelb und Ihr Chef heißt Lindner statt Westerwelle. Was ist anders an Ihrer FDP als an der früheren?

Ich war ja nicht in Westerwelles Partei. Aber man sagt, da wurde wenig über Inhalte und viel über Posten geredet. Das erlebe ich in meiner FDP gerade umgekehrt. Auch das Programm ist thematisch viel ausgewogener, als es in der früheren FDP war. Statt immer nur über Steuern reden wir sehr intensiv über Modernisierung, Bildung und Digitalisierung.

Die FDP will nicht mehr Partei der Starken, der Besserverdienenden sein?

Ich meine: Parteipräferenz hat nicht unbedingt etwas mit dem wirtschaftlichen Status zu tun. Es geht vielmehr um die Sicht auf das Leben. In meinem Wahlkampf habe ich sehr viele FDP-Mitglieder und -Wähler kennengelernt, die Techniker, Handwerker, Spezialisten oder einfach nur Angestellte waren. Die sagen: Dem Land geht’s gut, wir wollen, dass das so bleibt. Viel größere Sorgen macht mir, dass es in der FDP so wenige Frauen gibt.

80 Abgeordnete zählt die FDP-Fraktion im Bundestag. Nur 18 davon sind Frauen. Begeistert Freiheit in erster Linie Männer?

Bestimmt nicht. Telekommunikation hat ja auch nichts mit Männern zu tun, und trotzdem gab es kaum Frauen in Führungspositionen, als ich bei der Telekom als Personalvorstand anfing. Ich glaube eher, dass ein zu enger Fokus auf wirtschaftliche, finanzielle und technologische Themen und damit eine Vernachlässigung von sozialen Themen dazu führt, dass Frauen sich von uns nicht so angesprochen fühlen. Dazu kommt, dass politisch engagierte Frauen mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden wollen. Das fängt mit der Frage an, wie leicht es Müttern junger Kinder gemacht wird, an Gremiensitzungen und Parteiarbeit teilzunehmen.

Und dann die Diskussionskultur: Wo ein zügelloser Debattenstil herrscht und man sich gegenseitig über den Mund fährt, nehmen viele Frauen eher Abstand. Die FDP hat in der Frauenfrage eindeutig ein Defizit. Daran müssen wir arbeiten. Über unsere politische Agenda und auch über unsere Debattenkultur. Denn nur, wenn wir zeigen, dass die Stimmen der Frauen bei uns gehört werden und mehr Frauen vorankommen können, werden wir auch mehr Frauen überzeugen, uns zu wählen. Und das wird für die Nachhaltigkeit unseres Comebacks im Jahr 2021 mitentscheidend sein.

Sie waren der erste Vorstand eines Dax- 30-Unternehmens, der eine explizite Frauenquote im Management eingeführt hat. Haben Sie Christian Lindner schon davon überzeugt, dass es das bald auch in der FDP-Fraktion geben muss?

Nein. Die Quote ist kein Allheilmittel. Auch die Parteien, die längst eine Quote haben, kämpfen damit, ihren Frauenanteil in Führungspositionen zu sichern. Spricht irgendjemand ernsthaft in der SPD darüber, welche Frauen das Zeug dazu haben, an die Spitze der Partei zu treten? Quoten haben nicht dazu geführt, den dringend nötigen Mentalitätswechsel herbeizuführen. Aber den brauchen wir, wenn wir verhindern wollen, dass Frauen in der Quoten-Sackgasse stecken bleiben.

Die Führungskultur ist das Nadelöhr. Es ist im Prinzip in den Unternehmen wie in den Parteien: Entweder die Führung nimmt das Thema ernst und stößt Veränderungen an oder nicht. So war es bei der Telekom. Ich will nicht ausschließen, dass auch wir in der FDP irgendwann zu der Überzeugung kommen, dass eine Quote sinnvoll ist. Nur an den Beginn der Diskussion sollten wir sie nicht setzen.

Die Einführung von Frauenquoten in großen Unternehmen wurde in der vergangenen Legislaturperiode als großer Erfolg gefeiert. Gerade weil sich zuvor in den Führungsetagen trotz gesellschaftlicher Debatte zu wenig geändert hatte.

Dass es nun eine verbindliche Quote in den Aufsichtsgremien börsennotierter Unternehmen gibt, finde ich richtig. Allerdings lehne ich gesetzliche Quoten im Management von Konzernen ab und jegliche derartigen ordnungspolitischen Eingriffe in mittelständische, familiengeführte Unternehmen. Darauf habe ich übrigens schon im Jahr 2010 hingewiesen.

Was sollte denn der Gesetzgeber in Zukunft noch unternehmen, um die Stärkung von Frauen in der Gesellschaft zu unterstützen?

Auf keinen Fall weitere Quoten-Regelungen! Vielmehr sollte sich die nächste Regierung mit der Verbesserung von Bedingungen für die Beschäftigung von Frauen befassen. Vor allem die Arbeitszeit muss gesetzlich flexibler gestaltet werden, damit Sozialpartner und Unternehmen mehr Möglichkeiten haben, mit Frauen und Männern individuelle Regelungen zu treffen. Und jeder, der seine Kinder ganztags betreuen oder sie lernen lassen möchte, dem muss diese Möglichkeit offenstehen.

Herr Sattelberger, drei Wochen haben Union, Grüne und Ihre Parteispitze bislang Sondierungsgespräche zur Bildung einer Jamaika-Koalition geführt. Bis zum Schluss gab es heftige gegenseitige Anwürfe. Ist das ein Klima, in dem man vier Jahre lang miteinander regieren kann?

Natürlich. Denken Sie an Kooperations- oder Übernahmeverhandlungen zwischen Unternehmen. Was glauben Sie, wie es da zugeht? Oder Tarifverhandlungen: Da wird mit härtesten Bandagen gekämpft. Dagegen sind die Jamaika-Sondierungen wahrscheinlich sehr zivilisierte Gespräche. Und trotzdem konnten sich die Tarifpartner hinterher wieder in die Augen sehen und die nächsten Schritte gehen. Härte gehört dazu, wenn es um ernste Fragen geht. Man vertritt schließlich die Interessen von Menschen. Ich glaube fest daran, dass wir aus Konflikten Kooperation machen können.

Thomas Sattelberger ist Betriebswirt und war in verschiedenen Großkonzernen für Personal und Bildung zuständig. 2015 (und nicht 2016!) trat er in die FDP ein, kandidierte in Bayern für den Bundestag - und errang gleich ein Mandat.

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