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Viele indische Arbeiter sollen in ihre Heimatdörfer zurückkehren, doch die Angst vor Armut ist größer als die vor dem Virus. Foto: Danish Siddiqui/Reuters
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Syrien, Indien, Südafrika, Iran Die vergessenen Länder in der Coronakrise

Johannes Dieterich

Einige von Krisen und Kriegen geplagte Länder gehören zu den Vergessenen. Was richtet die Pandemie dort an?

INDIEN UND PAKISTAN
Die Angst vor Corona hat niemanden nach Kagdi zurückgebracht. Der Ort mit seinen heute drei Einwohnern ist eines von rund 1700 „Geisterdörfern“ im nordindischen Uttarakhand. Weil es hier weder Straßen, Strom, Schulen noch Arbeit gibt, sind die Dörfer seit Jahren verlassen.

Doch keiner der rund 200.000 Wanderarbeiter aus dem Bundesstaat ist dorthin zurückgekehrt. Armut ist für die meisten Menschen schlimmer als das Virus.
Am 17. Mai hat Indien seinen Lockdown ein drittes Mal verlängert, bis Ende Mai – mit verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft und die knapp 40 Millionen Wanderarbeiter des Landes.

Allein in den ersten Tagen nach Verhängung der Ausgangssperre am 24. März sind Tausende aus den Metropolen zu Fuß in ihre Dörfer auf dem Lande zurückgekehrt. Hunderttausende harren aber weiter ohne Arbeit, Essen und Unterkunft in den Städten aus. Sie leben von der Hand in den Mund.

Ein Lockdown für 1,3 Milliarden Menschen

Indiens Regierung sieht im weltweit größten Lockdown für 1,3 Milliarden Einwohner dennoch einen Erfolg. Nur: Während Städte wieder öffnen, steigt die Zahl der Neuinfektionen unvermindert an. Indien vermeldete am Freitag 119.400 Infektionen. An der Krankheit sind 3585 Menschen gestorben.

Wanderarbeiter sind in Indien besonders von Armut betroffen. Foto: Prakash Singh/AFP Vergrößern
Wanderarbeiter sind in Indien besonders von Armut betroffen. © Prakash Singh/AFP

Während Indiens Premier Narendra Modi einen strikten Lockdown verhängte, ohne sich um das Schicksal von Millionen Armen zu kümmern, nahm die Regierung im Nachbarland Pakistan eine andere Haltung ein. Regierungschef Imran Khan erklärte, ein kompletter Lockdown sei in einem Land nicht möglich, in dem ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebte.

So reagierte Pakistan am Ende mit einer Vielzahl chaotischer, unterschiedlicher Beschränkungen durch die örtlichen Behörden. Am Montag erlaubte das Oberste Gericht die Öffnung aller Einkaufszentren und erklärte die Schließung von Läden für verfassungswidrig. Pakistan meldete am Freitag 50.694 Covid-19-Infektionen und 1067 Todesfälle, die Zahl der Neuerkrankungen steigt. Millionen droht Armut.

JEMEN, SYRIEN, LIBYEN
Gesichtsmasken, Händewaschen, Abstand – was in den meisten Ländern wegen der Corona-Pandemie zum Alltag gehört, ist für die Menschen in den Krisenregionen des Nahen Ostens ein unerreichbarer Luxus. In Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten kämpfen Millionen ums Überleben. Das Virus dürfte dort weit stärker wüten, als offizielle Zahlen es nahelegen.

Im Jemen sind 80 Prozent der 28 Millionen Bewohner auf Hilfslieferungen angewiesen. Auch ohne Corona ist das Gesundheitssystem hoffnungslos überfordert. So zählte eine Klinik in der Hauptstadt Sanaa nach Angaben des Roten Kreuzes an einem einzigen Tag im April 500 neue Fälle der Cholera.

Der Krieg im Jemen geht weiter - trotz der Ausbreitung des Virus. Foto: Mohammed Huwais/AFP Vergrößern
Der Krieg im Jemen geht weiter - trotz der Ausbreitung des Virus. © Mohammed Huwais/AFP

Es gibt keine verlässlichen Angaben über die Verbreitung des Coronavirus in dem Land, das vom Krieg zwischen den Huthi-Rebellen und der Regierung zerrissen wird.

Der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zufolge wurden allein in den ersten zwei Wochen im Mai in einer Klinik in Aden 173 Corona-Patienten gezählt, von denen mindestens 68 starben. Offiziell meldet die Regierung aber nur 193 Fälle und 33 Tote in ihrem gesamten Machtbereich. Den Huthis wird ebenfalls vorgeworfen, das wahre Ausmaß der Erkrankungen zu vertuschen.

In Idlib lagern die Menschen dicht an dicht

Auch die Opfer des Krieges in Syrien sind dem Virus schutzlos ausgeliefert. Auch dort besteht der Verdacht, dass viele Fälle nicht bekannt werden. Mehr als sechs Millionen Syrer sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden, weitere 5,6 Millionen leben in der Türkei, im Libanon und in Jordanien.

Die offiziellen Zahlen von 58 Corona-Infektionen und drei Todesfällen für ganz Syrien dürften stark untertrieben sein. In Flüchtlingslagern wie denen in der umkämpften Provinz Idlib lagern die Menschen dicht an dicht. Im Libanon und in Jordanien wurden Flüchtlingslager hermetisch abgeriegelt. Die Flüchtlinge verlieren damit ihre Jobs als Tagelöhner und können kein Geld mehr für ihre Familien verdienen.

In Libyen sitzen rund 700.000 Menschen fest, die nach Europa wollen. Viele Flüchtlinge sind in Lagern zusammengepfercht, in denen Hunger, Krankheit und Gewalt und herrschen. Außerhalb der Lager tobt der Krieg zwischen der Regierung in Tripolis und den Truppen von General Haftar. Angesichts dieser Zustände dürfte es in Libyen wesentlich mehr Corona-Fälle geben als die gemeldeten 71 Infektionen und drei Todesfälle.

Viele Südafrikaner sind auf Essenszuteilungen angewiesen. Soldaten überwachen die Ausgabe. Foto: Siphiwe Sibeko/Reuters Vergrößern
Viele Südafrikaner sind auf Essenszuteilungen angewiesen. Soldaten überwachen die Ausgabe. © Siphiwe Sibeko/Reuters

SÜDAFRIKA
Was sich derzeit in Afrika in Sachen Corona-Epidemie abspielt, überrascht selbst Wissenschaftler.

Während Apokalyptiker zunächst Millionen sterbender Slumbewohner und Kleinbauern voraussagten, weisen die Daten zumindest bislang in eine ganz andere Richtung: Mit rund 3000 von weltweit mehr als 330000 Todesfällen (weniger als ein Prozent) liegt der Kontinent sehr deutlich unter der Quote, die man bei seinem Anteil an der Weltbevölkerung (gut 16 Prozent) erwartet hätte.

Die Überraschung erklären Experten unterschiedlich: Die einen machen die „afrikanischen Bedingungen“ dafür verantwortlich, zum Beispiel das warme Klima, die junge Bevölkerung oder dass viele Covid-19Opfer erst gar nicht also solche diagnostiziert werden. So meldete der Riesenstaat Nigeria bislang lediglich 200 Coronatote, obwohl Totengräber in der Stadt Kano über einen beispiellosen Boom in ihrem Metier berichten.

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Häufiger wird die These geäußert, dass der Kontinent keineswegs verschont bleiben wird, die Pandemie dort ihren Höhepunkt nur viel später erreichen wird. Das liege einerseits daran, dass der Erdteil seiner geringeren Flugverbindungen wegen erst Wochen später mit dem Erreger konfrontiert wurde. Und dass viele Regierungen diese Verspätung nutzten, so früh wie fast nirgendwo anders strikte Lockdowns zu verhängen.

Kommt der Höhepunkt der Pandemie erst noch?

Damit verdienten sich die meisten afrikanischen Staatschefs weltweit Lob. Zweifellos wurde die Ausbreitung des Virus von der schnellen Verhängung der Ausgangssperren zumindest abgebremst. Nur wenige bigotte Staatenlenker meinten ohne wissenschaftliche Beratung auskommen zu können. Die Folgen werden in Tansania oder Burundi bald zu sehen sein.

In Südafrika, dem Corona-Hotspot des Kontinents, konnte selbst ein harter Lockdown die Zahl der Neuansteckungen nicht eindämmen. Nach einer zweimonatigen, von Präsident Cyril Ramaphosa verhängten Ausgangssperre steigt die Quote so schnell wie noch nie an. Wissenschaftler sehen den Zenit der Pandemie erst für August oder September voraus.

Bis Ende dieses Jahres müsse am Kap der Guten Hoffnung mit bis zu 50.000 Toten gerechnet werden, sagen die Pessimisten. Bislang fielen dem Virus aber erst etwas mehr als 360 Südafrikaner zum Opfer.

Dicht an dicht beten Iranerinnen am Rande einer Teheraner Moschee. Foto: Atta Kenare/AFP Vergrößern
Dicht an dicht beten Iranerinnen am Rande einer Teheraner Moschee. © Atta Kenare/AFP

IRAN
Leugnen, beschwichtigen, vertuschen – so reagiert die Führung des Landes, als Ende Februar die ersten Corona-Fälle gemeldet werden. Dabei hat das Virus zu diesem Zeitpunkt sogar schon die Regierung infiziert.

Der Vizegesundheitsminister erklärt, schweißgebadet und hustend, die Lage sei stabil. Einen Tag danach heißt es, er habe Corona. Kurz darauf erklären die Behörden: Der Herr Minister sei erfreulicherweise wieder genesen. Die Pandemie breitet sich zu diesem Zeitpunkt bereits massiv aus.

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Doch die Verantwortlichen spielen den Ernst der Lage lange Zeit herunter. Erst als Vertuschen und Verschwörungstheorien das Regime der Lächerlichkeit preisgeben, steuern die Mullahs um – die Islamische Republik wird heruntergefahren. Sogar die Moscheen machen dicht, gegen den heftigen Widerstand der einflussreichen Kleriker. Das macht sich bemerkbar: Die Infektionszahlen sinken.

Schon Mitte April beginnen im Iran allerdings erste Lockerungsübungen. Geschäfte öffnen, Staatsbedienstete nehmen ihre Arbeit wieder auf. Es sei ein Gebot der Vernunft, diese Schritte zu gehen, betont der eine Teil der Herrschenden. Es gebe Millionen Menschen, die unter der Krise litten und um ihr Überleben kämpfen. Sie brauchten dringend Einkünfte.

Rivalitäten in der Führung verhindern einen einheitlichen Kurs

In der Tat leiden viele Iraner seit Jahren unter großer wirtschaftlicher Not – was an den Sanktionen der USA, aber auch an Missmanagement und Korruption liegt. Die Menschen verarmen, wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. So trifft die Pandemie das Land mit voller Wucht. Dennoch gibt es unter den Regierenden nicht wenige, denen die Öffnung viel zu weit geht. Sie pochen darauf, dass die Gesundheit der Menschen Priorität haben müsse.

Die jüngsten Zahlen scheinen ihnen recht zu geben: Die Kurve der Infektionen steigt wieder an, eine zweite Welle zeichnet sich ab. Dessen ungeachtet findet das Regime nicht zu einer einheitlichen Vorgehensweise – und die Regierung unter Präsident Hassan Ruhani verfügt offenkundig nicht über genügend Macht, dem Einhalt zu gebieten.

Gut 131.000 Fälle sind bestätigt, mehr als 7200 Menschen an Covid-19 gestorben. Aber sogar iranische Gesundheitsexperten bezweifeln die offiziellen Zahlen. Das volle Ausmaß der Pandemie werde vertuscht.

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